Nr. 45/2018 vom 08.11.2018

Komasaufen auf Puritanisch

Von Julia Wartmann

Frohe Botschaft für die PuritanerInnen unter uns: Laut einer Studie des Bundesamts für Statistik (BFS) hat sich der tägliche Alkoholkonsum in der Schweiz in den letzten 25 Jahren halbiert. Für «10 vor 10» ist das natürlich viel zu trocken, dort stürzt man sich lieber auf die Tatsache, dass «fast ein Viertel der jungen Schweizerinnen sich regelmässig betrinken». Zwar trinken junge Männer laut BFS immer noch mehr als ihre Altersgenossinnen, doch die Sorge gilt nur den jungen Rauschtrinkerinnen, deren Anteil sich seit 2007 von 12 auf 24 Prozent verdoppelt hat. Dabei ist zu bedenken: Für das BFS gelten schon vier bis fünf Gläser binnen weniger Stunden als «risikoreiches Konsumverhalten».

Bei «10 vor 10» kommt dann Markus Meury von «Sucht Schweiz» zu Wort, und in seinen Aussagen spiegelt sich die Sorge um das Wohl der Jungfrauen in Nöten. Meury weiss: Anders als Männer trinken Frauen, «um ihre Sorgen zu vergessen». Ausserdem würden Frauen heute besser akzeptiert, «auch wenn sie Alkohol trinken». Dass sie ihr Trinkverhalten dem der Männer anpassen, habe aber auch etwas Gutes: Die Anwesenheit des schönen Geschlechts wirke nämlich mässigend auf das männliche Trinkverhalten.

Damit helfen Frauen nicht nur den Männern, sondern der gesamten Gesellschaft, denn Männer im Rausch sind eine Gefahr für andere, Frauen für sich selbst. So etwa schildern es die Herren von der Parapolizei Sicherheit Intervention Prävention (SIP) in Zürich. Worin die Gefahr für sich selbst besteht, lassen sie leider offen. Vermutlich ist gemeint, dass betrunkene Frauen leichter Opfer von Übergriffen werden. Demnach ist es also an den Frauen, sich und andere vor triebgesteuerten Männern zu schützen.

Was vergessen geht: Viele junge Frauen und Männer trinken auch über die erlaubten vier bis fünf Gläser hinaus gerne Alkohol, ohne zur Gefahr für sich selbst oder andere zu werden. Ich selbst bin bloss froh, dass mein Umfeld nicht für diese Studie befragt wurde. Sonst wären die Zahlen mit Sicherheit durch die Decke geschnellt.

Einer unveröffentlichten Studie zufolge ist die Lektüre von vier bis fünf Studien binnen weniger Stunden als risikoreiches Studienverhalten einzustufen.

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