Nr. 44/2018 vom 01.11.2018

Apokalypse im Garten

Michelle Steinbeck verfeuert ihr Mobiliar

Von Michelle Steinbeck

Ich habe mal einen Roman geschrieben, in dem die Hauptfigur durch eine apokalyptische Welt rennt, und hinter ihr bricht alles zusammen.

Mittlerweile erscheint es mir umgekehrt – die schönste Explosion, das feurigste Todesspektakel, das langsam qualvolle Dahinsiechen liegen vor uns, und wir bewegen uns unvermeidlich darauf zu.

Wie auf einem Förderband am Flughafen, das dich zum Gate bringt. Da steht man so drauf und gleitet durch futuristische Tunnels und fragt sich, was diese grössenwahnsinnigen, paranoiden Alleinherrscher eigentlich antreiben mag. Und das Flugzeug fliegt dann zum Beispiel an die Copacabana, wo die Party des Jahres steigt, und alle machen mit den Fingern piu piu piu!

Als wir vor einem Jahr in Rio de Janeiro ankamen, sagte man uns, wir hätten einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Der Drogenkrieg gerade wieder am Ausbrechen. Die Banden aus den Verstecken zurückgekehrt. Heute sehe ich in einem Video der «New York Times» die Favela Babilônia: die Tripadvisor-Touri-Favela mit Hostels und «Favela Chic», in der wir uns damals einquartierten. Ich erkenne die Strassen, die Gebäude und Treppen. Aber der Ort wirkt wie eine blöde Kulisse, tot. Durch die menschenleeren Gassen schleicht ein schwer bewaffneter, maskierter Militärtrupp.

In der Schweiz schleicht sich derweil der Winter an und drückt mit seinem Grau gegen die Scheiben. Wir sollten uns alle mit UV-Licht-Lampen und einem Halbjahresvorrat Raclette in unseren Stubenréduits verschanzen und warten, bis der Spuk vorbei ist. Der Sprühregen, die Basler Messe, der Faschismus, die Menschenrechte. Ich verfeure mein Mobiliar, weil die Heizung schlecht für die Umwelt ist. Lutsche Codeinbonbons und lese Karen Duves dickes neues Buch über Annette von Droste-Hülshoff. Sie hat immer verschlammte Rocksäume, also Annette.

Karen Duve wohnt auf einem Bauernhof und hat schon viele Bücher geschrieben. An das letzte muss ich oft denken. Es heisst «Macht» und wurde von der männlichen Kritik verrissen. Ich habe es darum lange nicht gelesen, schliesslich bin auch ich im Irrglauben aufgewachsen, die Herren Experten müssens ja wissen. Als ich es dann doch las, kam es mir sehr einleuchtend vor. «Macht» spielt in der nahen Zukunft, die Apokalypse steht im Garten und ist ein Rapsfeld. Die Männer haben sich aus den Führungspositionen verabschiedet, sie zum letzten Besenreinmachen der Erde an die Frauen abgetreten. Diese führen sinnvolle Massnahmen zur Senkung des CO2 ein: Fleischpunkte, Flugpunkte und so weiter. Fisch gibt es nicht mehr, stattdessen essen alle Quallensalat und schlucken Jungmachpillen. Natürlich ist es nutzlos, weil bereits zu spät; der Untergang lässt sich nicht aufhalten und klopft laut an die Tür.

Bei mir klingelts dafür, und wie ich die Wohnungstür öffne, stehen im Gang zwei süsse junge Herren. Sie haben Geräte dabei und müssen hereinkommen, etwas vermessen. So hantieren sie und kleben Papiere an meine Wände mit grossen Vermessungspunkten drauf. Im ganzen Haus hängen diese Papiere nun und schreien: Ihr armen Loser, geniesst noch die letzten Monate in eurer Siffbude, dann reissen wir euch ab!

Wenn die Bagger kommen, werde ich am Fenster stehen und auch den Pistolenfinger machen: Piu piu piu!

Michelle Steinbeck lebt in Basel und ist stolze Autorin eines Romans und eines umstrittenen Gedichtbands (ihre Grossmutter sagt, das sei doch keine richtige Lyrik). Nun bereitet sie sich auf den wohlverdienten Winterschlaf vor.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch