Nr. 44/2018 vom 01.11.2018

Den Teufel im Sexclub austreiben

Simon Jaquemet («Chrieg») wirft in seinem neuen Film die grosse Ideenmaschine an – ohne Angst vor dem Überdrehen. Ein Märchen über Demut und Hybris, Tod und Auferstehung.

Von Florian Keller

Im Zwiespalt: Ihre Liebe gilt Jesus, doch jetzt bricht Ruths (Judith Hofmann) geordnetes Leben auseinander. Still: Ascot Elite

Frommer Mann, was nun? Seine Frau ist scheinbar besessen, aber mit dem Exorzismus in der Freikirche will es nicht so recht klappen. Dann versuchen wirs halt mal im Sexclub. Den Teufeln bei den Hörnern packen quasi. So steigt das gottgefällige Ehepaar im Film «Der Unschuldige» nun hinab in einen profanen Lustpalast, und zwar so routiniert, als hätten die beiden ihre freien Stunden seit jeher in Swingerclubs verbracht.

Der Frömmler fährt die Frömmlerin in den Sextempel, auf dass sie dort geheilt werde mittels Triebabfuhr? Das leuchtet zwar nicht wirklich ein, aber so funktioniert ja die beglaubigende Kraft des Kinos: In einem Film kann man alles behaupten, sofern man es nur überzeugend tut. Und Simon Jaquemet behauptet wieder ungeheuer gut in diesem Glaubensdrama, seinem zweiten Spielfilm nach «Chrieg».

Damals, in Jaquemets gefeiertem Erstling, landete ein schwieriger Teenager im Erziehungscamp auf einer Alp, aber statt Zucht und Ordnung und der heilenden Kraft der Berge erwartete ihn dort oben die despotische Anarchie der Problemkinder, die das Regime längst übernommen hatten. «Chrieg» war ein sehniges Drama über den diffusen Zorn einer Jugend, die nicht wusste, wohin mit ihrer rebellischen Energie. Ein krasser Film auch, der sich manchmal etwas gar selbstgefällig an der eigenen Krassheit aufputschte.

Der Heilige auf dem Sofa

Und jetzt also: Ruth, die treue Seele in «Der Unschuldige». Sie ist Tierärztin und Mutter zweier Töchter, hat einen lieben Mann namens Hanspeter und ein blitzblankes Einfamilienhaus am Waldrand, Mobiliar weiss wie in einem Spital. Ihre erweiterte Familie finden die beiden bei den Evangelikalen, in einer Freikirche in der Industriezone, wo die Gottesdienste in einem anonymen Seminarraum abgehalten werden, unter klinischem Neonlicht. Es ist keine freudlose, aber eine aseptische Welt. Bis eines Tages etwas förmlich aus Ruth herausbricht und sie im Kreis ihrer Gemeinde auf den Spannteppich kotzt.

Auf dem Parkplatz draussen will sie nämlich Andi gesehen haben, ihre Liebe aus einem früheren Leben. Der war vor langer Zeit als Raubmörder verurteilt worden, aber Ruth hielt unerschütterlich an seiner Unschuld fest. So hat sie wohl ihren Glauben an eine irdische Gerechtigkeit verloren und stattdessen zu Jesus gefunden. Und dann sitzt dieser Andi eines Nachts plötzlich bei ihr daheim auf dem Sofa und lächelt gütig wie ein Heiliger. Von dieser alten Liebe heimgesucht zu werden: Für Ruth muss das wie ein Wunder sein, ein Zeichen des Himmels. Der Evangelist von der Freikirche sieht das naturgemäss etwas anders, nachdem sie mit Andi das schneeweisse Sofa entweiht hat: «Das war der Teufel, mit dem du geschlafen hast!»

Als dieser Teufel sich nicht so leicht austreiben lässt, kutschiert ihr Mann sie dann eben in diesen Sexclub, das sieht ein wenig aus wie «Eyes Wide Shut» in der Agglo. Mit der Logik der Figuren hat der Ausflug herzlich wenig zu tun, aber Jaquemet geht es dann gar nicht so sehr um die spiessige Fantasie von einem Orgienhaus, die er hier veranstaltet. Denn der ganze Trip ist ein Alibi – ein Alibi, um Ruths existenzielle Verzweiflung in einem Angstbild von kosmischen Dimensionen gipfeln zu lassen. Eine ungeheure Szene von nachtschwarzer Verlorenheit ist das, der Moment überwältigend. Und dann ist Ruth reif für ihre spirituelle Wiedergeburt.

Dass in dieser gläubigen Frau womöglich noch ein anderer Mensch wohnt als die treu sorgende Christin, als die wir sie kennenlernen, das deutet der Film schon früh an, in kleinen Verhaltensauffälligkeiten. Etwa wenn Ruth eine Schachtel mit Erinnerungen aus dem Regal zerrt, viel zu ruppig, mit der unbändigen Energie einer Getriebenen. Oder dann im Auto, als sie viel zu schnell durch ein Parkhaus rast und später einmal so gekonnt eine Polizeistreife abschüttelt, als hätte sie im Leben nie etwas anderes gemacht. Und was treibt Ruth dazu, das Fleisch, das sie zum Essen hätte braten wollen, im Affekt nach draussen zu tragen und es dort in der Wiese zu begraben? Wer tut so etwas?

Zum Gebet deportiert

Judith Hofmann spielt das phänomenal, diese latente Getriebenheit in einer Figur, die doch meist so gefasst wirkt und äusserlich gar nichts Auffälliges hat. Sie erdet diese Frau, sie hält den Film zusammen und überspielt mit ihrer darstellerischen Präsenz so manches, was in Jaquemets Drehbuch mehr wie ein ambitionierter Ideenbauplan anmutet. Dass die fromme Ruth ausgerechnet als Tierärztin in einer Biotechfirma arbeitet, wo versuchsweise die Köpfe von Laboraffen verpflanzt werden, damit wir dereinst den Traum von der Überwindung unserer Sterblichkeit wahr machen können – das kann uns der Pressetext schon als «ambivalentes Leben zwischen Wissenschaft und christlicher Tradition» verkaufen. Dabei ist es einfach etwas hanebüchen.

Aber, und das ist nicht zu unterschätzen: Hier wird nichts vorsorglich zurückgestutzt aus Angst, man könnte überdrehen. Also ja, dieser Film überdreht manchmal. Aber Simon Jaquemet traut sich auch extrem viel, wenn er hier die ganz grosse Ideenmaschine anwirft: Glaube und Wissenschaft, Trieb und Kontrolle, Demut und Hybris, Tod und Auferstehung. Und wo Schweizer Spielfilme zum erklärenden Dialog neigen, vermag Jaquemet, die Ideen, die er in den Raum stellt, auch in Bilder zu fassen. Da ist, wie schon in «Chrieg», kaum ein Wort zu viel, weil die Szenen von sich aus genug Kraft entwickeln. Das ist Kino, wie es nicht viele hier im Land beherrschen.

So grundverschieden sind die zwei Filme also gar nicht, Echos aus dem Erstling geistern auch in «Der Unschuldige» durch manche Szenen. Etwa wenn draussen vor dem Einfamilienhaus der Minivan wartet, mit dem Ruths Tochter weggebracht wird, und als die Schiebetür zugeht, können wir lesen, wohin die Reise geht: ins «Pray Camp». Nicht zum Drill auf die Alp also, sondern ins Betlager. Und einmal im Film treiben tatsächlich zwei Jungs aus «Chrieg» ihr Unwesen, fast schon ein Selbstzitat. Da tut er wieder krass, mit Sex und Gewalt und so, dabei hätte Jaquemet das gar nicht nötig.

Die Ordnung im Kopf

Denn «Der Unschuldige» ist nicht nur der leisere, reifere Film als «Chrieg», sondern auch der mutigere. Jaquemet und sein Kameramann Gabriel Sandru machen es sich ja nicht leicht mit dem sehr gewöhnlichen Umfeld ihres ungewöhnlichen Dramas. Das fängt bei den Drehorten an – Parkplätze und gesichtslose Seminarräume, dieses unpersönliche Einfamilienhaus – und reicht bis zu den Gesichtern, die Jaquemet für den Film ausgewählt hat. Es sind lauter Menschen ohne besondere Kennzeichen, das gilt für Judith Hofmann in der Rolle der Ruth, und mehr noch gilt es für die drei Männer in ihrem Leben. Der Ehemann, der Priester in der Freikirche, ihre alte Liebe, die wieder auftaucht: Alle haben sie diese netten, rundlichen Durchschnittsgesichter.

Aber gibt es diesen Andi denn wirklich? Und falls er nur für Ruth wirklich existiert, ist er ein Heiliger oder vielleicht doch der Teufel? Bei einem Film, der so eindringlich um Fragen des Glaubens und Zweifelns kreist, muss man sich nicht wundern, wenn dann auch der eigene Glauben auf die Probe gestellt wird und man selber zu zweifeln beginnt.

«Der Unschuldige» ist ein Märchen aus einem Milieu, das Wunder nur duldet, wenn sie die eigene Ordnung nicht stören. Als der Film nach ein paar Extraschlaufen zu seinem grandiosen Schlussbild findet, hat Ruth den Kopf wieder in Ordnung gebracht. Genau wie der Pfarrer zu ihr gesagt hat. Und doch ganz anders.

Jetzt im Kino.

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