Nr. 51/2018 vom 20.12.2018

«Der Fernseher hat keine Fragen gestellt, deshalb habe ich geschwiegen. Jetzt schaue ich aus dem Fenster.»

Wenn aus dem Meer eine Wüste wird und der Himmel plötzlich nicht mehr so blau ist: Die Schriftstellerin Meral Kureyshi über den Versuch, Träume in Worte zu fassen. Und darüber, wie die Wahrheit mit dem Schreiben in eine Lüge verfällt.

Von Meral Kureyshi (Text und Fotos)

Jedes Jahr wiederholen sich die Jahreszeiten, und jedes Jahr bin ich erstaunt über die Farben und den Wind, den Schnee und wie er sich anfühlt auf der Haut; darüber, wie der Baum sich verändert, plötzlich sind Blätter zu sehen, die immer grüner werden, bevor der Wind sie wieder mitnimmt und Schnee auf sie fällt.

Jedes Jahr verpasse ich den Moment der Verwandlung. Ich glaube, dass es daran liegt, dass ich die Augen schliesse für einen kurzen Moment – genau da passiert die Verwandlung, genau in dem Moment verpasse ich, worauf ich so lange gewartet habe.

Ich bleibe nach dem Erwachen unter der warmen Decke liegen und schaue aus dem Fenster, als würde die Welt stillstehen, nur ein paar Tropfen bewegen die Sicht. Draussen haben sich Tauben auf das Fenstersims gesetzt und verdrehen ihre Köpfe. Ich bewege mich nicht. Warte, und weiss nicht auf was, oder auf ein Wort.

Schriftstellerin Meral Kureyshi

Ich kann nicht schreiben, wenn es mir gut geht, dann lebe ich. Ich habe kein Bedürfnis, diese Momente festzuhalten, die Momente halten mich fest. Wenn es mir gut geht, verspüre ich keinen Zwang, etwas zu verändern – alles soll sein, wie es ist, und sich nicht verwandeln.


Ich fühle mich unsichtbar, wie damals in der Schule. Mein Pultnachbar fragte mich nach Wochen, wer ich sei und woher ich käme. Alle glaubten, ich sei stumm. Ich zählte immer wieder meine Zähne mit der Zunge, im geschlossenen Mund, aus Angst, einen zu verlieren, ohne es zu merken. Die Zahnärztin meinte, ich hätte keine Weisheitszähne, die würden auch nicht mehr kommen, da sei nichts mehr zu machen.

Ein paar Jahre habe ich kaum gesprochen. Der Fernseher hat den ganzen Tag gesprochen, gesungen, geleuchtet, und manchmal, wenn niemand hingeschaut hat, hat er geweint. Die Nachbarin glaubte an den Fernseher und fing viele Sätze damit an: «Der Fernseher hat gesagt …»

Der Fernseher hat keine Fragen gestellt, deshalb habe ich geschwiegen.

Jetzt schaue ich aus dem Fenster, während ich die Zähne putze und sie mit der Zunge im Mund zähle.

Achtundzwanzig.


Wenn ich schlafe, mache ich mir keine Sorgen. Dann schlafe ich – und träume. Doch beim Versuch, den Traum in Worte zu fassen, löst er sich einfach auf und zerfällt in tausend Stücke. Auch wenn es so real erscheint, wie das Leben nur real sein kann, oder gar nicht. Aus dem Meer wird eine Wüste, aus meinem Nachbarn wird meine Mutter, und der Himmel ist gar nicht mehr so blau, wenn ich versuche zu erzählen, was ich geträumt habe. So ist es auch mit dem Schreiben: Beim Versuch, eine Erinnerung zu beschreiben, löst sich die Wahrheit auf und verfällt in die Lüge.

Figuren erschaffen, Entscheidungen fällen, wohin sie sich bewegen, was sie denken, wo sie leben sollen. Entscheiden, in wen sie sich verlieben.


Noch immer regnet es. Und der Regen erinnert mich immer an ihn.

Oder schneite es?

Er hob mich aus dem Brunnen, auf seine Schultern, und lief schnell davon. Ich schrie und lachte laut. Ich mochte es, kopfüber zu sein, schaute unter seinem Arm durch, der Boden über mir, die Bäume wuchsen von oben herab, Äste bewegten sich im Wind, die kleinen Häuser standen wie angeklebt und umgedreht; der Himmel unter mir, als würde ich in den Wolken gehen, im Regen oder Schnee, ich brauchte den Boden nicht mehr.

Alles ist eine Übersetzung, etwas, was man nicht fassen kann, auch wenn man es unbedingt will; es gelingt einfach nicht, es bleibt beim Versuch, und irgendwann vergeht es, wie alles andere.

Wir betraten seine Wohnung, und er liess mich wieder herunter; die Welt drehte sich neu und zurück und stand wieder so, wie ich sie kannte. Ich machte ein Foto, er fragte, warum, und ich sagte: um mich zu erinnern an das Bild, das man Realität nannte. Damit ich es nicht verwechsle.

Er lachte nur und schüttelte den Kopf.


Abermals versucht eine Fliege, in den leuchtenden Bildschirm zu fliegen, und ich stehe auf, helfe ihr aus dem Zimmer, in den Flur, in die Küche, zum Fenster. Sie fliegt ein paarmal in die Scheibe, ich öffne das Fenster und versuche, sie hinauszubewegen, sie aber hält sich am Rahmen fest und fliegt erneut in die Scheibe. Dann endlich findet sie einen Ausweg, ich stupse sie ein wenig, schliesse das Fenster – und gehe wieder ins Bett.

Alles in mir bewegt sich in eine Richtung, die ich nicht verstehe. Ich bewege mich immer weiter und weiss nicht, wohin, anhalten will ich auch nicht, ich weiss gar nicht, wie. Und Stehenbleiben würde bedeuten, dass ich darüber nachdenken müsste, wie weiter, und vielleicht sogar nach hinten sehen. Ich will weglaufen von dem, was war, und fürchte mich vor dem, was noch kommt.

Ich lauschte einmal einem Gespräch. «Der Job ist gut», sagt eine Frau, «die Zeit vergeht so schnell.»

Wenn es etwas Gutes wäre, dass die Zeit schnell vergeht, dann würde es doch bedeuten, dass das Leben schneller vorbei ist.

Es kommt mir manchmal vor, als würde mich die Zeit an einer Leine hinter sich her ziehen.


Als Kind bin ich jeden Mittwochnachmittag in das Musikgeschäft gegangen, gegenüber vom Fotoautomaten am Hauptbahnhof.

Der Boden des Bahnhofs war grau, aus Plastik, mit Noppen, auf denen ich gerne ging, manchmal zählte ich sie, bis zur Eisenskulptur von Christophorus. Vermutlich hat er gar nicht existiert. Er wurde sogar aus dem Heiligenkalender gestrichen. Ein Riese, dessen Erscheinung alle erschreckte, die ihm begegneten. Er sollte Reisende über einen Fluss tragen und diesen Dienst als den Willen Gottes ansehen. Und weil er das Jesuskind über den Fluss trug, als würde er die Last der Welt auf seinen Schultern tragen, durfte er Christophorus heissen.

Einmal im Monat kaufte ich mir eine CD mit dem Taschengeld, das ich mir zusammengespart hatte.

Ich sass immer am gleichen Platz am Fenster, um die Menschen zu beobachten, die an- und abreisten.

Wenn der Platz belegt war, wartete ich, bis er frei wurde. Dann setzte ich mich ans Fenster, und ein Mann mit Dreadlocks legte mir die CDs ein, eine nach der anderen, bis das Geschäft schloss um 18.30 Uhr und ich wieder mit der S-Bahn zurückfuhr und mir vorstellte, wie es wäre, nicht zurückfahren zu müssen.


Gestern habe ich den ganzen Tag geputzt. Es herrscht genug Unordnung in meinem Kopf. Ich habe nicht viele Möbel. Ein Sofa, ein Büchergestell, einen Tisch und ein paar Stühle. Ein Bett und ein paar Kleider. Keine Pflanze, auch keine Blumen, keine Tiere, denn die gehören in die Natur. Wir haben uns schon selbst in vier Wände gesperrt, und nun wollen wir die ganze Welt einsperren. Wenn ich nach einer Lesung einen Blumenstrauss erhalte, verschenke ich ihn danach gleich weiter. Über eine Flasche Wein oder einen Büchergutschein würde ich mich mehr freuen, das kann ich aber nicht sagen – und nehme lächelnd den Strauss entgegen, der nach nichts riecht. Blumen, die von weit weg kommen und nur dafür wachsen, damit die Menschen sie in Vasen stecken und warten, bis das Wasser braun wird und nach Kanalisation stinkt. Dann schmeisst man sie in den Müll und kauft sich neue.

Tote Blumen.

Je grösser die Angst ist, desto produktiver werde ich.

Zur Ablenkung schaue ich auf mein Telefon, schaue, wie die anderen leben, was sie machen, wo sie essen und wie ihre Kleidung sitzt. Oder ich mache ein Foto vom Regen und lade es hoch, nur zur Unterhaltung der anderen.

Ich bin egoistisch, narzisstisch, neidisch, gemein, gierig, ängstlich, eitel, zynisch, misstrauisch, abhängig, aggressiv, nervös, schadenfreudig, manipulativ – und noch viel mehr, ganz sicher. Darüber sprechen wir aber nicht. Wir sprechen über das Gute und das Gelingen, teilen die Auszeichnungen, die wir bekommen, die Stipendien, das Lob. Doch was ist mit den Absagen, den Enttäuschungen, der Trauer und der Eifersucht? Mit dem Gefühl, dass man jemandem nichts gönnt, weil man selbst unzufrieden ist mit dem, was man macht – und nicht ununterbrochen hören will, wie gut alles immer ist bei allen anderen?

Lieber sind wir in der Position, wo wir jemanden trösten können, als getröstet zu werden, denn das ist erniedrigend.


Ich schaue aus dem Fenster, die Blitze leuchten in der Ferne, lassen die Nacht zum Tage werden, nur für einen kurzen Moment. Mit den Fingern zähle ich die Distanz zwischen dem hellen Leuchten und dem lauten Donner, ich halte mir die Ohren zu, aus Angst, zu erblinden.

Fünfzehn Finger entfernt schlägt der Donner ein, irgendwo laut.

Noch bevor der Regen fällt wie aus dem Nichts, bewegen sich die Äste im Wind, zittern die gelben Blätter, aus Angst, zu stürzen.

Hinter den Dächern wird die Nacht wieder kurz aufgehellt, Lichter ziehen sich in die Vertikale. Ich versuche hinzusehen – und doch ergeben sich die Augen, machen zu die Lider, obwohl es nur ganz leise leuchtet. Das Grollen folgt fünfzehn Finger später, so weit ist der Donner entfernt, da, wo er laut ist beim Leuchten.

Alles erstarrt für einen kurzen Moment und bleibt still; nichts bewegt sich, so plötzlich verstummt alles wie das Lamm vor seinem Scherer.

Ich warte vergeblich auf das nächste Leuchten.


Ein Kind schreit auf der Strasse. Die Mutter sagt, sei still, hält den Zeigefinger auf die Lippen.

Psst, sagt sie.

Verbietet dem Kind das Schreien nicht, nicht das Weinen, sonst vergisst es, wie es geht, schreie ich aus dem Fenster. Die Mutter packt das Kind unter den Arm, als wäre es ein Gepäckstück, und läuft schnell davon. Sie antwortet nicht.

Irgendwann sind wir erwachsen und schämen uns für unsere Gefühle, wissen nicht, wie wir uns ausdrücken sollen. Das Weinen haben wir verlernt, es wurde uns peinlich. Weine nicht, haben die Eltern gesagt, du hast keinen Grund, traurig zu sein.

Wir haben es geglaubt und sind geworden, wie wir sind.

Die Leute sagen, ich hätte keine Manieren, sei vorlaut, unverschämt und frech. Nur weil ich sage, was ich denke, weil ich weine und schreie auf der Strasse, weil ich mich verhalten würde wie ein Kind, das sich den Mund nicht verbieten lässt.

Nein.

Ich schreibe, weil ich nicht ununterbrochen schreien kann. Doch eigentlich schreie ich, während ich schreibe, so laut es geht, und manchmal auch ganz leise.

Es ist schön, eine Geschichte zu erzählen, plötzlich wird sie wahr. Allein dadurch, dass sie jemand liest, und eine weitere Person vielleicht, und darüber spricht, sie weiterdenkt und etwas mitnimmt, sich erkennt darin – oder auch nur ein Gefühl wiederfindet, etwas, was sie berührt.

Wir haben die Realität, wie wir sind und uns fühlen, in unsere vier Wände gesperrt. Die Tränen, die Wut, das Lachen, den Mut. Jetzt lassen wir uns von ihr auf der Bühne provozieren, wenn sie etwas weckt in uns, das uns erinnert. Wo sie nun gespielt wird von Fremden, die uns nichts angehen – und wir uns empören über diese Wirklichkeit, die uns wirklicher erscheint als die unsere.

Ein Glas Wein reicht, und schon verziehen sich die Lichter zu kleinen und grossen Sternen. Die Weite wirkt weiter, wenn ich Wein getrunken habe. Die kleine Stadt wird riesengross, ich kann mich verstecken darin, zwischen unbekannten Menschen, die ich nicht erkenne.

Am Wochenende offenbart sich die Realität auf der Strasse. Sie ist hässlich und stinkt, sie schreit, kotzt, fürchtet sich nicht. Wir schlafen sie aus am nächsten Tag, die Realität, nicht den Kater – wollen vergessen, um weitergehen zu können. Wollen nicht sehen, was wir sind, zeigen mit dem Finger auf das schreiende Kind und verbieten ihm seine Kraft, ganz sanft.

Sei still.


Jemand ruft mich an, er hat gelesen, was ich geschrieben habe, versteht es nicht, denkt anders, fühlt anders, sieht nicht, was ich erzählen will. Dann weine ich in meinen Ärmel, so leise, dass er es nicht hört, und mein Gesicht verzieht sich, dass er es nicht sieht.

Manchmal sage ich ein Wort, das nicht passt zu meinem Gesicht.

Ich solle es nicht persönlich nehmen, sagt er. Wie könnte ich es nicht persönlich nehmen, denke ich; die Geschichte, die ich schreibe, sie ist mit mir verbunden.

Ich kann das Geschriebene durch nichts schmücken, keine Musik drunterlegen, keine Bilder, die sich bewegen, ich kann nur Buchstaben drucken und hoffen, dass die Bilder im Kopf entstehen, dass sie auftauchen, ganz plötzlich. Und vielleicht versteht mich irgendjemand, das reicht dann auch.


Ich bin ein Mensch, sagte mein sechsjähriger Neffe, als ihn ein Mann fragte, wer er sei.

Ich bin jung oder alt oder eine Frau oder Migrantin, weil mein Name von weit weg ist, weiter weg als ich, denn ich bin hier und spreche die gleiche Sprache.

Nein, ich lebe nicht zwischen zwei Welten, denn dann würde ich hinunterfallen, ins Nichts. Ich lebe auf zwei Welten. Von der einen kann ich die andere gut beobachten, von nah und fern, sie drehen und wenden, den Menschen zuhören, die dieselbe Sprache sprechen. Dann hüpfe ich in die andere Welt, bewege mich, schaue mich um und beobachte die Welt, von der ich abgesprungen bin, ich drehe und wende sie. Ich höre den Menschen zu, die eine andere Sprache sprechen, bis ich sie verstehe. Ich muss nur lange genug stehen bleiben.

Beim Schreiben gehe ich von einem Gefühl aus, das mich nicht loslässt, das schmerzt und mich zwingt, mich damit zu beschäftigen. Ich schreibe, als würde ich mich übergeben, ich mache es nicht gerne – doch es befreit mich für einen kurzen Moment, danach ist mir wieder schlecht.

Ich habe schon als Kind jeden Tag in mein Tagebuch gelogen, das mache ich noch heute.

Es bleibt immer nur der Versuch, etwas zu fassen. Die Wahrheit, sie verschwindet mit dem Moment, wo sie passiert, danach ist sie eine Lüge.

Ich habe vergessen, was wahr ist, und spreche die Vergangenheit neu.


Ich schaue aus dem Fenster, und die Landschaft zieht an mir vorbei, als würde ich rückwärts in einem Zug fahren. Der Himmel bleibt stehen. Ich beisse mir in die Lippen, bis sie bluten, und beisse weiter, bis der Geschmack von Ohrringen nicht mehr zu schmecken ist.

Der Regen macht den Himmel grau, zerkratzt das Fenster, er macht, dass sich die Wolken auf dem Asphalt spiegeln, den Mittag zum Abend, er macht die Zeit langsamer.

Das Fenster habe ich offen gelassen, um frieren zu können – zu sehen, wie Gänsehaut die Härchen aufstellt.

Erst mit dem Schnee wird die Luft sichtbar. Sie bewegt sich in alle Richtungen; und mit ihr die Flocken.

Klar sind die Gedanken in der Kälte, so fassbar, als würde man in den Kopf greifen können, die Gedanken herausnehmen, sie auf den Tisch stellen.

Die Gedanken auf dem Tisch.

Klar ist die Sicht in der Kälte, sie lügt nichts vor.


Die Tropfen bilden Streifen auf der Scheibe. Manche bleiben stehen, andere schaffen den Weg bis zum Holzrahmen, wieder andere werden grösser, indem sie die Tropfen, die stehen geblieben sind, aufsaugen und mitreissen, zusammen schneller werden und auf den Streifen fahren, auf denen schon mal ein anderer gefahren ist. Der Tropfen, der sich seinen Weg erst einmal bahnen muss auf der trockenen Scheibe, ist langsam. Doch auch der kommt irgendwann zum Holzrahmen und löst sich auf, wie die Figuren in meinen Geschichten.

Ich lebe und liebe mit ihnen, ich weine und leide, bis ich nicht mehr ganz ich bin, durchlässig werde und nicht mehr weiss, welche meine Gedanken sind – und welche die ihren. Ich verflüssige mich, bis die Geschichte geschrieben ist, das üble Gefühl langsam nachlässt. Dann finde ich wieder zu mir, bin wieder ich, irgendwie, aber nicht mehr ganz. Ich verändere mich immer ein wenig, bei jeder Geschichte. Etwas bleibt hängen von der letzten Figur, etwas, was ich nicht loswerde, etwas anderes.

Das ist der Preis, den ich zahlen muss.

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