Nr. 03/2019 vom 17.01.2019

Ach, England

Wo ist der britische Common Sense hin?, fragen sich KommentatorInnen aus Kontinentaleuropa in der «London Review of Books».

Von Stefan Howald

«What have we done?» (Was haben wir bloss gemacht?), fragt die «London Review of Books» auf ihrer jüngsten Titelseite und verspricht «Antworten aus Europa»: Beiträge aus sechzehn Ländern, teilweise von regelmässigen MitarbeiterInnen der Kulturzeitschrift, teilweise von JournalistInnen vor Ort.

Dabei ergibt sich eine doppelte Spiegelung. Berichtet wird einerseits, wie in anderen Ländern die Tragikomödie des Brexit verfolgt wird. Zugleich zeigen sich in den Positionen zum Brexit die Bruchlinien anderer nationaler Politikfelder. Denn nationalistische Populismen sind ja auch andernorts im Schwange. Dennoch, oder gerade deswegen, dominiert die Verblüffung darüber, wo der sprichwörtliche Pragmatismus und der Common Sense der BritInnen geblieben sind.

Ort unverständlicher Machinationen

Besonders bitter sind die Kommentare aus Irland, das aus der einstigen Kolonialmacht ein paar rassistische Ausfälle von Brexiteers zu hören bekam. Die französische Öffentlichkeit hat eher schnöde, die deutsche ernüchtert reagiert. In Schweden äussert sich die enttäuschte Liebe zu Grossbritannien am deutlichsten. Der Kommentar aus Belgien weist darauf hin, dass man hier seit längerem mehr oder weniger erfolgreich mit einer schwachen nationalen Identität gegenüber stärkeren lokalen und supranationalen umgehe. Und liefert eine Anekdote, wie britische TouristInnen in Brüssel auf die Frage, warum die EngländerInnen hier nicht mehr so populär wie früher seien, von einem Kellner «in perfektem Englisch» die Antwort bekamen: «Wir lesen, was eure Medien über Brüssel und uns sagen.»

Tatsächlich haben meinungsbildende Medien wie der «Daily Telegraph», die «Sun» oder der «Spectator» eifrig am schlechten Image gepinselt, das der «Moloch Brüssel» und die EU auf der Insel haben. Der populistische Egomane Boris Johnson profilierte sich, bevor er Bürgermeister von London und kurzzeitig britischer Aussenminister wurde, als Journalist mit – öfter erfundenen – Horrorgeschichten über die Brüsseler Bürokratie. Auch der ehemals obskure konservative Hinterbänkler Jacob Rees-Mogg wurde erst breiter durch Auftritte im satirischen BBC-Newsquiz «Have I Got News for You» bekannt. Zuerst wie eine aus der Zeit gefallene Figur belächelt, ist er seither zu einem Repräsentanten der dünkelhaften Brexiteers geworden. In ihren politischen Gefässen präsentiert die BBC durch ihre fetischisierte Neutralität die EU als fernen Ort unverständlicher Machinationen, und in ihren Soap-Operas bildet sie zwar die ethnische Diversität Grossbritanniens ab, doch KontinentaleuropäerInnen tauchen nicht auf – weder der polnische Landarbeiter noch die slowakische Krankenpflegerin, ohne die das Gesundheitswesen nicht mehr funktionieren würde.

Kulturraum Buch

Die «London Review of Books» gibt dagegen regelmässig linksliberalen und linken Positionen zu Europa Platz und berichtet über die internationalen Migrationsbewegungen und Wirtschaftsverflechtungen. Ebenso gewichtig: Ihr Ausgangs- und Bezugspunkt bleibt das Buch als ein globaler Kulturraum. Dabei weiten sich die Besprechungen von Sachbüchern und Literatur zu thematisch breit gestreuten Essays aus. Regelmässig geht es auch um Übersetzungen zwischen den Sprachräumen.

Dieser Ansatz ist durchaus erfolgreich. Für 2017 wies die alle zwei Wochen erscheinende Zeitschrift eine Rekordauflage von 74 000 Exemplaren aus, ein Anstieg von 12 000 Exemplaren gegenüber 2013. Für Kontinuität sorgt Mary-Kay Wilmers, die seit 1992 als Herausgeberin amtet und die finanzielle Rückendeckung durch einen Familientrust garantiert.

Dabei bleibt die «London Review» unverwechselbar britisch. Die neuste Ausgabe, die mit Europa beginnt, endet mit einem Beitrag von Alan Bennett. Der mittlerweile 84-jährige Schriftsteller ist bei uns am bekanntesten durch seine Erzählung «The Lady in the Van», die mit Maggie Smith verfilmt wurde. Immer zum Jahresauftakt präsentiert die «London Review» eine Auswahl seiner Tagebuchaufzeichnungen. Bennett und seine Texte sind eine brillante Verkörperung englischer Tugenden, bis hin zum Klischee der Skurrilität. Parteipolitisch ist das selten, aber jederzeit ein Plädoyer für ein besseres, gerechteres Zusammenleben. Natürlich ist Bennett ein zurückhaltender, informierter, entschiedener Brexit-Gegner.

www.lrb.co.uk

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