Nr. 44/2018 vom 01.11.2018

Wie war das in den Siebzigern in Bern?

Beide sind sie 1955 in der Ostschweiz geboren und zogen in den siebziger Jahren nach Bern: Christina Hausammann als Jusstudentin, Alex Sutter als Philosophiestudent. Richtig kennengelernt haben sie sich aber erst zwanzig Jahre später bei ihrer Arbeit für den Schutz der Menschenrechte.

Von Adrian Riklin (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Es konnte damals schon passieren, dass man am Morgen von einem ‹Tschugger› geweckt wurde»: Alex Sutter und Christina Hausammann im Hauptgebäude der Uni Bern.

WOZ: Christina Hausammann, Sie sind in den sechziger Jahren im Thurgau aufgewachsen. Wurde damals am Familientisch in Ermatingen über gesellschaftliche Probleme diskutiert?
Christina Hausammann: Ein wiederkehrendes Thema waren der Zweite Weltkrieg und seine Gräuel. Das hatte auch damit zu tun, dass meine Grossmutter aus Frankfurt stammte und da noch Verbindungen bestanden. Auch über die Abtreibungsfrage und natürlich über das Frauenstimmrecht wurde diskutiert, das ja erst 1971 eingeführt – und im Kanton Thurgau im Übrigen von 56 Prozent der stimmenden Männer abgelehnt wurde. Als ich als doch eher verträumtes und schüchternes Landmädchen nach Kreuzlingen an die Kanti kam, staunte ich zunächst, mit welchem Eifer sich Menschen mit ideologischen Fragen herumschlagen können. Mich effektiv mit Politik auseinandergesetzt und zunehmend Stellung bezogen habe ich aber erst ab Mitte der siebziger Jahre, als ich in Bern mit dem Jusstudium begann.

Warum gerade Bern – und nicht Zürich?
Hausammann: Mein Vater, ein Landarzt, hatte schon in Bern studiert, mein Bruder ebenso. Hauptgrund aber war: Zürich war mir zu nah beim Elternhaus.

Auch Sie, Alex Sutter, wuchsen in der Ostschweiz auf – und zogen 1974 nach Bern, um Philosophie zu studieren.
Alex Sutter: Ich wollte einen Schnitt machen, möglichst weit weg von zu Hause. Damals war Bern ja noch viel weiter weg. Ich bin mit drei Geschwistern in Uzwil aufgewachsen. Mein Vater war Mitbesitzer eines Familienbetriebs, der vor allem Weinpressen und -stahltanks herstellte.

Und wie wurden Sie politisiert?
Sutter: Als Kantischüler in St. Gallen bin ich früh in die damalige Protestbewegung hineingekommen. Zum Beispiel haben wir 1973 mit einer radikalen Schülerzeitung Furore bis in den Regierungsrat gemacht. In Bern dann habe ich sofort Anschluss zur Spontiszene gefunden. Ich verstand mich als Teil einer Gegenkultur, die den ausserparlamentarischen politischen Widerstand mit der kulturellen Revolte verband. So war ich 1978 bei der Gründung der Berner Videogenossenschaft Container TV dabei. Dort spezialisierte ich mich auf Collagen aus Fernsehmaterial.

Bern in den Siebzigern: Wie fühlte sich das als junger Mensch an?
Sutter: Da ich mich im subkulturellen Kontext bewegte, erlebte ich die Stadt vor allem aus diesem Mikrokosmos heraus. Ich wohnte nacheinander in drei grösseren WGs, denen gemeinsam war, dass sie in Opposition zum «herrschenden System» standen und dies auf vielfältige Weise lebten. Doch im Allgemeinen hatte man in dieser Gegenkultur einen gewissen Freiraum. Ausser bei gewissen Überschneidungen: In einer WG, in der ich wohnte, sind ab und zu Leute aufgetaucht, die auf der Kurve waren. Da konnte es schon passieren, dass man am Morgen von einem «Tschugger» geweckt wurde. In der Zeit des Deutschen Herbsts gab es keine scharfen Abgrenzungen zwischen Militanten, Spontis, Kulturrebellinnen, Salonmarxisten und weiteren zugewandten Orten; man musste seinen eigenen Weg suchen.

Wie war das bei Ihnen, Christina Hausammann?
Hausammann: Ich bewegte mich mehr – sagen wir mal – unter den Suchenden. Mit Ideologien tat ich mich nach wie vor schwer. Doch Grundrechte haben mich schon damals sehr beschäftigt: Wer hat was für Rechte und welchen Zugang zum Recht? Engagiert habe ich mich ad hoc: bei Umweltaktionen etwa, für Amnesty oder in der Jusfachschaft. Ich erinnere mich auch daran, dass wir eine feministische Unigruppe hatten und eine Ausstellung in der Eingangshalle des Unihauptgebäudes organisierten, an der wir Fakten und Zahlen zur Stellung der Frau in der Politik und im Bildungsbereich präsentierten. Das allein war damals schon fast ein revolutionärer Akt. Jedenfalls wurde die Ausstellung gleich nach Ablauf der vereinbarten Dauer vom Hausdienst abgenommen, zerstört und geschreddert.

Und dann?
Hausammann: Wir haben uns bei der Univerwaltung beschwert und Schadenersatz gefordert – der uns dann, wenn ich mich recht erinnere, auch kommentarlos gewährt wurde.

Und Sie, Alex Sutter, kamen auch Sie in Konflikt mit der Unileitung?
Sutter: Bei der Besetzung des Soziologischen Instituts 1974 ging es um die Anstellungspolitik. Ich habe miterlebt, wie die Polizeigrenadiere im Institut einfuhren. Dabei wurden vier Studierende verhaftet und zu teilweise unbedingten Gefängnisstrafen verurteilt, was weitere, grössere Proteste nach sich zog. Die Grenadiere gerufen hatte übrigens der Soziologieprofessor Walter Rüegg, der schon in Deutschland rechte Opposition gegen 68er-Studenten gemacht hatte. Auch bei den Philosophen gab es heftige Auseinandersetzungen, nachdem rechtsgerichtete Professoren und der Regierungsrat die Berufung des Philosophen Hans Saner verhindert hatten. Da machten wir ziemlich Rummel und haben eines Nachts den Eingang der Erziehungsdirektion zugemauert.

Die Juristin Christina Hausammann (63) und der Philosoph Alex Sutter (63) waren bis Ende September 2018 GeschäftsleiterInnen des Vereins humanrights.ch, den sie 1999 gemeinsam gegründet hatten.

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