Nr. 51/2018 vom 20.12.2018

Endlich ein Hoffnungsschimmer

Die humanitäre Situation im Bürgerkriegsland Jemen ist nach wie vor katastrophal. Weil um die Küstenstadt Hodeidah nun die Waffen ruhen sollen, könnten zumindest die Nahrungsmittel wieder erschwinglich werden.

Von Meret Michel, Beirut

Seit vier Jahren dauert der Krieg im Jemen schon an: 50 000 Menschen sind durch die Gewalt ums Leben gekommen, 85 000 Kinder an Hunger gestorben, Zehntausende Menschen an Cholera erkrankt. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Situation im Jemen als «weltweit schlimmste humanitäre Katastrophe». Nun könnte der Mord am saudischen Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul, mutmasslich angeordnet vom saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman, zu einem Wendepunkt im Jemenkrieg führen.

Es ist dem internationalen Druck auf Saudi-Arabien geschuldet, dass sich das Königshaus endlich darum bemühte, die jemenitischen Kriegsparteien an einen Tisch zu bringen. Saudi-Arabien, das zusammen mit anderen Staaten im Jemenkrieg die Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi unterstützt, bewilligte Anfang Dezember die Evakuierung von fünfzig verletzten Huthikämpfern – und erfüllte damit die Bedingung der Rebellen für die Friedensgespräche im schwedischen Rimbo. Vergangene Woche gingen diese zu Ende. Und unabhängig davon, was der Auslöser war: Das Ergebnis weckt zum ersten Mal seit Ausbruch des Krieges Hoffnung.

Der Hafen als Lebensader

Die Huthirebellen, die vom Iran unterstützt werden, und die Regierung einigten sich in Schweden auf eine Waffenruhe für Hodeidah. Die Hafenstadt ist seit 2014 unter Kontrolle der Huthi, doch seit diesem Sommer versucht die Regierung, die Stadt zurückzuerobern, um den Huthi mit Hodeidah ihre letzte Versorgungsroute für Importgüter sowie eine wichtige Einnahmequelle zu nehmen.

Zwar ist zweifelhaft, ob der Verlust Hodeidahs die Huthi tatsächlich entscheidend schwächen würde. Die Rebellen kontrollieren seit 2014 auch die Hauptstadt Sanaa, im von ihnen beherrschten Gebiet leben siebzig Prozent der jemenitischen Bevölkerung. Ausserdem haben sich dank Korruption und Kriegswirtschaft längst lokale Schmugglernetzwerke gebildet, sodass die Huthi ihre Waffen auch über die Frontlinie hinweg von der Regierungsseite her geliefert bekommen, wie der jemenitische Thinktank Sanaa Center for Strategic Studies berichtet. Für die Zivilbevölkerung hingegen wäre eine Eskalation in Hodeidah umso schlimmer. Das Land befinde sich an der Schwelle zu einer Hungersnot, warnten die Vereinten Nationen schon im September. Zwei Drittel der Bevölkerung sind auf internationale Hilfe angewiesen, um zu überleben. Und die kommt zu neunzig Prozent über den Hafen von Hodeidah, wie auch siebzig Prozent aller Importgüter für den gesamten Jemen. Für ein Land, das fast nichts mehr selbst produziert und beinahe alle Güter importiert, bedeutet das: Wenn der Hafen lahmgelegt würde oder wenn Frachtschiffe aufgrund der Kämpfe nicht mehr anlegen könnten, brächte dies das Leben von Millionen in unmittelbare Gefahr.

Konflikt um die Zentralbank

Diese Katastrophe ist nun – vorerst – abgewendet. Doch die Lage bleibt prekär. «Die humanitäre Krise ist im Grunde eine Wirtschaftskrise», sagt der Aktivist Hischam al-Omeisi. «Humanitäre Hilfe allein kann diese Krise niemals beenden. Man muss die Wirtschaft stabilisieren.» Omeisi hatte jahrelang das Geschehen im Jemen von Sanaa aus kommentiert, bis ihn die Huthirebellen 2017 verhafteten und fünf Monate lang gefangen hielten. Mittlerweile hält er sich in Kairo auf. «Die Waffenruhe in Hodeidah ist ein erster Schritt in die richtige Richtung», sagt Omeisi. Gleichzeitig mahnt er, dass die internationale Gemeinschaft sich nicht auf diesem Erfolg ausruhen dürfe: «Der einzige Grund, warum sich die beiden Parteien an einen Tisch gesetzt haben, war der Druck der internationalen Gemeinschaft, die den Ausbruch einer Hungersnot fürchtet.»

Auslöser der humanitären Krise war zunächst die Wirtschaftsblockade, die Saudi-Arabien 2015 über den Jemen verhängte. Dann kam die Entscheidung der Regierung Hadi hinzu, die Zentralbank 2016 von der Hauptstadt Sanaa in die von der Regierung kontrollierte Stadt Aden im Süden zu verlegen. Die Zentralbank war bis dahin die einzige Institution, die das fragmentierte Land noch zusammenhielt: Sie bezahlte die Löhne von 1,2 Millionen Staatsangestellten in allen Landesteilen und hielt die Währung stabil.

Seit der Verlegung nach Aden wurden kaum mehr Löhne bezahlt. Die Inflation ist in die Höhe geschnellt, in zwei Jahren sank der Wert des jemenitischen Rial gegenüber dem Dollar um 200 Prozent. In den Supermärkten des Jemen sind die Regale derzeit zwar voller Nahrungsmittel – aber die Menschen sind zu arm, um sie zu kaufen. «Die Wirtschaftskrise hat ein paar Warlords sehr reich gemacht», sagt Omeisi. «Doch die Mittelklasse ist in die Armut abgerutscht, und die Armen verhungern.»

Tödliche Inflation

In den Verhandlungen über die Zentralbank wurde bei den Friedensgesprächen in Schweden zwar keine Einigung erzielt. Die Gespräche sollen im Januar fortgesetzt werden. Mustapha Noman, der Vizeaussenminister unter der Regierung des früheren Präsidenten Ali Abdullah Saleh war, glaubt dennoch daran, dass die Einigung um Hodeidah eine Erleichterung bringt. «Wenn wieder mehr Güter über Hodeidah ins Land kommen, wird das zumindest die Preise wieder etwas senken», sagt er. Ob die Waffenruhe hält oder nicht, hängt für ihn von Detailfragen ab, in denen sich die Parteien noch nicht geeinigt haben: zum Beispiel, an wen die Einnahmen vom Hafen künftig gehen sollen. Doch er ist zuversichtlich: «Immerhin ist dies das erste Momentum für Frieden in vier Jahren Krieg.»

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