Nr. 49/2018 vom 06.12.2018

Blaue Flecken, Knochenbrüche, erbrochenes Blut

Sie sind die TürsteherInnen Europas: Kroatische GrenzbeamtInnen schicken Geflüchtete illegal und mit Gewalt zurück nach Bosnien. Das sind Misshandlungen mit System.

Von Tobias Müller

«Vier Polizisten prügelten auf eine Person ein. Sie riefen: ‹Geh nach Bosnien!› Sie nahmen sich einen nach dem anderen von uns vor. Sie schlossen die Tür ihres Autos, schlugen ihn, dann öffneten sie die Tür und packten den Nächsten. Meinen Freund schubsten sie einen grossen Hügel hinunter und riefen immer wieder: ‹Geh, geh, geh nach Bosnien!› Einem anderen schlugen sie mit dem Stock auf den Kopf.»

So schildert ein junger Palästinenser, wie er im Oktober zusammen mit neun syrischen Geflüchteten von Kroatien gewaltsam zurück nach Bosnien deportiert wurde. Die Freiwilligenorganisation No Name Kitchen hat die Berichte und die Verletzungen der Geflüchteten dokumentiert. No Name Kitchen unterhält in Bosnien, Serbien und Italien Anlaufstellen für Geflüchtete, wo Freiwillige Mahlzeiten, saubere Wäsche und Erste Hilfe anbieten. Monatlich stellen sie Berichte von Übergriffen der Grenzpolizei zusammen: Im September und Oktober wurden je 25 Fälle von Misshandlungen erfasst, im August 27 Fälle. Ende November rangierte die Zahl in einem ähnlichen Bereich.

Video zeigt brutale Gewalt

Im Zentrum des Geschehens liegen die Städte Bihac und Velika Kladusa im Nordwesten Bosniens. Die gut 900 Kilometer lange Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien ist im Lauf des Jahres zur neuen Hoffnung für Flüchtlinge geworden, die über den Balkan die Europäische Union erreichen wollen. Ein Grossteil von ihnen ist nach der Schliessung der früheren Balkanroute 2016 in Serbien gestrandet; andere kamen von Griechenland über Albanien und Montenegro ins Land. Die bosnische Regierung registrierte bis Anfang November 21 000 Personen. Knapp ein Drittel stammen aus Pakistan, mehr als 3000 aus dem Iran, je etwa 2500 aus Syrien und Afghanistan.

Die Berichte von «Push-backs» – die gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstossen – sind keineswegs neu (siehe WOZ Nr. 21/2018). Dasselbe gilt für das gewaltsame Vorgehen der kroatischen GrenzbeamtInnen. So berichtete etwa auch der «Guardian» Ende August von Dutzenden Opfern, mit denen die britische Tageszeitung in der Nähe der kroatisch-bosnischen Grenze gesprochen hatte.

Mitte November tauchte nun erstmals Videomaterial auf, das von einem jungen Syrer nachts in einem kroatischen Grenzwald aufgenommen worden war: Er hatte sich versteckt, als er Zeuge von Misshandlungen durch die Grenzpolizei wurde. Im Video sind zunächst Schreie zu hören. Der Filmer kommentiert leise: «Die kroatischen Polizisten foltern sie. Sie brechen ihnen die Knochen.» Später trifft der Filmer auf die betroffenen Geflüchteten: Ein Mann mit blutverschmiertem Mund und blutender Nase taucht im Video auf, jemand wäscht ihm mit Wasser die Wunden aus.

Die Szenen im Video decken sich mit den Schilderungen in den monatlichen Reporten von No Name Kitchen und weiteren Hilfsorganisationen wie etwa Balkan Info Van. Im Oktober hat wohl eine regelrechte Prügelorgie stattgefunden: Gebrochene Knochen, Blutergüsse, blaue Flecken und offene Wunden wurden – als Folgen von Schlägen und Tritten der kroatischen Grenzpolizei – dokumentiert. Ein Geflüchteter erbrach Blut wegen inneren Verletzungen.

Regierung streitet alles ab

Selbst Familien mit Kleinkindern sowie Flüchtlinge im Pensionsalter wurden mit Schlägen aus Kroatien abgeschoben. Zum Prügeln sollen regelmässig Metallstöcke eingesetzt werden. Es gibt Zeugnisse von sexueller Belästigung von Frauen und Mädchen. Von Gewehren, die zur Einschüchterung auf Geflüchtete gerichtet wurden. Und von fünf Polizeivans, aus denen simultan auf ein Auto, das MigrantInnen transportierte, geschossen worden sei. Mobiltelefone werden den Menschen offenbar systematisch abgenommen oder demoliert. Ein Mann gibt an, die GrenzbeamtInnen hätten ihm über tausend Euro gestohlen.

Wie Jack Sapoch, ein US-amerikanischer Freiwilliger bei No Name Kitchen in Velika Kladusa, berichtet, hat die Zahl der Misshandlungen leicht abgenommen – seit der «Guardian» Mitte November das Videomaterial aus dem Grenzwald publiziert hat. «Bis vor kurzem wurden fast alle, mit denen wir sprachen, geschlagen. Momentan sind es etwa zwanzig oder dreissig von fünfzig Leuten.»

Fünfzig bis hundert Personen, so Sapoch, würden pro Woche abgeschoben. Ende November dokumentierte er Berichte, laut denen Geflüchtete einen Abhang hinunter in einen Fluss gedrängt wurden – das eiskalte Wasser reichte je nach Schilderung bis zum Oberschenkel oder gar bis zur Hüfte.

Die kroatische Regierung streitet alle Berichte über Misshandlungen und Gewaltanwendung ab. Die Grenzeinheiten würden in Übereinstimmung mit nationaler Gesetzgebung und internationalen Standards agieren. Die Gewalt gehe von den MigrantInnen aus, die Flüchtenden würden sich gegenseitig – sowie die GrenzpolizistInnen – verletzen.

Im September wies Premierminister Andrej Plenkovic zudem die Kritik des Uno-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) an den illegalen Push-backs zurück. Kroatien verteidige lediglich die EU-Aussengrenzen – um eine Situation wie jene von 2015 zu verhindern.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch