Nr. 03/2019 vom 17.01.2019

Zurück ins Leben

Von Rahel Locher

Mit 39 zieht Nava in eine Alterssiedlung. An diesem Ort zu leben, unter lauter Achtzigjährigen, entspricht genau ihrer Innenwelt, sie hat abgeschlossen, erwartet nichts mehr: «Was die Zukunft betrifft, ist es mir egal, ob sie kurz oder lang sein wird, von mir aus können die Tage immer gleich sein.» In ihren Gedanken spiegeln sich ihre pessimistische Weltsicht und ihre Hoffnungslosigkeit: «Es gibt auf der Welt keinen Wassertropfen, kein Staubkorn und keinen Menschen, der nicht plötzlich vom Zufall überfallen und zerstört werden kann.» So wie es ihr geschehen ist: Ihr Mann und ihr einziger Sohn sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Die israelische Autorin Mira Magén setzt in ihrem neuen Roman «Zuversicht» einmal mehr eine Protagonistin ins Zentrum, die etwas Einschneidendes erlebt hat. Magén leuchtet die innere Leere aus, die Nava, ehemals erfolgreiche Innenarchitektin, nach dem Schicksalsschlag ergriffen hat. Ihre einfühlsame, mal poetische, dann wieder nüchterne Sprache fängt Navas Lebensgefühl gekonnt ein. Auch stellt ihr Magén Menschen zur Seite, die als Antidot wirken: eine Mitarbeiterin an der Kasse im Supermarkt, die Nava auf ihre fortdauernde Attraktivität hinweist; ihre Schwägerin, die ihr in ungeschliffenen Worten aufzeigt, dass auch sie Probleme herumschleppt, obwohl ihr Mann und ihre Kinder noch leben; Zufallsbegegnungen im Park. Und wenn Nava zunächst bloss am Leiden anderer teilnimmt, um sich vom eigenen Schmerz abzulenken, lässt sie sich doch zunehmend auf ihre Umgebung ein und gibt auch mehr von sich preis.

Magén schildert eindringlich, wie Nava sich kaum merklich wieder dem Leben zuwendet, unterstützt von Menschen, die ihr auf unterschiedliche Weise geholfen haben, wieder nach vorne zu schauen. Das Buch ist eine Würdigung der kleinen, alltäglichen menschlichen Gesten, die unserer Existenz in den tiefsten Abgründen aufs Neue einen Sinn verleihen können.

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