Nr. 44/2018 vom 01.11.2018

Die Revolution im Strobolicht

Kopftücher, Trillerpfeifen und überall Smileys: Vor dreissig Jahren schlug mit Acid House die Stunde null der Schweizer Technoszene. Auch die «Bewegung» tanzte los. Doch vielen Linksalternativen war die «schwule Drogenmusik» ideologisch suspekt.Von Bjørn Schaeffner (Text) und Felix von Muralt (Fotos)

«Eines nahen Tages wird es in Zürich keine Beizen mehr geben, nur noch Discos.»
Christoph Schuler in der «Fabrikzeitung», 1988

Das Lebensgefühl kam in der Nacht. Aber es hatte kaum Platz dafür. Bei der ersten Zürcher Acid-House-Party am 8. Oktober 1988 war kein Reinkommen, die umfunktionierte Backstube an der Zähringerstrasse 22 platzte aus allen Nähten. Dani Koenig schickte Bässe aus den Boxen. Die Tanzfläche dampfte. Gemalte Smileys grinsten von den weissen Plättliwänden. Aber nicht lange. Im Nu verliefen sie in der Kondensation und zogen im Strobolicht groteske Fratzen. Niemand habe Drogen nehmen müssen, witzelt Koenig. Die Leute hätten genug halluziniert.

Ääääcid! Echt jetzt, Ääääcid? Man könnte annehmen, dass die Schweizer Version des berüchtigten «Summer of Love» von 1988 eher zahm war. Dass hier kein Tanzsturm über die Jugend gefegt ist wie in England, höchstens ein Gewitterchen in der Provinz gepoltert hat.

Aber ein bisschen irre war es schon. Acid House inspirierte. Was ein Ding von Eingeweihten war, lugte vergnügt Richtung Masse. Mit Acid House tanzten in der Schweiz Menschen miteinander, die davor wenig voneinander wollten: Punks und Popper, Alternative und Secondos, Hippies und Modefreaks, Schwule und Machos.

Gegen das würdelose Getrappel

Acid House in der Schweiz erzählt aber noch eine andere Geschichte. Wie sich elektronische Dancefloorkultur mit der politischen Achtzigerbewegung gerieben hat. In dieser Reibung entstand eben auch das: frische Energie. Acid House war der Funken, mit dem Techno in der Schweiz zündete. Ein Funken, für den schon ein paar Pioniere die Lunte gelegt hatten.

Im Herbst 1988, als die Acid-House-Bewegung in der Schweiz Gestalt annahm, war das vielen zu viel: die quengelnden Bässe, die Trillerpfeifen, die Neo-Hippie-Emblematik. In einer Zeit, in der Jugendkulturen noch richtig polarisieren konnten, verströmten diese UrraverInnen mit ihren selbst genähten Smiley-T-Shirts und den ach so verwegenen Kopftüchern eine optimistische Verruchtheit. Empörte Rock ’n’ Roller riefen zu Stop-Acid-Partys, wo man wider die elektronische Tanzwelle schwofen sollte. Die NZZ stöhnte über das würdelose «Acid-House-Getrappel in den neuen Bars». Die «Fabrikzeitung» der Roten Fabrik druckte eine Discopolemik, deren Zeilen immer wieder zum rhythmischen Refrain anhoben: «Stampf. Umpf. Stampf. Umpf.»

Unter Verdacht

Die Schweizer Misstrauenskultur hatte Tradition. Radio und Fernsehen schmähten bis Mitte der achtziger Jahre fast alles, was sich als Disco- oder Dancekultur gerierte. Das Bildungsbürgertum klagte über die orgiastische Selbstgefälligkeit, die die Discojugendlichen in Scharen befalle. Ähnlich der Tenor der Linken: Das Tanzen unter der Glitzerkugel sei oberflächlich und unkommunikativ, der Sound stumpf bis stupid.

An der Synthesizermusik nage das Schreckgespenst der Entmenschlichung. Man lehnte sich an Theodor W. Adorno an, der mahnte, das musikalische Mantra der Wiederholungsschlaufen entspreche einem kapitalistischen Marktdiktat. Gemeint waren die Loops der Discomusik, wie sie sich später auch im House und Techno drehten. Und da waren die geraden Beats und gestrichenen Scheitel bei Bands wie Kraftwerk oder DAF: Der Verdacht faschistoid geprägter Neomarschmusik lag nicht fern.

Sturmgewehr in der Disco

Als Carlos Perón, Urmitglied von Yello, ein paar Wochen nach dem Opernhauskrawall an Synthesizern in der Roten Fabrik musizierte, schmissen Punks Steine in sein Atelier. Prompt ging Perón zum Gegenangriff über. Er richtete die Boxen aus dem Fenster und drehte die Lautstärke auf. Auf «Einsatz» erklangen verhäckselte Politikerreden. Perón erlaubte sich mit der noisigen Nummer einen «ironischen Kommentar auf Zusammenstösse zwischen der Staatsmacht und den Alternativen».

1984 fand in der Roten Fabrik ein Festival statt mit «Techno-Disco von Kraftwerk bis electronic funk» und einem Vortrag: «Was ist Computermusik?» Eine Gruppe der revolutionären Linken klaute alle Computer, um sie selbst für die Revolution einzusetzen. Ein Jahr später tobte in der WOZ eine heftige Debatte, ob Computer für Revolutionszwecke geeignet sind. Oder einfach nur böse.

Explosiv war die Stimmung ums Autonome Jugendzentrum (AJZ) an der Limmatstrasse. Als 1981 vis-à-vis die Disco Pasadena eröffnete, war der Ärger programmiert. Die gestylte Klientel des Pasadena – das Gros zwischen sechzehn und zwanzig – war das Feindbild der Autonomen: So sah sie aus, die angepasste Konsumjugend. Und die Popper – viele davon Italosecondos – ächteten die Alternativen. Das zeigten sie weniger mit Randale als mit der Oberflächenkraft von Fiorucci-Outfits: Man provozierte, indem man die bürgerlichen Werte mit Gusto zur Schau stellte.

Töfflis gingen in Flammen auf, die Tür des Pasadena wurde mit Rammböcken traktiert, der Club musste notevakuiert werden. Einmal sei eine junge Discobesucherin gepackt, nackt ausgezogen und ohne Kleider zurückgelassen worden. «Das gab mir den Rest», sagt Beat Schaub alias Vitamin S, DJ-Pionier und damals Betreiber des Pasadena. Irgendwann habe er sogar das Sturmgewehr mitgenommen. Aus Selbstschutz. «Schade eigentlich. Wir hatten ja denselben Traum: mehr Freiräume.»

Die ersehnten Freiräume sahen allerdings verschieden aus. Die einen wollten soziale Kulturorte, aber da waren auch die, die Kasse machen wollten. Die Nachfrage war für alle unbestritten gross: In Zürich, Bern, Lausanne, Genf und Basel lief zu wenig Gutes in der Nacht. Clubs wie das Zürcher Roxy zelebrierten eine Kultur der Exklusivität, also der Ausgrenzung, waren viel zu teuer oder schlicht bünzlig. Lizenzen für längere Öffnungszeiten hatten die wenigsten. Ein paar BetreiberInnen behalfen sich mit einem Kniff: Die Gäste brachten die Getränke selber mit, so umging der Club die Sperrstunde.

Abheben im Psychorama

An seiner Vision des Nachtlebens tüftelte in Bern ein Tontechniker und Computerspezialist. Peter MacTaggart stammte aus der Tschechoslowakei und verschmolz in seiner Partywerbung auch mal sozialistisches Pathos mit Cyber-Goa-Romantik: «Unter der Führung von Captain Zero vorwärts zum hellen Morgen der Sinnlichkeit.» Captain Zero, das war der Nerd MacTaggart. Ab 1983 organisierte er mit aufwendigen Dekors, eigenem Soundsystem und Lichtshows bestellte Partys, die ein buntes Publikum anzogen: KundInnen aus dem Olmo-Modeladen, KünstlerInnen aus der Lorenzini-Bar und ein Grüppchen tanzseliger Bhagwan-JüngerInnen. Diese «Psychorama»-Partys bebten voller kosmischer Schwingungen – und waren die Nächte, wo die BernerInnen zum ersten Mal Housemusik hörten. «Psychorama» wurde zu einem der frühen Fixsterne der Schweizer Clubkultur. Ideologische Skrupel, mit den Partys ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, hatten MacTaggart und seine Partnerin Katie Grossenbacher keine. Reich geworden sind sie nicht.

Gelangweilt vom Zürcher Nachtleben waren Oliver Stumm und James Wolfensberger. Wolfensberger stand noch unter dem Eindruck der vibrierenden Downtownszene in New York, wo er zwei Jahre gelebt hatte. Der DJ-Pionier Oli Stumm war ebenfalls in den USA aufgewachsen. Das Duo begann, illegale Partys zu veranstalten, die erste fand 1984 im Sexkino Walche statt. Punks mischten sich unter Züribergkids, einer der Gäste war auf Hafturlaub und demolierte das WC. Für die Party waren Einladungskärtli verteilt worden – von einem «Flyer» sprach noch niemand. Das Konzept war neu. Auch, dass man für ein solches Fest Eintritt zahlen musste. Die Anlässe machten sich verdächtig, eine Kommerzkultur zu fördern.

Oli Stumm sah keinen Widerspruch darin, Madonna zu mögen und in der Roten Fabrik an Silvester einen «Tanzpalast» zu bauen – auch wenn ihm schon mal einer die Faust ins Gesicht hauen wollte. Stumm und Wolfensberger glaubten, dass man dem betonierten Zeitgeist ein Schnippchen schlagen könne. Für dieselbe Party machten sie verschiedene Einladungskärtli, mit unterschiedlichen Adressen drauf. Die kommerziellere Szene zahlte fünf Franken, wenn sie übers Sihlquai auf die Tanzfläche kam. Wer dagegen zu den Alternativen gehörte und via Ausstellungsstrasse kam, musste nichts bezahlen. 1987 klangen die Houseplatten aus Chicago, mit denen Stumm sein Set bestritt, auch für die alternative Szene nicht mehr ganz so merkwürdig.

Linke AktivistInnen wie der spätere Gastrounternehmer Koni Frei und der DRS-3-Musikredaktor Markus «Punky» Kenner zeigten sich bekehrt. Als Kenner erste Acid-House-Platten in der Sendung «Sounds!» spielte, kam das auf der Redaktion gar nicht gut an. Frei und Kenner organisierten auch die erste grosse Zürcher Acid-House-Party im Volkshaus. Tausende strömten hin, wieder war Dani Koenig der DJ.

Fröhli mit jedem Löli

Das Discosyndicat entstand, ein Kollektiv aus dreissig Leuten. Kenner war 1979 schon ein Mitgründer der Organisation «Rock als Revolte» gewesen, die die kulturpolitische Ausrichtung der «Bewegung» wesentlich geprägt hatte. Jetzt wurde die Housemusik politisch aufgeladen, die Parolen klangen aber gut gelaunt, nicht mehr griesgrämig: «Die neue Revolution läuft über die Disco. Nur mit fröhlichen Leuten machst du gute Revolten. Wir machen die grösste, beste und geilste Disco der Stadt.» «Disco Revo» nannte sich die Bewegung, die sich auch in anderen europäischen Städten regte, in Barcelona, Riga oder Rimini.

Das Discosyndicat-Kollektiv reiste nach Rimini, seinerseits eine Schaltzentrale der jungen europäischen Housekultur. Man wollte dort ExrotbrigadistInnen treffen, die in der Adriastadt «Disco Revo» machten. Die Gäste aus Zürich stellten allerdings verwundert fest, dass da gar kein Acid House lief. Sondern Oldies Rock.

Das Discosyndicat, das seine Wurzeln in der «Bewegung» hatte, wurde zu einer Avantgarde der alternativen Technoszene. Man war selbstorganisiert, tanzte im Kollektiv für die Weltverbesserung und gegen die lokale Malaise, setzte sich für Discos ein, die für jede und jeden zugänglich waren. So utopisch die Tanzrevolution war: Diese engagierte Tradition wirkt fort bis in die Gegenwart – von den klandestinen Kellerbars der neunziger Jahre über die «Reclaim the Streets»-Bewegung der nuller Jahre bis hin zum Rhizom-Festival.

1988 jedoch stand das Discosyndicat bei den Zürcher Alternativen noch unter Verdacht. Man spottete, hier werde «Fröhli mit jedem Löli» praktiziert: verkappter Hedonismus, Abfeiern unter dem Deckmäntelchen der Moral. Für den Autor und Filmemacher Thomas Haemmerli war dieses Kritteln aber auch typisch für die Lustfeindlichkeit, die die achtziger Bewegung durchdrang: «Ein guter Teil der Bewegung war wahnsinnig konservativ und spiessig geworden. Die Nebenfraktion, die einen Tick anders war, fand man immer das Allerletzte.»

Schwule Drogenmusik

In der Romandie musste man sich auch noch an den Dancefloorsound gewöhnen. Als Stephan «Mandrax» Kohler im alternativen Jugendzentrum Dolce Vita in Lausanne die erste Acid-House-Party organisierte, legte das gesamte Barpersonal aus Protest die Arbeit nieder. Die Ressentiments gegen die «schwule Drogenmusik» seien enorm gewesen, sagt Kohler.

Diese Pointe hatte damals niemand im Kopf: dass die moderne DJ-Kultur vor allem schwule Clubpioniere gebaut haben, soziale Aussenseiter. House klang für die Linke zu stark nach schwülstigem Disco – als zusätzliches Handicap kam dazu, dass die Housemusik wenig auf Konfrontation gebürstet war, mehr auf Verständigung angelegt.

Ironischerweise war es aber genau «schwule Drogenmusik», die eine subversive Kraft entfalten sollte. An ersten Technopartys verfolgten einstige AnhängerInnen der Roten Armee Fraktion noch mit verkniffenem Gesicht das Treiben auf der Tanzfläche, während die Beine schon im Takt wippten. Auch anderen Altlinken ging es so: Der Dancefloor war ideologisch suspekt – bis die erste Ecstasypille alles auf den Kopf stellte.

Disco, aber mit Wumms

Ecstasy kam aber erst ein paar Jahre später. 1988 war die Droge in der Schweiz kaum im Umlauf. Der «Blick» schlug vorsorglich Alarm gegen die «teuflische Drogenmusik». Inspiriert war die Panikmache ganz offensichtlich von der Anti-Acid-House-Hysterie des britischen Boulevardblatts «The Sun». Aber zur Fortsetzungsstory reichte es in der Schweiz nicht: Es liessen sich schlicht keine Drogenopfer ausfindig machen.

Im Herbst, in dem Acid House lostanzte, knisterte es ohne MDMA. In der Ecke roch es ein bisschen nach Cannabis, Alkohol wurde kaum getrunken. Auch Marco Repetto staunte über all die frischen und freundlichen Gesichter, die an den ersten Acid-House-Partys in Zürich und Bern harmonisch miteinander tanzten. Viele Nationalitäten, viele Szenen. Repetto, italienischer Secondo und als Gründer der Band Grauzone der Punktradition verpflichtet, musste alte Feindbilder revidieren. «Ääääcid» war zum Katalysator geworden, verband Menschen, die vorhin kaum miteinander zu tun hatten.

Für Marco Repetto zeigte Acid House auch musikalisch einen mittleren Weg auf: Der Sound wummerte zwar im alten Herzschlag von Disco, hatte aber den Wumms von Punk. Die elektronische Tanzfläche wurde für den Skeptiker verträglich.

Die Smileys sollten zwar Ende 1989 wieder verschwinden. Aber das war erst der Anfang. 1991 schrieb Suzanne Zahnd in der WOZ: «Ich dachte wirklich, das sei bloss ein harmloser Modefurz, diese Tanzseuche. Doch die Tarnung war gut, plötzlich sind nahe Freunde infiziert. Die Revolution wird bei Strobolight betrachtet und siehe: Sie bewegt sich.»

Die Punks und das Tränengas

Der Rest ist Schweizer Technogeschichte: An Raves wurde bald zu härteren Beats getanzt. Irgendwann kam die Street Parade. Grossanlässe wie Energy und Lethargy mit Tausenden Besuchern. Es gab Megaparty. Überall in der Schweiz, von Roggwil bis Montreux. Und was geschah 1992, als im besetzten Wohlgroth-Areal eine Technoparty stieg? Britische Breakbeats wummerten durchs Gemäuer, an den Plattentellern stand auch Philipp Anz alias Triple P, bis Punks die Nacht mit Tränengas sprengten.

Ja, die späten Achtziger waren eine Zeit des Aufbruchs. In der Clubkultur öffnete sich ein Raum, in dem Dogmen plötzlich Freiheiten wichen. Die Revolution hat nicht stattgefunden, aber die alten Feindbilder sind auch nicht restlos im Tanzen zerbröselt. In der Berner Reitschule wurden noch lange Stromleitungen gekappt, um «imperialistische» DJs zu sabotieren.

Auch hat sich viel von dem, was die allererste Technogeneration gelebt hat, im Überangebot und in den falschen Drogen neutralisiert. Immerhin: Es kracht wieder im Gebälk, ein Rumoren wider die Kommerzialisierung geht durch die alternative Clubszene. Die Schweizer Acid-House-Zeit bleibt uns so im Gedächtnis: Ideologie tanzte mit Spasskultur, Utopie mit Pragmatismus, Do it yourself mit Nachmachen, Hippietum mit Hipstergesten. Ein gutschweizerisches Chrüsimüsi voller Widersprüche.

Die Fotos von Felix von Muralt auf dieser Doppelseite sind an einer Acid-House-Party 1989 im Zürcher Volkshaus entstanden.

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