Nr. 44/2018 vom 01.11.2018

Der lasterhafte Philosoph

Von Brigitte Matern

Seine Spur verliert sich 1463. Kein Augen- oder Ohrenzeuge, kein Aktenvermerk, kein Gedicht, das auf ein Weiterleben schliessen liesse. Gründe zu sterben gab es damals allerdings mehr als genug. Der gerade beendete Hundertjährige Krieg mit England hatte in Frankreich ein Chaos hinterlassen, und dann vernichtete auch noch eine Eiszeit die Ernten: Die Winter waren bitterkalt und lang, die Sommer verregnet, Hunger und Seuchen grassierten. Ob er aber wirklich schon mit (vermutlich) 33 Jahren gestorben ist? Wir wissen es nicht.

Der Magister Artium hatte zwar rund 3000 höchst eindrückliche Verse hinterlassen, über sein Leben erfahren wir aber nur wenig Gesichertes (das meiste stammt aus Gerichtsakten): 1449 hatte er sich an der Pariser Faculté des arts eingeschrieben und war drei Jahre später Doktor der Philosophie. Danach geriet er in eine Schlägerei, die einen Priester das Leben kostete, floh aus Paris, kehrte 1456 jedoch mit einer Begnadigungsurkunde zurück, laut der er in Notwehr gehandelt hatte. Noch im selben Jahr brach er mit vier Kumpanen in ein Universitätskolleg ein und verschwand mit 500 erbeuteten Goldtalern, wurde verpfiffen, landete im Gefängnis und kam gegen ein Bussgeld wieder frei (man vermutet, auf Fürsprache seines Pflegevaters). Nach einer weiteren Schlägerei, bei der ein päpstlicher Notar verletzt wurde, drohte ihm dann der Strang. Gegen das Todesurteil legte er Berufung ein, mit Erfolg, doch wegen seines «schlimmen Lebenswandels» schickte man ihn für zehn Jahre in die Verbannung. 1463 verliess er Paris und ward nie mehr gesehen.

Der französische Schriftsteller François Rabelais liess den lasterhaften Philosophen jedoch weiter vagabundieren. Jemand, dessen Gedichte so prall voll Leben waren, der die Pfaffen, Fürsten, Folterknechte so wortgewaltig verhöhnte und die dicke Margot und all die anderen Huren so leidenschaftlich liebte – so jemand konnte doch nicht einfach gestorben sein! Und ein deutscher Übersetzer fühlte sich dem «Augenblicksvielfrass» so nah, dass er ihm aus dürren Fakten und den kraftvollen Balladen die Biografie eines stolz revoltierenden Künstlers wob. Zudem schob er ihm fremde Verse unter (nämlich seine eigenen), was dem verschollenen Dichter – auch dank Klaus Kinskis unvergesslicher «Erdbeermund»-Interpretation – zu grossem Nachruhm verhalf.

Wie heisst der Gauner und Volkspoet, dessen Werk Bert Brecht heimlich für die «Dreigroschenoper» ausbeutete und der sich bei Wolf Biermann saufend im Kleiderschrank versteckt?

Wir fragten nach dem französischen Dichter François Villon. Bei dem deutschen Übersetzer handelt es sich um den Schriftsteller und Lyriker Paul Zech (1881–1946), dessen umstrittene Nachdichtungen – verewigt in dem dtv-Band «Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon» – den spätmittelalterlichen Poeten im deutschen Sprachraum berühmt machten; von Zech stammt unter anderem «Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau», besser bekannt als «Erdbeermund»-Ballade, die Klaus Kinski 1959 erstmals auf Platte aufnahm («Kinski spricht Villon»). 1986 widmete Wolf Biermann «seinem grossen Bruder» die «Ballade auf den Dichter François Villon».

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