Nr. 44/2018 vom 01.11.2018

Pizzoccheri sei Dank

Die Energiewende darf nicht auf Kosten der Landschaft gehen, fordert (nicht nur) Bettina Dyttrich

Von Bettina Dyttrich

Aber ihr müsst doch Kompromisse machen! Ihr wollt das Klima schützen und die AKWs abstellen? Aber neue Stauseen wollt ihr auch nicht? Und Windturbinen schaden dem Landschaftsbild? Wo soll der Strom denn herkommen?

Solchen Vorwürfen sehen sich fast alle ausgesetzt, die sich Sorgen um den Landschaftsschutz machen. Und Grund dazu gibt es genug: Die Erhaltung von Seeufern, Dorfkernen, alten Häusern und nicht überbauten Bergtälern, einst ein Herzensanliegen von patriotischen Bürgerlichen, ist heute für die Mehrheit des Parlaments nur noch ein Hindernis für den Profit. Bürgerliche StänderätInnen unter der Führung des Zuger Freisinnigen Joachim Eder wollen das Natur- und Heimatschutzgesetz aufweichen, damit das Bauen in Schutzgebieten viel einfacher wird – für Energieanlagen, aber auch alle möglichen anderen lukrativen Bauprojekte.

Ende September trafen sich rund zwanzig gestandene AktivistInnen im linken Bildungszentrum Salecina in Maloja, um über Energiewende und Naturschutz zu diskutieren. Viele haben oft mit den erwähnten Vorwürfen zu tun. Etwa die Aktiven des Grimselvereins, die nicht einsehen wollen, warum einer der eindrücklichsten Talkessel des Berner Oberlands, die Trift, einem Stausee geopfert werden soll. Sie stellten sich auf kontroverse Diskussionen mit den anwesenden Energieexperten ein – und waren erstaunt: Auch Ingenieur Heini Glauser und SP-Politiker Ruedi Rechsteiner lehnen das Triftprojekt ab. Viel sinnvoller und erst noch günstiger sei es, Solaranlagen auf bestehenden Dächern und an Autobahnen zu bauen, führte Rechsteiner aus.

Während des Wochenendes wurde die Stimmung immer besser. Die Höhenluft, die Pizzoccheri und die beeindruckende Landschaft spielten dabei bestimmt eine Rolle, vor allem aber die Einsicht: Nein, wir müssen nicht. Solange es keinen klaren Zeitplan für den AKW-Ausstieg gibt und kein Verbot von Verbrennungsmotoren und Ölheizungen in Sicht ist, solange also die Verschwendung ungebremst weitergeht, müssen wir sicher nicht Ja sagen zu weiteren Landschaftszerstörungen. Für die Rechten und Bürgerlichen ist die Energiewende einfach eine gute Gelegenheit, den Landschaftsschutz aufzuweichen. Zum Glück sind auch viele Kantone gegen die Verwässerung des Natur- und Heimatschutzgesetzes; nun hat die Umweltkommission des Ständerats den zentralen Artikel des Gesetzes abgelehnt.

Im Schlussmanifest schreiben die TagungsteilnehmerInnen: «Ziel kann es nicht sein, unbegrenzt Anlagen zur Produktion erneuerbarer Energie zu bauen, sondern es ist viel wichtiger, den Verbrauch der nuklearen und fossilen Energien auf null zu reduzieren. (…) Ein gutes Leben mit deutlich weniger Energieverbrauch ist möglich.»

Die Schweizerische Energiestiftung (SES) hat diese Woche eine Studie veröffentlicht, die zeigt, was dem Solarstrom zum Durchbruch verhelfen kann: www.energiestiftung.ch/strommarkt.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin und hat die Tagung in Salecina mitorganisiert.

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