Nr. 47/2018 vom 22.11.2018

Weiche Männer braucht die Welt

Von Daniel Hackbarth

Eben erst kamen neue Horrorzahlen aus Deutschland: Laut der Opferstatistik 2017 wurden in der Bundesrepublik fast 114 000 Frauen von ihrem Partner oder Expartner gedemütigt, gestalkt, geschlagen oder vergewaltigt. 147 Frauen wurden von einem Mann getötet, mit dem sie eine Liebesbeziehung hatten. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das «alle gesellschaftlichen Schichten und alle ethnischen Hintergründe» betrifft, wie die Familienministerin Franziska Giffey betonte. Die grösste Gefahr für Leib und Leben einer Frau, so lassen sich die Daten zuspitzen, geht auch im 21. Jahrhundert vom eigenen Mann aus.

Die Situation hierzulande ist kaum besser. Laut polizeilicher Kriminalstatistik waren in der Schweiz 2017 fast 10 000 Personen Opfer von häuslicher Gewalt, wobei auch hier in der überwiegenden Mehrheit der Fälle die Betroffenen weiblich und die Täter männlich waren. Alle zwei bis drei Wochen wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet.

Nun ist es gewiss keine neue Erkenntnis, dass Geschlechterverhältnisse noch immer Gewaltverhältnisse sind. Trotzdem ist es bemerkenswert, wie wenig Aufsehen diese Tatsache erregt; offenkundig hat man sich mit Zuständen abgefunden, die geradezu systematisch weibliches Leid hervorrufen. Das gilt insbesondere für konservative Kreise, für die alles, was irgendwie nach Feminismus klingt, ein rotes Tuch ist, während gleichzeitig die Familie als Hort der Geborgenheit imaginiert wird. Der Realität entspricht, wie die Statistiken zeigen, eher das Gegenteil.

Blickt man nach rechts aussen, ruft dort Gewalt gegen Frauen erfahrungsgemäss nur dann Empörung hervor, wenn Gelegenheit besteht, dieses Problem als vermeintlich exklusiv migrantische Angelegenheit zu brandmarken, wie in den Debatten um die Kölner Silvesternacht 2015 oder jüngst die Angriffe auf Frauen in Genf zu beobachten war. In diese verzerrte Weltsicht fügen sich auch die Attacken auf die Geschlechterforschung, die zuletzt immer wieder ins Visier der reaktionären Internationale geraten ist. Erst kürzlich verbannte die rechte Regierung Ungarns etwa die Gender Studies von den Universitäten des Landes.

Dabei wäre gerade von WissenschaftlerInnen, die Geschlechteridentitäten kritisch in den Blick nehmen, Interessantes zu erfahren. Zum Beispiel in Sachen «toxische Männlichkeit». Hinter dem sperrigen Begriff, der seit einiger Zeit durch die Debatte geistert, verbirgt sich zunächst die Annahme, dass Männlichkeitsideale nicht einfach vom Himmel fallen oder von der Biologie diktiert werden, sondern gesellschaftlich bestimmt sind; und zweitens die Überzeugung, dass diese Stereotype keineswegs harmlos sind, weil noch immer Härte oder Empathielosigkeit als besonders männlich gelten. Dass solche «Tugenden» in Konflikten aggressives Verhalten befördern, liegt auf der Hand.

Nun lässt sich ein sozial und psychologisch komplexes Phänomen wie häusliche Gewalt nicht ausschliesslich darauf reduzieren, dass Männer es oft als unvereinbar mit ihrem Selbstbild begreifen, sich ihre eigene Verletzlichkeit einzugestehen. Gegen eine kritische Überprüfung dessen, was als typisch maskulin gilt, spricht das aber nicht. Im Gegenteil: Der diesjährigen Kampagne zum Internationalen Aktionstag gegen Gewalt an Frauen, die unter dem Motto «Mehr Männlichkeiten» alternative maskuline Identitäten erkunden will, ist möglichst viel Resonanz zu wünschen.

Dies gilt gerade auch aus männlicher Perspektive. So wies etwa der britische Journalist Jack Urwin darauf hin, dass im kollektiven Bewusstsein verankerte Geschlechterklischees unter anderem dazu führen, dass Männer es eher vermeiden, sich ärztliche oder psychologische Hilfe zu suchen; dies wiederum ist eine der Ursachen dafür, dass sie statistisch früher sterben als Frauen. Überdies ist der Zusammenhang zwischen brachialem Maskulinismus und der Neigung zu autoritären politischen Ideologien seit langem belegt. Eine Welt, in der viriles Gehabe geächtet statt geachtet würde, wäre also zweifellos eine bessere. Für alle.

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