Nr. 03/2019 vom 17.01.2019

Was ist denn das Gegenprogramm zum Glücklichsein?

Die Theaterautorin Katja Brunner erlebt bei ihrer Arbeit immer wieder Momente des Glücks. Den Begriff findet sie dennoch problematisch.

Von Julia Wartmann (Text) und Ursula Häne (Foto)

Katja Brunner: «Es ist möglich, Glück in einem Zustand der Melancholie, Trauer oder Wut zu finden. Beispielsweise in der Chansonkultur, in den Liedern von Marlene Dietrich.»

WOZ: Frau Brunner, wann begannen Sie sich für das Theater zu interessieren?
Katja Brunner: Ich habe schon als Kind im Kindertheater kleine Szenen geschrieben. Ich habe auch schon immer viel gelesen. Lesen beglückt mich. Die Haltbarkeit der Buchstaben, sie sind nicht flüchtig, sie sind da. Man kann Texte lesen, die 500 Jahre alt sind und trotzdem enorm viel über die Zeit aussagen, in der man selbst lebt.

Was macht Sie sonst noch glücklich?
Entrücktheit, Hingabe. Dieser Zustand, in dem man sich selber nicht gewahr ist, von sich selbst wegkommt. Wenn man total konzentriert ist, sei es bei einer Tätigkeit oder in einem Gespräch. Oder im Rauschzustand.

Ist es möglich, diesen Zustand absichtlich herbeizuführen, zum Beispiel bei der Arbeit?
Nein, denn man kennt ja die Parameter gerade nicht, wie man diesen Zustand erreichen kann. Nehmen wir als Beispiel das vierblättrige Kleeblatt als Glückssymbol. Wenn ich einen Topf – wie dort einer steht – voller vierblättriger Kleeblätter kaufe, dann macht mich das nicht glücklich, weil es keine Überraschung ist. Doch wenn ich in einer Wiese danach suche und dann eines finde, denke ich: Welch ein Glück des Zufalls. So ähnlich verhält es sich mit dem Glück. Doch eigentlich finde ich den Begriff «Glück» ja problematisch.

Warum?
Ich finde, unsere Generation ist extrem infiziert mit dieser amerikanischen Vorstellung von Glücklichsein, dem sogenannten «pursuit of happiness». In dieser Vorstellung ist Glück ein Menschenrecht und Daseinszweck, das dünkt mich manchmal affektiert. Ich selbst bin auch davon infiziert, jedoch hadere ich damit, weil ich jene Versatzstücke, die uns das neoliberale System als glückbringend anpreist, so nicht glauben kann. In einer Zeit, in der wir mit Bildern von vermeintlich glücklichen Menschen geradezu bombardiert werden, würde ich manchmal gerne das Gegenprogramm ausrufen.

Wie könnte ein solches Programm aussehen?
Ich will damit sagen, dass es auch möglich ist, Glück in einem Zustand der Melancholie, Trauer oder Wut zu finden. Beispielsweise in der Chansonkultur, in den Liedern von Marlene Dietrich. Dort wird die Schönheit der Melancholie besungen. Heutzutage ist die Bereitschaft, negative Gefühle als krankhaft oder unangenehm zu empfinden, jedoch riesig. Noch vor fünfzig oder sechzig Jahren wurden diese Gefühle kulturell als integraler Bestandteil des Menschseins gesehen – und nicht gleich pathologisiert. Negative Gefühle sind doch keine Krankheit. Doch vermutlich entspringt diese Tendenz auch dem Anspruch, effizient zu sein: Alles, was meine Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, lehne ich ab.

Doch auch Sie sind bestimmt nicht gänzlich gefeit vor der Vorstellung, glücklich sein zu müssen. Erwarten Sie von Ihrem Beruf, dass er Sie glücklich macht?
Eigentlich schon. Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich eine weitaus freiheitlichere Berufsgestaltung als andere Menschen habe. Obwohl ich natürlich Geld verdienen muss, kann ich über die Struktur meiner Arbeit selber entscheiden. Diese Freiheit bringt aber andere Engpässe mit sich. Mit zwanzig hatte ich zum Beispiel keine Ahnung, wie viel brottrockenen administrativen Aufwand es mit sich bringt, freischaffend tätig zu sein.

Wenn Sie sich Ihre Zeit frei einteilen können: Wissen Sie dann selbst überhaupt, wann Sie am Arbeiten sind und wann nicht?
Das ist tatsächlich schwierig. Arbeit ist per Definition eine Ware, für deren Herstellung ich Zeit aufwende und die ich gegen Geld verkaufe. Meine Arbeit hingegen findet auch statt, wenn ich ein Theaterstück schaue oder mit jemandem spreche. Der Arbeitsprozess ist seismografisch, er hat mit Übung in der Wahrnehmung der Aussenwelt zu tun. Deshalb ist es schwer abzuschätzen, wann ich am Arbeiten bin – oder eben nicht.

Laufen Sie nicht Gefahr, dass gerade aufgrund dieser freiheitlichen Berufsgestaltung die Vermischung von Privat- und Berufsleben immer weiter fortschreitet?
Manchmal habe ich das Gefühl, diese Vermischung ist Ausdruck einer gewissen Schieflage, die sich durch die sozialen Medien noch verschlimmert hat – will man überhaupt wissen, wie sich XY die Schamhaare trimmt? Heutzutage müssen Kunstschaffende stets bereit sein, sich zu vermarkten, eine Ich-AG ohne Pause. Im Lyrikbereich ist das am extremsten, denn nur ein spezieller Typ Leser kauft noch Lyrik. Man verdient also nur etwas, wenn man herumreist und auf Festivals liest. Das setzt ein Leben voraus, das es einem erlaubt, oft weg zu sein. Schwierig also, wenn man Kinder hat oder seine Eltern pflegen muss.

Früher gab es das Klischee des zurückgezogenen, in sich gekehrten Schriftstellers, der durfte sich Widerständigkeiten erlauben. Doch heute muss man sich selbst «performen», muss Schriftsteller-Darstellerin sein. Der Ausverkauf der Persönlichkeit für den Beruf wird erwartet. Das finde ich enorm schade, denn ich geniesse es, in Rollen und Funktionen zu existieren.

Obwohl für Katja Brunner (27) Glück unverhofft auftritt und nicht planbar ist, erreicht sie beim Schwimmen manchmal einen meditativen, glücksähnlichen Zustand.

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