Nr. 44/2018 vom 01.11.2018

Eine Kandidatin für alle

Vor den US-Zwischenwahlen sind alle Augen auf das konservative Georgia gerichtet. Auf Wahlkampftour mit Stacey Abrams, die gute Chancen hat, zur ersten schwarzen Gouverneurin des Landes zu werden.

Von Lukas Hermsmeier, Atlanta

Stacey Abrams könnte Geschichte schreiben. Foto: Benjamin Lowy, Getty

Stacey Abrams will den Menschen, die sich an diesem Nachmittag für sie versammelt haben, Hoffnung machen. Also erzählt sie die Geschichte eines jungen Mannes, der vom Weg abkam.

Die Spitzenkandidatin der DemokratInnen steht auf einem Parkplatz in Augusta, Georgia, und schildert, wie der Mann erst drogensüchtig und dann kriminell wurde. Wie er im Gefängnis landete und wieder rauskam. Wie er als Vorbestrafter keinen Job und als Arbeitsloser keine Krankenversicherung fand. «Seine bipolare Störung blieb lange unbehandelt», sagt Abrams, «weil sich die Familie keine ärztliche Untersuchung leisten konnte.» Er wurde rückfällig und erneut straffällig.

Der Mann, von dem Abrams spricht, ist ihr Bruder Walter.

Etwa 150 Leute haben einen Halbkreis um sie gebildet. Manche halten Regenschirme gegen die stechende Sonne in die Luft, andere Pappschilder mit ihrem Namen: «Abrams. We are Georgia.» Viele RentnerInnen sind gekommen. Und besonders viele schwarze Frauen. «Walter hat Fehler gemacht», sagt Abrams, «aber er wurde auch vom System im Stich gelassen.» Eine Geschichte, wie sie die meisten hier allzu gut kennen. Aus ihren eigenen Familien. «Ich bin angetreten, um mich für alle einzusetzen. Nicht nur für die Gewinner», ruft sie ins Mikrofon. Die ZuschauerInnen klatschen vorsichtig, dann immer lauter. Eine Frau am Rand sagt leise «Amen».

Abrams möchte Gouverneurin von Georgia werden, damit es bald weniger Walters gibt.

Richtungsweisende Wahl

Am 6. November ist die Wahl, und sollte die 44-jährige Demokratin gegen ihren Kontrahenten Brian Kemp, einen ultrakonservativen Republikaner, gewinnen, wäre Abrams nicht nur die erste Frau und die erste Afroamerikanerin an der Spitze des Südstaates, sie wäre auch die erste schwarze Gouverneurin in der Geschichte der USA überhaupt. Abrams möchte Geschichte schreiben.

Im ganzen Land sind die US-AmerikanerInnen bei den Zwischenwahlen zur Stimmabgabe aufgerufen. Alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie ein Drittel der Sitze im Senat werden neu vergeben. Ausserdem geht es in 36 Bundesstaaten um den Gouverneursposten. Die «Midterms» sind auch für Präsident Donald Trump richtungsweisend. Sollten die RepublikanerInnen die Mehrheit in einer oder sogar in beiden Kammern des Kongresses verlieren, wird Trumps parteiinterner Rückhalt schwinden. ExpertInnen schätzen, dass die Wahlbeteiligung so hoch sein wird wie zuletzt vor fünfzig Jahren. Von den «wichtigsten Midterms aller Zeiten» ist die Rede. Und auf Georgia, wo die beiden KandidatInnen in Umfragen gleichauf liegen, schaut das Land besonders genau.

Wer Beweise für die oft beschworene Spaltung des Landes sucht, der wird in Georgia fündig. Die ländlichen Regionen sind in fester Hand der RepublikanerInnen. In den urbanen Gebieten dagegen sind die DemokratInnen stärkste Kraft. Bei der Präsidentschaftswahl 2016 wählten 75 Prozent der Weissen Trump, 89 Prozent der Schwarzen stimmten für Clinton.

Die weisse Basis der RepublikanerInnen ist gross, seit 2002 gewinnen sie alle wichtigen Wahlen in Georgia. Doch die demografischen Verhältnisse verschieben sich. Bereits in zehn Jahren werden People of Color über die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Georgia befindet sich im Wandel, und niemand repräsentiert diesen so gut wie Stacey Abrams.

Als Kommunistin beschimpft

Eine Stunde nach der Parkplatzrede betritt sie eine Turnhalle in Grovetown, einer Kleinstadt im Osten Georgias. Die Menschen springen von ihren Plastikstühlen hoch, schreien: «Stacey, Stacey, Stacey!» Abrams klatscht ab, schreitet zum Pult. Über ihr hängt eine grosse US-Flagge. «Ich habe das Gefühl, es steht eine Wahl an …», sagt sie und grinst so, dass man ihre Zahnlücke sieht. Das Publikum lacht. Die nächsten zwanzig Minuten werden ernst.

Eine herausragende Rednerin ist Abrams nicht. Muss sie auch gar nicht sein. Sie rast durch ihr Programm: mehr Geld für öffentliche Schulen, Reform des Strafjustizsystems, Unterstützung für LandwirtInnen, Finanzhilfen für Kleinunternehmen. Moderate Forderungen, für die Abrams im erzkonservativen Lokalradio als Kommunistin beschimpft wird. Insbesondere die Ausweitung des staatlichen Krankenversicherungssystems Medicaid liegt Abrams am Herzen. «Eine halbe Million Georgians können sich keine Krankenversicherung leisten. Ausserdem werden immer mehr Spitäler geschlossen», sagt sie. Ihr Konkurrent Kemp verteufelt die Reformpläne als Bürde für die SteuerzahlerInnen. Doch Abrams kontert: «Aktuell verzichten wir auf Milliarden von Dollar, die uns an Bundesmitteln für Medicaid zustehen.»

Abrams, die seit Jahren im Staatsparlament von Georgia sitzt, ist keine Kommunistin. Vielmehr ist sie eine pragmatische Sozialdemokratin. Schon jetzt wird spekuliert, dass sie irgendwann US-Präsidentin werden könnte. Wer mit Abrams’ Fans spricht, hört immer wieder einen Namen: Barack Obama. «Solch eine Euphorie haben wir zuletzt bei Barack erlebt», sagt Melly Briggs, eine 67-jährige ehemalige Kindergärtnerin. Obama sei schon ganz gut gewesen, keine Frage, aber irgendwann sei es Zeit für eine afroamerikanische Frau an der Spitze, so Briggs. «Abrams ist die erste Politikerin, mit der ich mich wirklich identifizieren kann.» Ein Satz, der so oder so ähnlich noch ein paarmal an diesem Tag fallen wird.

Stacey Abrams wuchs mit fünf Geschwistern in Mississippi auf. Die Mutter arbeitete als Bibliothekarin, der Vater als Werftarbeiter. Irgendwann zog die Familie nach Atlanta, wo beide Eltern PastorInnen wurden. Geld war immer knapp. Abrams schaffte es an die Eliteuniversität Yale, wo sie Jura studierte. Sie arbeitete zunächst als Anwältin, bevor sie in die Lokalpolitik wechselte. 2013 gründete Abrams das New Georgia Project, eine Initiative mit dem Ziel, neue WählerInnen zu registrieren. Die Mobilisierung schwarzer und hispanischer WählerInnen ist ihr bisheriges Lebenswerk. Deshalb schliesst sie die meisten ihrer Wahlkampfreden auch mit einem Auftrag ab: «Ihr müsst eure Freunde so lange nerven, bis sie mit zur Wahl kommen.» Das Nerven scheint sich zu lohnen. Bei der vorzeitigen Stimmabgabe deuten sich Rekordzahlen an.

Angst vor Wahlbehinderung

In der Turnhalle von Grovetown stehen zwei weisse, mittelalte Männer am Rand. «Abrams gibt Illegalen Unterschlupf» steht auf ihrem Schild. Sie sind gekommen, um «aufzuklären», wie einer der beiden Republikaner sagt. Doch sie werden ignoriert.

Das Thema, das die Schlagzeilen der letzten Tage beherrscht hat, steht jetzt im Raum: «voter suppression», Wahlbehinderung. Es geht um 53 000 Anträge, die unbearbeitet zu bleiben drohen. Die grosse Mehrheit der Betroffenen ist schwarz. Und in vielen Fällen ist es nur eine Kleinigkeit wie ein Bindestrich, den die BürgerInnen beim Ausfüllen der Formulare vergessen haben. Dass solche Diskriminierungspraktiken nicht gestoppt werden, hat in Georgia einen simplen Grund: Abrams Widersacher Kemp ist als amtierender Secretary of State auch derjenige, der die Wahl beaufsichtigt. Abrams spricht von einer «Atmosphäre der Angst», die Halle wird lauter. «Sperrt ihn ein! Sperrt ihn ein!», rufen die AnhängerInnen, doch Abrams hebt ihren linken Zeigefinger. «Nein, nein, nein. Wir sperren niemanden ein. Wir wählen ihn aus dem Amt.»

Sie spricht den Namen ihres Konkurrenten ungern aus. Auch über den Präsidenten redet sie selten. Überhaupt fühlt sich Trump hier weit weg an. Während demokratische KandidatInnen in anderen Bundesstaaten expliziten Anti-Trump-Wahlkampf betreiben, weiss Abrams, dass das im konservativen Georgia wohl kontraproduktiv wäre.

«Stacey ist so progressiv, wie es in Georgia im Moment geht», sagt Eric Robertson, ein Aktivist und Mitglied der Democratic Socialists of America. Robertson, der Abrams seit Jahren begleitet, hat in ein Restaurant im Nordosten Atlantas geladen. An den Wänden von «Manuel’s Tavern» hängt neben Sportwimpeln auch ein gemalter John F. Kennedy. Robertson bestellt Chicken Wings und Cider. «Sie ist die richtige Kandidatin zur richtigen Zeit», sagt der 44-Jährige, «und sie hat ihr gesammeltes Geld klug investiert: in Strassenwahlkampf.» Abrams’ HelferInnen gehen seit Monaten von Tür zu Tür. Die Kandidatin selbst hat längst alle 159 Countys des Staates besucht. «Die Midterms werden normalerweise von den meisten ignoriert», so Robertson. «Aber Stacey schafft es, Massen zu mobilisieren. So hat sie auch die Vorwahlen gewonnen.»

Ein echtes Leben

Abrams hat viel gewonnen in ihrem Leben. Und sie hat Rückschläge erlebt. Vor einigen Jahren musste sie ihre Getränkefirma schliessen. «Nicht weil uns die Kunden fehlten, sondern weil wir von den Banken keinen Kredit bekommen haben.» Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte sie in einem Gastbeitrag für das «Fortune»-Magazin die Höhe ihrer Schulden: 200 000 US-Dollar. Der Grossteil aus der Unizeit. Noch so eine Geschichte, die vielen vertraut ist. «I have a real life» ist einer ihrer Sätze. Ein echtes Leben. Zu dem auch eine Karriere als Buchautorin gehört. Von 2001 bis 2009 veröffentlichte sie unter dem Namen Selena Montgomery acht Romane. Es sind Liebesthriller mit schwarzen Frauen in den Hauptrollen.

Der Kontrast zu ihrem Konkurrenten könnte kaum krasser sein. Brian Kemp bezeichnet sich selbst als «politisch inkorrekten Konservativen». In einem Wahlkampfvideo posiert der Republikaner mit seinem silbernen Pick-up-Truck: «Falls ich ein paar illegale Kriminelle schnappen muss, kann ich sie persönlich nach Hause fahren.» In einem anderen Video zielt der 55-Jährige mit einem Gewehr auf einen Teenager, der seine Tochter daten will.

Kemp liebt Trump. Und Trump braucht Kemp. Georgia muss rot bleiben.

«Die Mehrheit der Weissen wählt in jedem Fall Republikaner. Für Abrams wären 25 bis 30 Prozent der weissen Stimmen ein Erfolg», sagt die Politikwissenschaftlerin Andra Gillespie. Eine von ihnen ist Chasity Bray, eine 44-jährige Sanitäterin aus Augusta. «Am Anfang habe ich versucht, meine Familie davon zu überzeugen, nicht mehr Republikaner zu wählen. Ich habe aufgegeben. Und die meisten mittlerweile auf Social Media geblockt», sagt sie.

Die letzte Station an diesem Tag ist Thomson, ein Dorf zwischen Atlanta und Augusta. Der Wahlkampfbus hält vor einem Kosmetiksalon. Abrams steht vor rund hundert Menschen, drei von ihnen sind weiss. «Ich werde die Gouverneurin für alle von euch», ruft sie.

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