Nr. 03/2019 vom 17.01.2019

Neue Gillette-Männer

Von Karin Hoffsten

Ob Werbung so wirkt, wie es sich eine Kreativagentur erhofft, ist umstritten. Die Summen, die weltweit für elektronische Werbung ausgegeben werden, scheinen zwar dafür zu sprechen; dagegen spricht, dass zumindest ich mich selten ans beworbene Produkt erinnere.

Aber Emotionen wecken kann sie. Gillette («Für das Beste im Mann») hat einen Spot produzieren lassen, der an die #MeToo-Bewegung anknüpft: Erst treten jede Menge übergriffige Mannsbilder auf; dann zeigt der Spot, wie Männer (alt, jung, weiss, schwarz, dick, dünn) lernen, angemessen mit ihren Mitmenschen umzugehen.

Der Spot scheint mir zwar etwas kitschig, aber gut gefilmt und in der Aussage richtig, doch es erhob sich ein gewaltiger Shitstorm: Beleidigend und diskriminierend für Männer! Gillette für Weicheier! Nie mehr was von der Firma Procter & Gamble kaufen! #FemiNazis seien das – und so weiter und so fort. «Getroffene Hunde bellen», finden die anderen; manche rührt der Spot zu Tränen.

Und während ich mich noch fragte, warum sich so viele ärgern, fiel mir ein Spot ein, der mich in den Wahnsinn treiben könnte: Da sagt ein nerviger kleiner Besserwisser in gestelzt aus dem Hochdeutschen übersetztem Dialekt: «Mis Mami hett PET-Flasche eifach wegzauberet», sie mache jetzt «uus Haanewasser e schprudelndi Erfrischig». Und wenn das kleine Moralmonster am Ende fragt: «Und was machsch du für d Umwelt?», möchte ich «GAR NIX!» schreien: Ich fliege ständig und benutze nur Plastik – ätschbätsch!

Den Gillette-Spot find ich trotzdem gut. Und obwohl selbst bartlos, kann ich mich sogar ans beworbene Produkt erinnern.

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