Nr. 03/2019 vom 17.01.2019

So vieles ist am Ende eines Krieges nicht begraben

In seinem neuen Roman «Kriegslicht» kehrt der kanadische Weltautor Michael Ondaatje nach 25 Jahren zum Zweiten Weltkrieg zurück – erneut poetisch grandios, verstörend und doch ganz anders.

Von Hans Ulrich Probst

Als die Themse noch eine Lebens- und Transportader war: Ein Lastkahn segelt 1947 am Ford-Autowerk bei Dagenham in Ostlondon vorbei. Foto: Hulton Archive / Getty

«Kriegslicht» spielt unmittelbar nach Kriegsende in London und verknüpft eine Adoleszenz- und Selbstfindungsgeschichte mit einer verrätselten Spionagestory.

«Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und liessen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.» Dieser knappe Eröffnungssatz birgt allen Zündstoff für den Erzähler Ondaatje: Mit «uns» sind die 1945 sechzehnjährige Rachel und ihr vierzehnjähriger Bruder Nathaniel gemeint. Nathaniel ist der Ich-Erzähler des Romans, der Jahre später versucht, schreibend zu erinnern, was damals geschah. Dabei fühlt er sich manchmal, «als schriebe ich bei Kerzenlicht. Als könnte ich nicht sehen, was im Dunkel jenseits der Bewegung dieses Stifts geschieht. Als wären es Momente ohne Zusammenhang.»

Diese Kunst des fragmentierten Schreibens quasi im Halbdunkel beherrscht Ondaatje seit je meisterlich. Auch in «Kriegslicht» bleibt vieles offen, die Lesenden müssen aus funkelnden Steinen ihr Mosaik zusammenfügen. Während der Vater der Geschwister spurlos aus ihrem Leben verschwindet, entpuppt sich die Abreise der Mutter Rose als fingiert. In Wahrheit ist Rose als Agentin des Geheimdiensts tätig, die während des Krieges mit heiklen Operationen in Italien und auf dem Balkan betraut war.

Eine Art Befreiung

Das neue Leben ohne Eltern mit den undurchsichtigen Betreuern «Falter» und «Boxer» erlebt Nathaniel als eine Art Befreiung. Bald geht er nicht mehr zur Schule, sondern verbringt die Tage meist mit Boxer auf der Themse; dieser schmuggelt Windhunde vom Kontinent illegal auf die Insel und bringt sie auf dem Fluss weiter ins Land hinein, wo sie mit falschen Stammbäumen bei Rennen starten. Der Autor, der selbst als Elf- bis Neunzehnjähriger in London wohnte, entwirft ein grossartiges Porträt der Themse als Lebensader: «Wir fuhren durch das dunkle stille Wasser des Flusses mit dem Gefühl, er gehöre uns bis zur Mündung. Vorbei an Industriebauten mit abgedunkelter Beleuchtung, schwach schimmernd, als wären wir in einer Zeitkapsel in den Kriegsjahren, als Verdunklung und Ausgangssperre vorgeschrieben waren und es nur Kriegslicht gegeben hatte.»

Nathaniel wird in diesem Umfeld erwachsen, er erlebt eine verhalten passionierte erste Liebe mit der eigenwillig unabhängigen Agnes, derweil Rachel mit dem Verrat der Eltern nicht zurechtkommt, sich lebenslang als «Beschädigte» sehen wird.

An einem Dezemberabend werden die beiden Geschwister, mit Falter unterwegs zum Theaterbesuch, überfallen; sie sollen entführt werden, um der Mutter habhaft zu werden oder sie zu erpressen. Der Anschlag missglückt, doch Falter kommt dabei ums Leben; plötzlich ist die Mutter wieder da, Rachel und Nathaniel werden sofort an neue, verschiedene Orte ausserhalb Londons verbracht. So endet Teil eins des so unaufgeregt wie spannungsvoll erzählten Romans.

Vier Jahre später wird Rose in Suffolk ermordet, einer von unzähligen «Racheakten, begangen von so vielen Seiten, wie es ethnische Gruppen im eben erst befreiten Europa gab», wie der Erzähler schreibt. In Teil zwei, nochmals zehn Jahre später, kehrt Nathaniel an den Tatort zurück, wo er die Mutter zuletzt getroffen hat; inzwischen in den Archiven des Geheimdiensts tätig, versucht er hartnäckig, mehr über ihr Leben als Agentin zu erfahren, um so den Schmerz des Verlusts und seiner Einsamkeit zu lindern. Dabei wird klar, dass praktisch sämtliche Personen seines Umfelds mit dem Geheimdienst verstrickt und somit zur Verschwiegenheit verdammt sind – «so viele unbeschriftete Erinnerungssplitter».

Fragmentarische Wahrheitssuche

Beeindrucken im ersten Teil die Evokation von Landschaften und Orten sowie die subtil eingefangenen Gefühle der Heranwachsenden, ist der zweite Teil ein ganz untypischer Spionagethriller. Er überzeugt zum einen mit dem starken Porträt einer eigentlich unheroischen, doch mutigen, tatkräftigen Frau und zum anderen durch die Enthüllung von Geheimdienstaktivitäten und Kriegshandlungen, die im «Frieden» genannten Nachkrieg unfriedlich nachwirken – «so vieles ist am Ende eines Krieges nicht begraben». Nathaniels fast obsessive Wahrheitssuche bleibt fragmentarisch, «als hätten wir uns in einer verwirrenden Umgebung verlaufen und sammelten nun, was unsichtbar und unausgesprochen war».

Michael Ondaatje beschreibt das in einer bestechend klaren, oft lyrischen Prosa von magischer Schönheit und leiser Melancholie. Über den Namen von Marsh Felon etwa, der Rose einst für den Secret Service angeworben hat und mit dem sie eine kurze, intensive Romanze verbindet, heisst es: «Sie liebte den Namen Marsh. Er klang, als reiche er immer weiter und sei schwer zu überqueren und ganz zu verstehen, als würden ihre Füsse nass werden, Kletten und Schmutz sich an sie heften.» Wegen solcher Sätze und wegen seiner Menschenkenntnis und Empathie lesen wir Ondaatje, ob es um Coming-of-Age oder Spionage geht.

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