Nr. 51/2018 vom 20.12.2018

«Wie ein führerloses Schiff»

Der Konflikt bei Keystone-SDA schwelt weiter. Der Stellenabbau hat die Arbeit der Redaktion enorm stressig gemacht – ausgerechnet am Weihnachtsessen wurden weitere Kürzungen angekündigt.

Von Bettina Dyttrich

«Der Streik Ende Januar hat sich trotz allem gelohnt», sagen viele SDA-MitarbeiterInnen auch heute. Foto: Arnd Wiegmann, Reuters

Anfang dieses Jahres standen sie für kurze Zeit im Rampenlicht: die JournalistInnen, die sonst im Hintergrund arbeiten. Vier Tage lang streikte die Redaktion der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA), die den Schweizer Medien, dem Bund und Privaten täglich einen Grundstock an Nachrichten liefert. Denn die SDA fusionierte mit der Bildagentur Keystone. Die Geschäftsleitung der SDA wollte 36 von 150 Vollzeitstellen abbauen, alle Frauen über 60 und alle Männer über 61 Jahre entlassen. Die Empörung war gross.

Nach dem Streik und der Fusion verschwand Keystone-SDA, die den Schweizer Verlagshäusern und der Austria Presse Agentur (APA) gehört, wieder aus den Schlagzeilen. Anfang Juli einigten sich Leitung und Redaktion: Die älteren Mitarbeitenden werden wieder eingestellt und erhalten Kündigungsschutz bis zur Pensionierung, der Sozialplan für die Entlassenen wird verbessert.

Viele Krankheitsfälle

Doch die Konflikte schwelen weiter. Die WOZ hat mit mehreren Redaktionsmitgliedern gesprochen. Die Frustration ist enorm: «Die Redaktion ersäuft in Arbeit und bekommt keine Wertschätzung.» – «Wir haben keine publizistische Leitung mehr. Wir können Themen verpassen oder am Punkt vorbeischreiben, das merkt nicht einmal jemand. Ich spüre fast schon Verachtung für unsere Arbeit.» Die Redaktion sei inzwischen zu knapp besetzt, um ihren Job seriös zu machen, betonen alle Befragten. «Man kann sich nicht mehr auf die SDA verlassen», habe sie dieses Jahr von JournalistInnen gehört, sagt eine Person.

Einige Angestellte wurden gezwungen, ihre Pensen zu reduzieren, und 25 Redaktionsmitglieder kündigten seit Anfang des Jahres von sich aus. Die Befragten sind überzeugt, dass inzwischen mehr als 36 Vollzeitstellen fehlen. Aber genau wissen sie es nicht: Keystone-SDA verweigert die Auskunft – auch der WOZ: «Gewiss haben Sie Verständnis dafür, dass das Unternehmen in einem Transformationsprozess keine öffentliche Stellenbuchhaltung führt.» Der Stellenetat müsse sich im Marktumfeld dem Umsatz anpassen.

Die Engpässe werden noch grösser, weil mehrere Redaktionsmitglieder wegen Depressionen und Burn-out krankgeschrieben sind, wie die Mitarbeitenden erzählen. Ein Regionalbüro sei krankheitshalber nicht mehr besetzt und werde mehr schlecht als recht von Bern aus geführt. Eine besonders aufmüpfige Person habe die Kündigung erhalten: «Die Leitung dachte wohl, dann sei Ruhe.»

Vor der Fusion betreute die Inlandredaktion Bern die zwölf Regionalbüros. Danach schuf die neue Leitung zwei «Hubs» in Zürich und Lausanne, die dafür zuständig sein sollten. Inzwischen liegt die Verantwortung aber wieder in Bern – «weil in Zürich so viele gekündigt haben». Die Leitung agiere planlos: «Die Firma kommt mir vor wie ein führerloses Schiff.» Der neue Redaktionsleiter und «Chief Operating Officer» Jann Jenatsch habe wenig Ahnung von Nachrichtenjournalismus: «Das ist kein Vorwurf. Es ist einfach nicht sein Beruf.» Keystone-SDA schreibt, die publizistische Leitung werde «von Personen wahrgenommen, die seit Jahren im Agenturgeschäft sind».

Die Redaktionskommission (Reko) vertritt die Redaktion gegenüber der Leitung. Laut Mandat muss sie bei wichtigen unternehmerischen Entscheiden konsultiert werden. In diesem Jahr sei die Reko nicht mehr respektvoll behandelt worden, sagt ein ehemaliges Mitglied: «Die Leitung warf uns vor, wir seien Verhinderer, Gewerkschafter, destruktiv und könnten uns nicht auf Neues einlassen.» Besonders allergisch reagiert die Keystone-SDA-Leitung auf «Inside SDA», den anonymen Twitter-Account, der die Sicht der Belegschaft öffentlich macht. Im September verteilte die Geschäftsleitung der Reko «Verhaltensregeln», in denen es heisst, man könne «jede Verletzung der Sorgfalts- und Treuepflicht und der Geheimhaltungspflicht nicht länger dulden». Die Reko stehe «in der Pflicht, den Inhalt von ‹Inside SDA/ATS› diesbezüglich zu kontrollieren». «Wir sollen die Social-Media-Polizei spielen», kommentiert das frühere Reko-Mitglied.

Die von den RedaktorInnen beklagte «Misstrauenskultur» behagte offenbar auch der neuen Kommunikationsverantwortlichen nicht: Die ehemalige stellvertretende Armeesprecherin Nadine Schumann-Geissbühler verliess Keystone-SDA noch während der Probezeit wieder. Sie habe sich bei einigen RedaktorInnen entschuldigt, weil sie auf die Fragen der Reko keine brauchbaren Antworten habe geben dürfen, erzählt ein Redaktionsmitglied.

Nur noch PR und IT?

Der «Content» – die journalistischen Texte, Bilder und Videos – ist nur noch eine von drei Sparten des neuen Unternehmens. Die anderen beiden sind IT-Lösungen und Werbung, sogenannte Corporate Solutions. In diesem Bereich hat Keystone-SDA dieses Jahr zum Beispiel PR-Interviews mit dem Wirtschaftsverband Economiesuisse produziert. «Es hiess, die Bereiche würden strikt getrennt – es war nun aber ein Redaktionsmitglied, das diese Interviews geführt hat. So etwas ruiniert unseren Ruf. Es ist höchst heikel, wenn die gleiche Person danach wieder journalistisch über Economiesuisse berichtet.» Keystone-SDA bestätigt, dass das Interview von einem Redaktionsmitglied geführt wurde. «Die Wahrung der Unabhängigkeit wird hochgehalten.»

Manche befürchten, dass das Aushungern der Redaktion System hat: Vielleicht wolle Keystone-SDA den unrentablen «Content» mittelfristig ohnehin loswerden und sich auf die Bereiche IT und Werbung konzentrieren. Die Firma dementiert.

Und nun sollen nochmals zehn Vollzeitstellen weg. Das verkündete CEO Markus Schwab Anfang Dezember – am Weihnachtsessen. Der Schritt sei «unumgänglich» geworden, weil diverse Kunden den Sportdienst nicht mehr bestellt hätten, schreibt die Firma. «Wenn immer möglich, soll der Abbau über Fluktuation und nicht über Entlassungen umgesetzt werden.» Man hofft also, dass weitere Leute «freiwillig» gehen.

Der Streik habe sich gelohnt, sagen alle Befragten. Immerhin sei es gelungen, die asozialen Alterskündigungen rückgängig zu machen. «Und wir wissen jetzt, wie es sich anfühlt, sich nicht auseinanderdividieren zu lassen.» Ausserdem sei einem Teil der Bevölkerung bewusst geworden: Ohne funktionierende Medien keine Demokratie. Eine Person formuliert es drastisch: «Wir hassen unsere Leitung für das, was sie getan hat; sie hasst uns für diesen Streik. Aber sie hat seither auch ein kleines bisschen Angst vor uns.»

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