Nr. 45/2018 vom 08.11.2018

Mehr Raum und mehr Respekt

Brauchen Kühe Hörner? Vieles spricht dafür. Vor allem brauchen Menschen eine Landwirtschaft, die Platz für Kühe mit Hörnern hat.

Von Bettina Dyttrich

Kuh: Die Agrarwissenschaften haben bisher kaum Interesse an den Hörnern gezeigt. FOTO: ULLSTEIN

«Ich musste beweisen, dass es auch mit Hörnern geht», sagt Jo Bucher. Schon bevor die Landwirtin 2013 den Biohof der Eltern übernahm, war für sie klar: Ihre Kühe sollten Hörner tragen. Doch ihr Vater war skeptisch, fürchtete Unfälle. Wie bei den meisten MilchviehhalterInnen hatte auch auf Buchers Hof am Luzerner Baldeggersee bisher eine Tierärztin oder ein Tierarzt den Aufzuchtkälbern unter örtlicher Betäubung die Hornansätze ausgebrannt.

Aber Jo Bucher hatte das Lehrjahr ihrer landwirtschaftlichen Zweitausbildung auf einem Biobetrieb mit behornten Kühen verbracht und dort gute Erfahrungen gemacht. Heute ist sie überzeugte Hornkuhhalterin: «Durch die Hörner ist es selbstverständlicher, dass ich den Kühen Raum geben und Respekt entgegenbringen muss. Ich muss wachsamer sein im Umgang mit ihnen – schauen, wo ich stehe, wenn eine den Kopf dreht. Und aufpassen, dass keine Kuh auf dem Weg in den Stall auf eine andere, bereits angebundene losgeht.»

Im Gegensatz zu den beiden komplexen Agrarinitiativen, die im September abgelehnt wurden, ist das Anliegen der Hornkuhinitiative simpel: Wer Kühe oder Ziegen mit Hörnern hält, soll dafür Geld bekommen. Die Fragen, über die vor der Abstimmung vom 25. November gestritten wird, sind trotzdem nicht einfach zu beantworten: Brauchen Kühe Hörner? Und wie schlimm ist das Enthornen für sie?

Anderes ist viel gefährlicher

Viele BiolandwirtInnen sind überzeugt, dass das Horn auf komplexe Weise für die Verdauung der Wiederkäuer wichtig ist. Darüber gibt es jedoch wenig gesicherte Erkenntnisse – die Agrarwissenschaften der letzten 150 Jahre hatten schlicht kein Interesse an solchen Fragen. Erwiesen ist, dass die Hörner eine Rolle für die Kommunikation spielen. Sie verstärken die Körpersprache: Oft reicht eine Kopfbewegung einer ranghöheren Kuh, und die unterlegene weicht aus. Wenn es doch zu Körperkontakt kommt, dienen die Hörner nur selten als Waffe, sondern sorgen beim Kampf Kopf an Kopf dafür, dass die Kühe nicht abrutschen.

Für Jo Bucher ist auch die Ästhetik wichtig: «Ich finde meine Kühe wahnsinnig schön. Ich erfreue mich jeden Tag an ihrem Anblick.» Sie benutzt nie sogenannte Hornführer, wie sie manche LandwirtInnen brauchen, um die Richtung der Hörner zu beeinflussen. Trotzdem sind alle schön gewachsen. Schon mehrmals hat sie Komplimente von anderen LandwirtInnen erhalten: «Auch sie finden meine Kühe schön, aber sie trauen sich trotzdem nicht, mit dem Enthornen aufzuhören.»

Horn oder nicht Horn? Für Bucher eine Frage der Prioritäten: «Auf vielen Höfen fehlen Raum und Zeit für Kühe mit Hörnern. Es wird enthornt, um die Tiere dem Betriebsablauf anzupassen.» Sie hingegen nehme sich viel Zeit, um eine enge Beziehung zu den Kühen aufzubauen. «Das stärkt das gegenseitige Vertrauen und vermindert die Unfallgefahr enorm.»

Die Unfallgefahr spielt im Abstimmungskampf um die Hornkuhinitiative eine wichtige Rolle – für Bundesrat Johann Schneider-Ammann, der Anekdoten aus dem Tierarztleben seines Vaters auspackte, ist sie eines der Hauptargumente gegen die Initiative. «Das ist absurd», sagt Jo Bucher. «Es gibt so viele Gefahren in der Landwirtschaft, besonders im Umgang mit Fahrzeugen und Maschinen. Hörner sind wirklich nicht die Hauptgefahr.» Auch ihr Vater hat inzwischen seine Meinung geändert.

Grösser als in einem Anbindestall wie bei Buchers ist die Verletzungsgefahr im Laufstall – vor allem für die Tiere. In einem knapp bemessenen Laufstall können ranghohe Kühe die schwächeren in die Enge treiben. Dann kommt es manchmal zu schweren Verletzungen. «Viele Laufställe sind einfach zu klein», sagt Anet Spengler, Agronomin, Rindviehspezialistin am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und Mitglied des Initiativkomitees. «Und zwar auch für Kühe ohne Hörner. Ich beobachte immer wieder rangniedere Tiere, die irgendwo in einer Ecke stehen und es nicht wagen, dann zu fressen oder sich hinzulegen, wenn sie wollen.»

Gute Laufställe für Hornkühe zu bauen, ist möglich; das FiBL hat dazu ein Merkblatt verfasst. Doch weil die Tiere mehr Platz brauchen, sind die Ställe teurer. Diese Mehrkosten könnten die Hörnerbeiträge decken, falls die Initiative Erfolg hat.

Etwas ist Landwirtin Jo Bucher noch wichtiger als die Hörner: dass die Kühe möglichst täglich weiden können. Vom Frühling bis in den Spätherbst hinein lässt sie ihre fünfzehn Original Braunen auf die Weide, im Winter und bei sehr nassem Wetter auf den Laufhof.

Hansuli Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes (STS), stimmt Bucher zu: «Der Weidegang ist für das Tierwohl das Allerwichtigste.» Wenn die Initiative angenommen werde, müsse das «Raus»-Programm des Bundes, das regelmässigen Auslauf im Freien vorsieht, Bedingung für die Hörnerbeiträge werden, «wie es auch Initiant Armin Capaul will».

Noch etwas beschäftigt Huber: Wie lange leiden enthornte Kälber? Auch diese Frage hat die Forschung bisher verschlafen. Die Resultate einer noch nicht publizierten Studie der Universität Bern – der allerersten zum Thema – lassen allerdings aufhorchen: 21 Prozent der enthornten Kälber zeigten noch drei Monate nach dem Eingriff klare Anzeichen von Schmerzen. «Der Bund muss dringend weitere Studien finanzieren», sagt Huber. «Sollte sich zeigen, dass auch ausgewachsene Tiere noch leiden, müssen wir über ein Enthornungsverbot nachdenken.» Bei Ziegen fordert der STS schon heute ein solches Verbot: Sie haben einen empfindlicheren Schädel und reagieren stärker auf die Narkose; immer wieder sterben Gitzi wegen des Enthornens.

Bald hornlos dank Genetik?

Das Restaurant Gallo am Zürcher Escher-Wyss-Platz wirbt für sein «Irish Angus Beef». Darunter die Zeichnung eines Rinderkopfs. Mit Hörnern natürlich – wie fast immer in der Werbung. Doch hier hat sich das «Gallo» getäuscht: Die aus Schottland stammenden Angus haben keine Hörner. Sie gehören zu den Rinderrassen, die seit Jahrhunderten hornlos gezüchtet werden.

Bis vor einigen Jahrzehnten hatten die meisten LandwirtInnen gar kein Interesse an hornlosen Tieren: Kühe und Ochsen mussten Pflüge und Wagen ziehen, dazu befestigte man ihnen das Joch am Horn. Heute geht es mit der Hornloszucht rasant voran. Agronomin Anet Spengler schätzt, dass in wenigen Jahren die meisten Rinderrassen grösstenteils hornlos sein werden. Damit wird auch das schmerzhafte Enthornen überflüssig.

Wäre damit das Problem gelöst? Nein, sagt Spengler. «Unser Wissen ist dünn, etwa beim Zusammenhang zwischen Horn und Fruchtbarkeit: Genetisch hornlose Ziegen sind oft Zwitter, genetisch hornlose Stiere entwickeln mit etwa vier Jahren öfter einen sogenannten Korkenzieherpenis und sind dann nicht mehr deckfähig.» Sie gibt zu bedenken: «Das Horn ist so ein differenziertes und lebendiges Organ – ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es überflüssig ist. Was geschieht, wenn wir jetzt allen Kühen die Hörner wegzüchten und in ein paar Jahren merken, dass sie eine wichtige Funktion haben, die wir noch nicht kannten?»

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