Nr. 03/2019 vom 17.01.2019

Die Dehnung des Menschen

Der profilierte Poptheoretiker und Autor Dietmar Dath hat aus Mary Shelleys Roman «Frankenstein» ein Theaterstück gemacht. Virtuos ist seine nerdige Faszination für Wissenschaft und Technik aber vor allem abseits der Bühne.

Von David Hunziker (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Dass eine Maschine rechnen kann, leuchtet uns noch ein – aber was, wenn sie sich verliebt?»: Dietmar Dath auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses.

«Qualia! Danke für den Begriff!» Dietmar Dath schnippt laut mit den Fingern und zeigt auf sein Gegenüber. Dann rattert er weiter. Ein einziger Begriff wirkt auf ihn wie ein Funke, rastlos und in hohem Tempo hängt er einen weiteren Rattenschwanz von Gedanken an. Jener Begriff, mit dem in der Philosophie die subjektive Qualität von Erfahrung oder Denken gemeint ist, trifft offenbar gut, was den Science-Fiction-Autor und Poptheoretiker gerade umtreibt: Heute würden wir erleben, so Dath, wie sich die Grenze zwischen denkenden und nichtdenkenden Dingen auflöse, der Unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz. «Dass eine Maschine rechnen kann, leuchtet uns noch ein – aber was, wenn sie sich verliebt?»

Was ist Intelligenz, was Bewusstsein – und was ist ein Mensch, wenn auch ein künstliches Wesen über diese Kapazitäten verfügt? Mit solchen Fragen konfrontiert Dath uns in einem Theaterstück, einer Bearbeitung von Mary Shelleys «Frankenstein», die derzeit am Zürcher Schauspielhaus zu sehen ist. Nun sitzt er in der Kantine des Hauses und redet sich mit seiner Begeisterung für die britische Autorin in Fahrt, die jenen Roman, der als zentraler Text der Moderne in die Literaturgeschichte einging, mit zwanzig Jahren schrieb.

Alles schon enthalten

Dath zitiert einen Satz aus «The Last Man», einem weiteren, lange unterschätzten Science-Fiction-Roman von Shelley. Dort heisst es über die ferne Zukunft, in der die Handlung spielt, die Entdeckungen der Wissenschaft hätten in einem Verhältnis zugenommen, das «über alle Berechnung hinausgeht». «Das ist doch genau der Gedanke der technologischen Singularität, der Ende des 20. Jahrhunderts aufkam! Dass es einen Punkt in der Zukunft gibt, ab dem die technologische Entwicklung exponentiell wird und darum nicht mehr berechenbar ist. Und Shelley schreibt das 1826 in einem Nebensatz – fucking genius!»

Die Freude über Shelley hat für Dath auch einen aktuellen persönlichen Anlass. Dank der Arbeit am Theaterstück habe er nämlich ein Projekt abschliessen können, mit dem er sich bereits fünfzehn Jahre lang herumschlage: ein tausendseitiger Essay über Science-Fiction. Er habe sich neulich noch einmal ans erste Kapitel gesetzt, erzählt Dath, in dem es um die englische Romantik und natürlich um Shelley gehe. «Da habe ich gemerkt: Die Science-Fiction beginnt nicht nur mit ‹Frankenstein›, sie ist als Ganze schon darin enthalten.»

Science-Fiction ist für Dath eine «Denkmaschine» oder eine «vergleichende Erkenntniswissenschaft» – eine Literatur, die unser Denken selbst zum Thema hat. Auch als «Frankenstein» entstand, sei die Wissenschaft gerade daran gewesen, eine lange geltende Unterscheidung ins Wanken zu bringen: die zwischen dem Lebendigen und dem Nichtlebendigen. «Damals war es noch üblich, von ‹organischen Stoffen› zu sprechen, also solchen, die angeblich nur Lebewesen herstellen konnten. Zehn Jahre nach der Veröffentlichung von ‹Frankenstein› gelang dann erstmals die Synthese des Harnstoffs im Labor, und jene Unterscheidung war zunichte. Doch das lag bereits früher in der Luft, und Shelley nahm es auf.»

Radikaler Kern

Wenn man sich das von Stefan Pucher inszenierte Stück am Schauspielhaus ansieht, stellt man sich unweigerlich die Frage, ob Science-Fiction als Denkmaschine auch schon einen guten Bühnenstoff abgibt. In ausführlichen Monologen erklären die WissenschaftlerInnen bei Dath die Details ihres monströsen Plans: einem toten Körper Bewusstseinsfragmente von eingefrorenen Menschen einzupflanzen, die zusammen ein neues Bewusstsein erzeugen. Die Idee dazu entnehmen sie einem tatsächlich stattgefundenen Experiment des belgischen Wissenschaftlers Luc Steels, der zwei Roboter gemeinsam eine Sprache erfinden liess. Doch die Ausführungen zu diesem fiktiven biotechnologischen System fügen sich nur selten zu einem dramatischen Fluss, auch wenn Dath immer wieder selbstironische Schlenker und witzige Pointen einstreut.

Die Ironie von Daths Bühnenadaption ist vielleicht die, dass ihre Pointe über den Kern von Shelleys Roman nicht hinausgeht, dass sie der angeblichen Verpflichtung einer ganzen Gattung gegenüber einem einzigen Roman also tatsächlich treu bleibt. Doch dieser Kern ist immer noch radikal. Das Monster, das Viktor Frankenstein erschafft, kommt im Roman nämlich so gar nicht monströs daher, eher als herzensguter Kerl, der sich nach Liebe und Gemeinschaft sehnt. Doch seinen zärtlichen Annäherungsversuchen schlagen vonseiten der Menschen nur Ablehnung und Gewalt entgegen – auch von seinem Schöpfer. Schon in dem Moment nämlich, als dieser in Ingolstadt einem aus Leichenteilen zusammengesetzten Körper mit einem Elektrizitätsstoss Leben einhaucht, kehrt er seinem Werk aus Furcht den Rücken. Gegen Ende des Romans ist Frankenstein zwar kurz davor, den sehnlichsten Wunsch seines Geschöpfs zu erfüllen und ihm eine künstliche Genossin zu schaffen. Doch im letzten Moment schreckt er, aus Angst, damit eine ganze Spezies von bösartigen Unholden in die Welt zu setzen, davor zurück und vernichtet sein zweites Werk. Das Monster wird vor allem dadurch zu einem solchen, weil die Menschen es nur als solches sehen können.

Erfrischend unerträglich

Seine wissenschaftlichen und technischen Produkte fordern den Menschen heraus und seine Verantwortung ein – so könnte man die Moral von «Frankenstein» auf den Punkt bringen. Dath adaptiert diese für ein Szenario, das unsere eigene Zukunft sein könnte: Was, wenn wir künstliche Intelligenzen als Mitglieder in unsere Gemeinschaft aufnehmen? Dass er die Konsequenzen dieses Schritts zu Ende denken und den Begriff vom Menschen über das Ertragbare hinaus dehnen will, ist das Erfrischende an Daths Interventionen. «Wenn wir irgendwann alle nur noch ein Strang aus Code sind und Millionen von uns in einem kleinen Gefäss ins All hinaus fliegen, dann sind das für mich immer noch Menschen.»

Doch so einfach ist es nicht; zumindest die westliche Science-Fiction ist voll von düsteren Geschichten über künstliche Wesen, die sich plötzlich gegen uns wenden. Dass Dath, der es liebt, mit dem Maschinellen, dem «Unmenschlichen» zu kokettieren, kein Verständnis für diese Angst aufbringen will, überrascht kaum. Sowieso sollten wir – und da drückt der Marxist in ihm durch – nach den gesellschaftlichen Verhältnissen fragen: «Vielleicht müssen wir nicht fragen, ob der Mensch von der Herausforderung durch die KI überfordert ist, sondern der Kapitalismus.»

Das kann eine abstrakte Systemfrage sein, aber auch ein Anstoss zur Diskussion, welche gesellschaftliche Funktion KI einnimmt – und vielleicht einnehmen könnte. Die immer noch vorherrschende Vorstellung, was KI ist, geht auf den britischen Mathematiker und Informatikpionier Alan Turing zurück, nach dem auch der Turing-Test benannt ist: Eine KI ist demnach eine Maschine, mit der ich ein Gespräch führen kann, ohne zu merken, dass es eine Maschine ist.

In der Überzeugung, dass KI sich durch ihre Dialogfähigkeit auszeichnet, stecke auf jeden Fall sehr viel Geld, sagt Dath. «Eine Firma wie Spotify programmiert einen Algorithmus, der mich so gut versteht, dass er mir die richtigen Songs empfiehlt – künstliche Intelligenz als besonders freundliche Kundendienstmitarbeiterin, als besonders effektiver Flirt.» Interessant werde es hingegen, wenn die Maschinen uns herausfordern, die Kommunikation mit uns auch verweigern – zum Beispiel in der Kunst. «Doch das ist die alte Diskussion, ob gute Kunst möglichst verständlich sein soll oder nicht – Heinrich Böll oder Hugo Ball.» Zumindest seinem Anspruch nach sieht Dath sich im zweiten Lager.

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