Nr. 44/2018 vom 01.11.2018

Ein Gläubiger der Liebe

Von Bettina Dyttrich

Manche kämpfen ihr Leben lang gegen die Prägungen ihrer Kindheit an. Josiah Wise alias Serpentwithfeet kämpft nicht – er transformiert. Aus der Musik, Symbolik und Sprache seiner christlichen Jugend schafft der afroamerikanische Musiker erotische Kunstwerke. Aufgewachsen ist der heute Dreissigjährige in einer frommen Familie in Baltimore: Der Vater verkaufte christliche Bücher, die Mutter leitete den Kirchenchor, in dem Wise bereits als Kind mitsang. Aber schon früh wusste er, was ihn von seiner Kirche trennt: Er liebt Männer.

Dass Wise trotz beeindruckender Stimme kein Konservatorium fand, das ihn für eine klassische Gesangsausbildung aufnehmen wollte, ist vielleicht ein Glück: Heute bewegt er sich virtuos und einfallsreich zwischen den Stilen. Auf seinem ersten Album, «Soil», arbeitet er mit Gospel und R ’n’ B genauso wie mit Elementen und Instrumenten der sogenannten E-Musik. Er kann poppig sein wie Michael Jackson, verschroben-reduziert mit gesampelten Stimmen und Beats («Seedless»), ganze Orchester auffahren oder zu einem einsamen Harmonium seinen Liebeskummer klagen. Im Video zu «Cherubim» liegt er im Schoss seines Geliebten wie Jesus bei seiner Mutter, verfolgt ihn mit absurden Tänzen durch die Wohnung, preist ekstatisch die körperliche Liebe: Selten hat man in einem Musikvideo eine so zärtliche und verspielte Choreografie gesehen. Bei allen grossen Gefühlen schimmert oft auch Humor durch: «I wanna fuck but can we read about it first?»

Erotische Symbolik hat im Christentum Tradition: von den Psalmen der Bibel über die Gedichte mittelalterlicher Nonnen, die Jesus als ihren geistigen Liebhaber verstanden, bis zum Gospel. Serpentwithfeet knüpft daran an, wenn er die schwule Liebe als spirituelles Fest feiert. Das wirkt nie gewollt blasphemisch, sondern wie ein Fingerzeig: Wie anders käme das Christentum daher, wenn es seine Körperfeindlichkeit überwände …

Konzerte am Donnerstag, 1. November 2018, um 21 Uhr in Düdingen, Bad Bonn, und Freitag, 2. November 2018, 19 Uhr, in Zürich, Exil.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch