Nr. 47/2018 vom 22.11.2018

Der Sturm im Vogelhaus

Ihre Streicher lassen Herbstlaub regnen: Julia Holters «Aviary» ist ein Album, das radikal entschleunigt – und auf merkwürdige Weise die Sinne schärft.

Von Donat Kaufmann

Ein langsames Atmen – mit ekstatischen Einschüben: «Die Leute sollen ihren eigenen Pfad suchen», sagt Julia Holter. Foto: Dicky Batho

Es gibt diese Alben, die wie gemacht sind, um den Anblick der vorbeifliegenden Landschaft vor dem Zug- oder Autofenster zu vertonen. Reisemusik ist sehr individuell, aber geht es nach den entsprechenden Playlists von Spotify, ähneln sich viele Songs zumindest in einem Punkt: Sie imitieren die Geschwindigkeit des Unterwegsseins. Die Rhythmen sind oft repetitiv und ziehen nach vorn, hymnische Refrains werfen sich in den Fahrtwind, es flattern die Gitarren- und Synthesizerakkorde wie Fahnen der Freiheit.

Dass sich auch «Aviary» zur Reisemusik eignet, stellt sich eher zufällig bei einer Fahrt mit dem TGV heraus. Das fünfte Studioalbum der US-amerikanischen Komponistin und Sängerin Julia Holter wirkt allerdings auf gegenteilige Weise. Statt das Tempo des Hochgeschwindigkeitszugs zu bestätigen und den Puls hochzuhalten, drosselt «Aviary» diesen bis in den Meditationszustand. Es entschleunigt radikal. Doch es scheint, als würde erst dadurch überhaupt spürbar, mit welcher Beiläufigkeit der Zug unsere Körper gerade auf fantastische 300 Kilometer pro Stunde beschleunigt.

Mönchsgesang und Techno

Über ganze 89 Minuten und fünfzehn Stücke erstreckt sich der orchestrale Ambient-Pop von «Aviary». Begonnen habe das als Erkundung von Klängen, in denen man sich verlieren könne, sagt Julia Holter in einem Video über die Arbeit an dem Album. Bewusst habe sie hierfür die Musik gegenüber Worten bevorzugt. Dass sie sich als erzählende Instanz zurücknimmt, ist auch eine Reaktion auf den kommerziellen Erfolg des Vorgängers «Have You in My Wilderness» (2015). Das war ebenfalls ausschweifender, aber doch geradlinig komponierter Folk-Pop, im Zentrum Julia Holters klare Stimme, umworben von Pianovariationen, Streichinstrumenten und Schlagzeug.

Als habe sie damit ihren Punkt als Songschreiberin gemacht, liefert die 33-Jährige mit «Aviary» nun die Antithese zur Folkerzählung. Dieses Album erzählt keine linearen Geschichten und funktioniert erst recht nicht nach dem Strophe-Refrain-Prinzip. Dominiert wird es von weichen Texturen von Streich- und Blasinstrumenten und pustenden Orgeln, über die die Sängerin mal zusammenhängend, mal fragmentarisch ihre Phrasen streut. Das Schlagzeug ist auf Akzente reduziert. Meist zerfallen Rhythmen, noch bevor sie sich entfalten.

Es atmet langsam, dieses Album – langatmig wird es trotzdem nie. Das hat ausser mit ekstatischen Einschüben vor allem mit dem immensen Spektrum von Stilen zu tun, die Julia Holter ineinandergreifen lässt: den tibetanischen Mönchsgesang in die mittelalterliche Lieddichtung in die technoide Klangästhetik. Oder auf der Ebene der Texte: Dante verweist auf die zeitgenössische Dichterin Etel Adnan, und die zeigt in die griechische Antike. «Aviary» ist wie eine Enzyklopädie aus Literatur-, Musik- und Filmzitaten. Das Album greift in der Geschichte vor und zurück und um sich und ruht vielleicht gerade deshalb in sich selbst.

Die Orgel an der Ampel

Hört man «Aviary» unterwegs, macht sich die entschleunigende Wirkung am deutlichsten bemerkbar, wenn sich äussere Hektik kumuliert – etwa während des abendlichen Pendlerverkehrs, wenn die Strassen geradezu elektrisiert sind, Tausende Menschen in einem nicht endenden Strom Strassen überqueren, Rolltreppen hochfahren, sich aus Zügen in Hallen ergiessen. Und ähnlich wie bei der Fahrt mit dem TGV lässt einen die entschleunigende Wirkung von «Aviary» plötzlich sehr deutlich spüren, mit welchem Tempo man durch die Unterführungen jagt und wie beiläufig sich hier Nervosität hochschaukelt. Überhaupt scheint diese Musik die Sinne auf eine seltsame Art zu schärfen. Mit «Aviary» in den Ohren spitzt sich die Umgebung ästhetisch zu.

Die feinen, mystisch anmutenden Windstösse der Streicher in «Colligere» fahren durch die Baumkronen entlang der Tramhaltestelle und lassen im Takt Blätter regnen. Die Wärme, die aus der sich öffnenden Tramtür strömt, scheint verursacht vom beständig anschwellenden Chor in «I Shall Love 2». Und hat die nervös pfeifende Orgel von «Whether» nicht grad das grüne Männchen am Lichtsignal tanzen lassen?

So verändert sich mit jedem Song der Blick auf die Szenerie. Erschien die feierabendliche Wuseligkeit des Hauptbahnhofs während «Chaitius» gerade noch wie ein überdimensioniertes Broadway-Musical, erwächst ihr unter dem Einfluss von «Everyday Is an Emergency» etwas Bedrohliches. Plötzlich zeigt sich in den Körpern eine Getriebenheit, als habe eine unsichtbare Instanz die Kontrolle über sie erlangt. Die spitzen Bläsertöne vermischen sich mit den schrillen Bahnhofsdurchsagen und Gesprächsfetzen zu einem überwältigenden Grundton.

Stimmen im Kopf

In der überfordernden Dichte von Stimmen liegt denn auch der thematische Ausgangspunkt dieses Albums. «Aviary», das Vogelhaus, sei als Metapher für den Kopf zu verstehen, in dem die Gedanken wie Vögel wild kreischend herumflögen und sich gegenseitig übertönten, sagt Julia Holter im Video zum Album – «willkommene Erinnerungen genauso wie bedrohliche». Doch dann klemmt sie ab: «Die Leute sollen ihren eigenen Pfad suchen durch dieses Album.» Wenn es darum geht, die Stimmen im eigenen Kopf zu sortieren, sind wir auf uns selbst gestellt.

Holter unterstreicht das auch immer mal wieder mit einer beschwörenden Geste: In «I Would Rather See» haucht sie Gedichtzeilen der antiken und wiederum sagenumwobenen Lyrikerin Sappho über einem leichten Nebel aus Geigen und Orgeln – «gestaltet wie ein möglicher Weg in eine unerwartete Fantasie», hört man sie singen.

Wissen und meinen

Einmal aber, da wirds direkt: In «Les Jeux to You» adressiert sie ihr eigenes Kommunikationsunvermögen. Und wie sie sich im Songverlauf selbst belehren will und sich die Sprache dabei allmählich zersetzt, wird deutlich, dass Julia Holter mit der Besinnlichkeit dieses Albums auf den Verlust von Deutungshoheit reagiert. Und für Zuhören als Form der Teilnahme wirbt.

Man kann das als rein persönliche Auseinandersetzung lesen. Oder auch als wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte, wie man sie im Vogelhaus Twitter beobachten kann, wo recht hat, wer am lautesten ist. Nur zu gut kennen wir diese Praxis vom vielleicht lautesten Mann in diesem Vogelhaus: Donald Trump.

«Wie kann ich wissen, was ich meine, wenn ich es nicht ausspreche?», fragt Julia Holter in «Les Jeux to You». Man könnte meinen, der Präsident habe sich diese Zeile ein bisschen zu sehr zu Herzen genommen. Dies würde aber voraussetzen, er habe gelernt, einfach mal hinzuhören.

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