Nr. 45/2018 vom 08.11.2018

Tanz dich frei!

Über vierzig Jahre nach ihren ersten Discohits gibts jetzt ein neues Album von Chic. Nile Rodgers, der Kopf der Band, beschwört mit Parolen wie «Boogie All Night» wieder die emanzipatorische Kraft der Tanzfläche. Doch gibt es die noch?

Von Arno Raffeiner, London

Boogie die ganze Nacht, bis die Welt eine bessere ist: Nile Rodgers und Chic. FOTO: DANIEL DESLOVER, ZUMA / ALAMY

«Tanzen wird seit Ewigkeiten als ultimativer Ausdruck von Freiheit verstanden. Und es ist immer noch eines der subversivsten und hemmungslosesten Bedürfnisse.» Das schreibt der Popjournalist Daryl Easlea in seinem Buch «Everybody Dance. Chic and the Politics of Disco» (2004). Darin deckt der Autor die politischen Implikationen des Treibens auf den Tanzflächen vor allem der späten siebziger Jahre auf. Die Band, die Easlea dabei in den Fokus nimmt, ruft jetzt wieder unmissverständlich zum Ausleben subversiver Bedürfnisse auf: «It’s about Time» heisst das Album, das Chic nach einer Studiopause von 26 Jahren soeben veröffentlicht haben.

Nile Rodgers, der Kopf der Band, die wie keine zweite den Klang von Disco definierte, führt damit das Erbe der Epoche an den aktuellen Chartsmainstream heran. Das Album trumpft mit prominenten Gästen auf (Elton John, Lady Gaga, Emeli Sandé) und zerpflückt den klassischen Discosound durch die Überaffirmation aktueller technischer und ästhetischer Standards. «It’s about Time» wirkt etwas verloren zwischen der eigenen Geschichte und dem Drang, im Heute anzukommen – zumindest in musikalischer Hinsicht. Aber man kann das Album als den Versuch hören, die befreienden Werte, die beim Aufkommen von Disco mit der Tanzfläche verknüpft waren, neu zu behaupten.

Beim Gespräch in den Abbey Road Studios in London kommt Rodgers wiederholt auf diese Werte zu sprechen, er beschwört sie geradezu als einigende Kraft in einer verkommenen Gesellschaft. Und er hebt hervor, dass er den ewig wiederholten Tanzimperativ von Chic in Opposition zu aktuellen politischen Entwicklungen sieht: «Es wirkt, als wäre unsere heutige Zeit ein Echo der in gewisser Hinsicht sehr negativen Atmosphäre, in der wir uns damals befanden», erklärt Rodgers. «Ich mache Songs über die Welt, wie ich sie mir wünsche. Natürlich nehme ich auch wahr, wie die Welt tatsächlich ist. Aber ich bin voller Hoffnung, dass sie zu einem schöneren und besseren Ort wird.»

Gut gelaunt am Abgrund

Chics hedonistische Slogans waren immer schon als Reaktion auf soziale Missstände gemeint. Tatsächlich wurde die Band bereits in den Siebzigern als Duracell-Häschen der guten Laune und einer deplatzierten Dekadenz kritisiert. Während eine Rezession grosse Teile der Bevölkerung in den USA an den Abgrund zu bringen drohte, feierten Chic die «Good Times» und forderten: «Everybody Dance». Vierzig Jahre später knüpft die Band genau dort wieder an. Die Botschaften lauten heute «Boogie All Night» und «Dance with Me». Die Einladung zum Tanz als politisches Projekt?

Rodgers ist sich wohl bewusst, dass sich ästhetisch-emanzipatorische Ansätze längst auch da finden lassen, wo von seiner Trademark-Funkgitarre weit und breit nichts zu hören ist. Dort etwa, wo die Emanzipation in der Disco gerade auch in der Loslösung vom in die Jahre gekommenen musikalischen Erbe von Chic und Konsorten gefunden wird.

Schmerz, in Grandezza gekleidet

Einige Wochen vor «It’s about Time» erschien «Power», das Debütalbum von Lotic, einer aus Texas stammenden und in Berlin lebenden Transgenderpersönlichkeit, die sich auch aus den binären Zuschreibungen der Sprache befreien und im Plural adressiert werden möchte. Lotic sind die Galionsfiguren des Veranstalterkollektivs Janus, die an der Tanzfläche als Ort der Befreiung und Ermächtigung festhalten, aber deswegen noch lange nicht an Disco als Formel. Es gibt keine Streicher und keine Funk-Licks auf «Power», dafür Gebimmel aus digitalen Glockenspielsphären und zerbröselnde Drumsounds. Darüber legen Lotic mit Effekten transponierte Gesangsspuren, die sich, teilweise in mehrfacher Schichtung, zu einem Zustand des Schwindels und der Auflösung verdichten: Durchhalteparolen, Selbstbehauptung gegen Bedrohungen, der Wunsch nach Unverwundbarkeit. «I’m a bulletproof nigga», heisst es am Ende von «Bulletproof».

Lotic sind nur ein exponiertes Beispiel für aktuelle Tanzmusik, die ihr Heil nicht in Happy-Peppy-Bumm-Tschack sucht, sondern den Schmerz ausstellt, zelebriert und überwinden will, der seit den Stonewall Riots 1969, einem Urmoment der queeren Disco-Community, wesentliche Triebkraft des Hedonismus ist. Auch Chics Tanzimperativ ist dieser Schmerz eingeschrieben – «Dancing helps relieve the pain», heisst es in ihrem ersten Song «Everybody Dance» –, er war nur in Eleganz und Grandezza gekleidet.

«Natürlich bin ich auf die Strasse gegangen, als es zu den Stonewall Riots kam», sagt Rodgers, der als Teenager politischer Aktivist war. «Wir Black Panthers sind mit den Leuten der Schwulen- und Frauenbewegung marschiert. Es gab eine Bindung zwischen den Menschen und ihren verschiedenen politischen Anliegen.» Die Musik von Lotic dürfte für Rodgers heute wohl nicht weltumspannend genug sein. Sein Anspruch ist erklärtermassen, so viele Menschen wie nur möglich zu erreichen – und sie alle glücklich zu machen. «Jeder steckt heute in seiner eigenen kleinen Interessengruppe», sagt er. «Das Einzige, was meiner Meinung nach die Mauern zwischen all diesen Gruppen einreisst, ist die Musik. Das ist es, was wir mit Chic machen. Wir wollen die Band sein, die alle zusammenbringt.»

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