Nr. 51/2018 vom 20.12.2018

Jede Songzeile ein Tweet

The Screenshots haben sich auf Twitter gegründet, in ihre Songtexte streuen sie satirische Tweets ein. Das ist oft witzig und meist dringlich, manchmal auch einfach hodig.

Von Timo Posselt

The Screenshots: Kurt Prödel, Susi Bumms und Dax Werner, von links oder von rechts oder von der Mitte her. Oder keineR von allen. Quelle: Staatsakt

Lustig waren schon die ersten Zeilen, die von dieser jungen deutschen Band durchs Netz hallten: «Wir sind die Screenshots aus Krefeld, vor der Bühne ist noch Platz.» Der erste Song der im Frühjahr erschienenen EP «Ein starkes Team» hiess schlicht «Bühne» und paarte krachende Gitarren, ein stolperndes Schlagzeug und einen treibenden Bass mit klischierten Ansagen, die von einer Schülerband stammen könnten: «Im Proberaum klang’s fetter», «Wir sind auch auf Facebook» und «Ich kann euch nicht hören, Leverkusen». The Screenshots machten also gemeinsam mit dem weiter, womit sie einzeln angefangen hatten: mit Pointen in Tweet-Länge. Nun einfach in Form von Rocksongs.

The Screenshots, das sind Kurt Prödel, Susi Bumms und Dax Werner. Weder die Identitäten noch die Geschlechter hinter diesen Namen sind bekannt. Klar ist, es sind drei Avatare aus der digitalen Meinungsvoliere Twitter. Das Netzwerk ist nämlich nicht nur das natürliche Habitat hobbyloser Verschwörungstrolle Mitte fünfzig, sondern auch einer illustren Schar von SatirikerInnen, die sich im Follower-Tümpel des deutschen Magazins «Titanic» tummeln. Mit den Screenshots hat diese Twitter-Blase nun ihre eigene Supergroup. Entsprechend frenetisch werden sie dort gefeiert, unter anderen vom staatstragenden Erdogan-Beleidiger und Late-Night-Host Jan Böhmermann.

Kangoo ohne Standheizung

Nach der Bandgeschichte befragt, erzählt Dax Werner der WOZ: «Wir haben uns magnetisch angezogen auf Twitter.» Es folgten digitale Annäherungsversuche in den Kommentarspalten, bis sich die drei in den Proberaum wagten. Werner beschreibt das erste Treffen: «Anfang 2018, Eiskratzen am Renault Kangoo (keine Standheizung) und es lag dieses ganz spezielle Momentum in der Luft.» Susi Bumms schiebt nach: «Alle hatten diesen Neues-Jahr-beginnt-Drive.» Kurt Prödel fasst zusammen: «Es wurde Zeit 1 Beitrag zur Startup-Ära zu machen.» Wir halten fest, The Screenshots beantworten Fragen genau so, wie sie ihre Tweets schreiben: ironisch, in konzeptuellem Twitter-Sprech und mit verspielten Zitaten. Natürlich tun sie das nur per Mail.

Nachdem The Screenshots den Hype im Abstand von wenigen Monaten mit den digital veröffentlichten Alben «Ein starkes Team» und «Übergriff» angeheizt haben, schöpfen sie diesen nun analog ab. Mit der «Europa LP» veröffentlichen sie dieselben Songs nun noch einmal auf Vinyl, mit einem Titel, der im deutschsprachigen Indie zwischen Ja, Panik und Europa: Neue Leichtigkeit auffällig virulent ist. Mit Vermarktung und Albumtitel steppen die Wahlkrefelder voll im Takt des Zeitgeists.

Im Song «Deutschland» prügeln die Riffs schon in den ersten Takten, die Drums spritzen wie ein Rasensprenger, und der Bass tropft erwartungsvoll. Dann werden 37 Jahre Bundesrepublik im postmodernen Cut-up durch den Fleischwolf gedreht: «Helmut Kohl, eine deutsche Geschichte, BASF Ludwigshafen, eine Karriere in der CDU, der Wendekanzler». Mit pathosseliger Stimme wird das Kondensat deutscher Selbstvergewisserungsdiskurse gepredigt: «Aber dann kam sein Mädchen, dann kam Angela Merkel, Bundesumweltministerin, was hat sie geträumt, als sie jung war?» Irgendwann kippt der Gesang in Affengeschrei, und «Deutschland» bleibt als leere Hülle zurück.

Hier machen The Screenshots mit gespieltem Bierernst und ausrastenden Rockgitarren genau das, wofür sie auch ihre Twitter-Blase liebt: witzige, kluge politische Satire. In die gleiche Kerbe schlagen die Songs «Europa» und «Vorbei». Das Album «Übergriff» hängt im Vergleich zur ersten Hälfte etwas durch – es ist poppiger und deutlich weniger politisch. Dennoch, The Screenshots können schnurgerade Rocksongs schreiben: trocken, dringlich und herrlich schief. So abgedreht, wie sie sind, erinnern sie an das Essener Duo International Music, das kürzlich sein inhaltlich weniger diskursives und musikalisch verspielteres Debüt «Die besten Jahre» vorgelegt hat.

Übergriff, haha

Was bei International Music wie bei den Screenshots jedoch ermüdet, ist das kumpelhafte Schulterklopfen in der inszenierten Männerrunde. Ob nun Mann oder Frau, auch Susi Bumms prollt komplizenhaft mit. Man mag einwenden, Songs wie «Männer» und «Fussball ist cool» würden das gerade brechen, indem sie dekonstruieren, was sie im Titel behaupten. Aber solche Persiflagen traditioneller Männlichkeit sind so durchschaubar wie altbacken, die Ärzte schreiben solche Songs seit drei Dekaden.

Allerdings wagen sich The Screenshots an noch sensiblere Begriffe heran. So heisst es in «Übergriff»: «Bist du bereit für den Übergriff? Hast du heut Zeit für den Übergriff?» Darauf angesprochen, verweist Bumms auf die ästhetische Erfahrung: «Den Song zu hören, tut uns weh, wirkt für uns gleichzeitig manchmal befreiend.» Musik kann sich wie sexualisierte Gewalt anfühlen – ist das hier die Pointe? Einen hodigeren Vergleich könnte man sich kaum vorstellen. Aus ungeklärter Position wird hier machistisch nach unten gelacht. Das darf Satire natürlich. Aber sie zementiert dabei, was sie anzugreifen vorgibt.

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