Nr. 51/2018 vom 20.12.2018

Ausweichen und anschmiegen

Misserfolge, Gefängnis, Sucht: Hans Fallada musste seine Romane dem Leben abringen. Man sollte sie unbedingt wieder lesen – aber in den Originalausgaben.

Von Eva Pfister

Wer wissen will, wie die Menschen in Deutschland in den zwanziger und dreissiger Jahren lebten, sollte die Romane von Hans Fallada lesen. Kaum jemand hat so genau beschrieben, wie es den arbeitenden Männern und Frauen ging und welche Auswirkungen die Ausbeutung auf ihre Psyche hatte. Etwa auf die des Textilverkäufers Pinneberg, dessen Frau schwanger ist und der unter dem Druck der «Verkaufsquote» zerbricht: «Ist man dumm, dann geht man zu den Nazis und glaubt, irgendwas würde dadurch anders, wenn man die Juden totschlägt – und ist man gläubig und viel widerstandsfähiger, dann geht man zur KPD und versucht es anders. Wenn es auch vielleicht schief geht, aber welche gibt es, die müssen sich wehren.»

Diese Passage aus Falladas Erfolgsroman «Kleiner Mann, was nun?» fehlte im Erstdruck von 1932. Sie ist erst seit 2016 zu lesen – in der Originalausgabe nach dem handschriftlichen Manuskript. Gekürzt und abgemildert wurde der Roman für einen Vorabdruck in der «Vossischen Zeitung», der Rowohlt-Verlag behielt manche Änderungen für die Erstausgabe gleich bei. Fallada hatte sich nur zaghaft gewehrt; er war froh, dass er selbst endlich dem Prekariat entronnen war und seine junge Familie ernähren konnte. 1928 war er nach zweieinhalb Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden. Wie es dem Exsträfling auf dem Arbeitsmarkt erging, kann man im Roman «Wer einmal aus dem Blechnapf frisst» nachlesen.

«Warnung vor Büchern»

Fallada wurde am 21. Juli 1893 als Rudolf Ditzen in Greifswald geboren. Neue Auskünfte über sein bewegtes Leben gibt jetzt ein Band mit teilweise unveröffentlichten Texten: «Junge Liebe zwischen Trümmern». Das kränkliche Kind las exzessiv; später schrieb Fallada eine «Warnung vor Büchern»: «Ich hatte mir da eine sehr nette eigene Welt aufgebaut – aus Büchern; aber diese eigene Welt hatte mich dabei so ungeeignet wie nur möglich für das tägliche Leben gemacht. Ich hatte keine Freunde, keine Spiele, keine Interessen, keine Gemeinschaft … Aber dafür setzte ich mich, ging mir im Leben etwas schief, auf meine Robinsoninsel, herrschte über alle Schätze Aladins, ritt als siegreicher Held durchs schottische Hochland – und jeder wirkliche Misserfolg zählte nichts.»

Misserfolge gab es reichlich im Leben des jungen Rudolf Ditzen. Die Schule musste er verlassen, nachdem er mit einem Freund gemeinsam hatte Selbstmord begehen wollen, das Scheinduell aber nur für den Mitschüler tödlich ausgegangen war. Er machte eine Ausbildung zum Landwirt, war auf diversen Gütern als Aufseher und Buchführer angestellt und landete wegen mehrfacher Unterschlagung – zur Finanzierung seiner Morphiumsucht – schliesslich im Gefängnis. Mit dem Roman «Bauern, Bonzen, Bomben» fand Fallada 1931 erste literarische Anerkennung, bevor er ein Jahr später vom Welterfolg mit «Kleiner Mann, was nun?» überrollt wurde.

Politisch motivierte Kürzungen

Die Nazidiktatur überlebte Fallada mit einem Schlingerkurs von Ausweichen und Anschmiegen an die Macht. Zwar gibt es Briefe, in denen er dem Regime huldigt – der Zensur wegen? Aus seinen literarischen Texten lässt sich jedoch keine Anhängerschaft herauslesen. Interessant ist seine Gratwanderung im Roman «Wolf unter Wölfen» von 1937. Da die Handlung im Inflationsjahr 1923 spielt, konnte die nicht zu überlesende Sozialkritik als Kritik an der «Systemzeit» gedeutet werden. Dennoch wurde der Roman nach einiger Zeit als «nicht zu fördern» gekennzeichnet.

1944 kam Fallada noch einmal ins Gefängnis, im Streit hatte er schwer betrunken auf seine Frau geschossen. In der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie entstand in nur zwei Wochen der Roman «Der Trinker». Danach drehte er die Papierbögen um und schrieb in die Zwischenräume des Textes seine Abrechnung mit den Nazis (was nur dank seiner unleserlichen Handschrift keine schlimmen Konsequenzen hatte): «Ich konnte nicht mehr daran denken, Bücher zu schreiben, die mir am Herzen lagen. Jede Schilderung dunklerer Gestalten war mir streng untersagt. Ich hatte optimistisch und lebensbejahend zu sein, grade in einer Zeit, die mit Verfolgungen, Martern und Hinrichtungen den Sinn des Lebens verneinte. So habe ich seit dem ‹Wolf› eigentlich nichts, was mir noch am Herzen läge, geschrieben. Ich bin in die seichte Unterhaltung abgesackt.»

Nach Kriegsende wurde Fallada von Johannes R. Becher protegiert, dem wichtigsten Kulturpolitiker in der sowjetischen Besatzungszone. Obwohl zerstört von seiner Sucht, schrieb Fallada seinen vielleicht besten Roman: «Jeder stirbt für sich allein». Das Auftragswerk erzählt die wahre Geschichte eines Ehepaars, das zwei Jahre lang Karten mit antifaschistischen Parolen verteilt, bis es verhaftet und hingerichtet wird. Nach dem Tod Falladas am 5. Februar 1947 erschien der Roman mit Kürzungen und Änderungen, die deutlich politisch motiviert waren: Im Gegensatz zu Falladas differenzierter Charakterzeichnung wurde das Ehepaar von vornherein mit einer antifaschistischen Gesinnung ausgestattet. Erst seit 2011 liegt die ungekürzte Originalausgabe vor, nachdem der Roman 2002 in der angelsächsischen Welt zum Bestseller avancierte und eine Fallada-Renaissance einleitete.

Seit diesem Jahr sind die Rechte am Werk von Hans Fallada frei. Die sorgfältig edierten Originalausgaben erscheinen wie das Gesamtwerk im Aufbau-Verlag.

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