Nr. 45/2018 vom 08.11.2018

Zurück in die Zukunft

Im neuen Dokumentarfilm von Christian Frei spielen Forscher Gott – und entfesseln so die Geister, die sibirische Mammutjäger zu bändigen suchen.

Von Franziska Meister

Jagd durch die Tundra: Ein intakter Mammutstosszahn bringt bis zu 90 000 US-Dollar. STILL: FRENETIC FILMS

Keine Frage, es ist eine berauschende, ja rauschhafte Geschichte: erzählt mit musikalischem Pathos über atemberaubenden Naturbildern – und mit Aussagen von WissenschaftlerInnen, bei denen einem tatsächlich der Atem stockt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind das wollhaarige Mammut, seit bald 4000 Jahren ausgestorben, und jene, die es heute wieder jagen: Stosszahnjäger in der arktischen Tundra und Bioingenieure in den Labors dieser Welt. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Was sie eint, ist der Rausch. Der Rausch, nach dem weissen Gold der Mammutstosszähne auf den Neusibirischen Inseln zu suchen, und der Schöpfungsrausch, das Mammut quasi aus der Petrischale auferstehen zu lassen.

Virtuos verknüpft der Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei diese gegensätzlichen Welten in seinem neuen Film «Genesis 2.0». Als Urszene dient ihm der Fund eines fast vollständig intakten Mammuts, dessen Bilder 2013 um die Welt gingen. Beim Ausgraben führte ein unsorgfältig geführter Pickelschlag zum Auslaufen einer dunkelroten Flüssigkeit. Mit diesem Moment beginnt der kollektive Blutrausch.

Und wir sind live dabei, wie Peter Grigorievs Pickel das Mammut ritzt. Dokumentiert von der wackligen Handkamera, mit der sein Bruder Semyon die Forschungsexpedition tagebuchartig festhält. Frei hat die Bilder als Rückblende eingebaut, kommentiert werden sie von Semyon Grigoriev, Paläontologe und Direktor des Mammutmuseums in Jakutsk. Er und sein Bruder, der hauptberuflich Stosszahnjäger ist, sind die zentralen Figuren, über die sich die Geschichte von «Genesis 2.0» entspinnt. Denn während wir Peter auf die Jagd im arktischen Norden begleiten, führt uns Semyon mit den Blut- und Gewebeproben des Mammuts im Gepäck direkt in die Labors in Südkorea und China.

Im Goldrausch

Acht Wochen war Koregisseur Maxim Arbugaev im Sommer 2015 mit den Stosszahnjägern unterwegs. Zurückgekehrt ist er mit einer archetypischen «Man against nature»-Geschichte, die abwechslungsweise an Robert Flahertys Dokfilmklassiker «Nanook of the North» (1922) und Werner Herzogs «Fitzcarraldo» (1982) erinnert. Mit benzinbetriebenen Schlitten kämpfen sich die Männer über Gras und Stein, durch Wasser und Schlamm, bleiben immer wieder stecken. Beackern die gefrorene Erde mit Eisenstangen, Pickel und Spaten. Getrieben von der Hoffnung, auf einen Mammutzahn zu stossen – einen grossen, intakten. So einer bringt bis zu 90 000 US-Dollar. Das lockt auch desperate Figuren wie Spira an: Arbeitslos, verschuldet, lässt er Frau und Kinder zurück, um sein Glück als Jäger des weissen Goldes zu suchen. Die Einöde der Tundra aber fordert ihren Tribut. Jahr für Jahr schaffen es zwei, drei Männer nicht zurück aufs Festland.

Derweil das Drama im hohen Norden seinen Lauf nimmt, besucht Christian Frei die Wirkstätten von Gentechnikern und Bioingenieuren, die man auch als «mad scientists» apostrophieren könnte. Der US-Molekularbiologe George Church etwa hat 2017 prophezeit, dank synthetischer Biologie den menschlichen Alterungsprozess binnen zehn Jahren rückgängig machen zu können. Und der Klonexperte Woo Suk Hwang aus Südkorea sorgte 2006 für einen der grössten Fälschungsskandale der modernen Forschungsgeschichte, als er behauptete, menschliche Stammzellen aus einem geklonten Embryo gewonnen zu haben.

Während Church in Boston sogleich von einer Schar begeisterter JungforscherInnen umringt wird, wo immer er sich mit seinem weissen Rauschebart zeigt, umtänzelt Hwang in seiner Klonfabrik in Südkorea ein Rudel kläffender Hunde. Für 100 000 US-Dollar kriegt man hier seinen verstorbenen Liebling geklont (und eine zweite Kopie gratis dazu). Wir sind live bei einer Geburt dabei – und auch, als Semyon Grigoriev hier seine Mammutgewebeproben übergibt. Was der Film nicht erwähnt: Sein Fund geht auf eine von Hwang ausgesetzte Jagdprämie für die Beschaffung von verwertbarem Mammuterbgut zurück.

Im Schöpfungsrausch

Letzte Station ist die weltgrösste Gensequenzierungsinstitution in China. Wer hier forscht, will DNA nicht nur lesen, sondern auch neu schreiben – oder wie es der Leiter im Film ausdrückt: «Wir können Gottes Werk perfekt machen.» Im konkreten Fall bedeutet das, Embryos mit Downsyndrom zu «eliminieren», wie eine Wissenschaftlerin lächelnd erläutert. Auf die Frage nach ethischen Bedenken friert ihr Lächeln allmählich ein und erstirbt. Sie begreift die Frage gar nicht.

Die Stosszahnjäger im hohen Norden hingegen wissen aus den Erzählungen ihrer Ahnen, dass sie die Erde nicht aufbrechen sollten. Ein Mammut zu finden, gelte als schlechtes Omen, sagt Peter Grigoriev, und Stosszähne auszugraben, bringe Unglück. Deshalb können wir im Videotagebuch seines Bruders zusehen, wie er am Ende der Ausgrabungen mit einem schamanistischen Ritual die Mammutgeister zu besänftigen sucht. «Wie hast du es geschafft, diesen schrecklichen Teufel loszulassen?», fragt eine Frauenstimme mit einem jakutischen Heldenepos, das die Klammer des Films bildet. Welche Geister werden da in den Labors freigelassen?

«Genesis 2.0» ist kein analytischer Dokumentarfilm, der Für und Wider der Biotechnologie aufzeigt. Er glaube, dass Menschen irgendwann tatsächlich geklont und neue Lebensformen kreiert werden könnten, sagt Christian Frei. «Ich will mit meinem Film die frühen Anfänge davon zeigen.» Und er trägt so in gewisser Weise selbst den Geist in die Welt.

Jetzt im Kino.

Podiumsdiskussion mit Christian Frei und jungen Forschenden: Bern, CineMovie, Donnerstag, 8. November 2018, 19 Uhr.

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