Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Unser aller Zukunft

Von Daniel Stern

Das war ein starkes Zeichen und hat wohl alle überrascht: 22 000 SchülerInnen haben am vergangenen Freitag in sechzehn Städten der Schweiz mit einem Streik einschneidende Massnahmen gegen die Klimaerhitzung verlangt. Allein 8000 waren es in Lausanne, 5000 in Genf, 2000 in Zürich, mehr als 1000 in Bern, Basel, Fribourg und Neuenburg, Hunderte auch in St. Gallen, Chur oder Sion.

Die SchülerInnen wissen: Ihre Zukunft steht auf dem Spiel. Wer die Berichte des Uno-Klimarats oder die neusten Forschungsresultate zum Klima liest, weiss: Sie haben recht. Die Situation ist dramatisch. Das Ausmass des Klimawandels, der eigentlich eine Klimakatastrophe ist, wurde immer wieder unterschätzt. Die Meere erwärmen sich schneller, die Eismassen um den Nord- und Südpol schmelzen viel stärker als lange angenommen.

In dieser Situation verhalten sich die SchülerInnen vollkommen rational. Mit ihren zunehmend international koordinierten Protesten ergreifen sie ihre einzige Chance, Druck auf die Politik aufzusetzen. Irrational ist dagegen das Verhalten der meisten PolitikerInnen. Statt den Kampf gegen die Klimaerhitzung zur obersten Priorität zu machen, verharmlosen sie und verdrängen. Hierzulande scheinen viele zu glauben, so schlimm werde es ja dann doch nicht kommen – zumindest nicht bei uns.

Dabei erfordert der Kampf gegen die Klimaerhitzung inzwischen eine Mobilisierung von Finanzen und Kräften, die nur mit absoluten Notsituationen zu vergleichen ist. Die Schweiz wäre mit ihrem Reichtum und ihren exzellenten Hochschulen und Universitäten prädestiniert, eine führende Rolle zu spielen. Sie hat auch eine moralische Verpflichtung: Die Schweiz war eines der am frühsten industrialisierten Länder. Der hiesige Reichtum fusst auch auf dem CO2-Ausstoss in den vergangenen Jahrzehnten.

Doch wer die Debatte im Nationalrat um das neue CO2-Gesetz nachliest, kann nur den Kopf schütteln über den Kleingeist der Ratsmehrheit. Es ist denn auch vor allem diese Unfähigkeit, die Krise in ihrer ganzen Dimension zu erkennen – und dagegen etwas zu unternehmen –, die den Graben zwischen den streikenden SchülerInnen und der Politik aufgerissen hat.

Auch linke und grüne PolitikerInnen sind vor der Verdrängung nicht gefeit. Zwar zeigen sie jetzt alle viel Verständnis und heben angesichts der Demonstrationen den Daumen. Doch damit ist es längst nicht getan. Wer die streikenden Jugendlichen ernst nimmt, soll an dem Ort, wo er Politik betreibt, angemessen handeln – ob auf Gemeinde-, Kantons- oder Bundesebene. Es gilt, auf allen Ebenen die Prioritäten neu zu setzen. Es gilt, aus den angestammten Rollen des guten Verwalters herauszukommen und die Bevölkerung über die dramatische Situation und die nötigen Massnahmen aufzuklären. Es braucht konkrete Pläne für den raschen ökologisch-sozialen Wandel.

Die Sozialkompetenz in den Diskussionen der SchülerInnen, ihre Fähigkeit zur Organisation und ihre Mobilisierung machen Hoffnung. Allerdings wäre es fatal, sich nun einfach zurückzulehnen und die Streiks zu beklatschen. Viele aktive SchülerInnen befinden sich derzeit in einer Ausnahmesituation. Denn neben ihrem Engagement für das Klima müssen sie auch weiter lernen und Prüfungen schreiben. Irgendwann werden sie erschöpft sein.

Als nächsten Schritt wollen die SchülerInnen weitere Bevölkerungskreise mobilisieren. Sie organisieren am Samstag, 2.  Februar, schweizweit Klimademonstrationen, an denen sich alle beteiligen sollen. Auch neben den Demos kann man sich engagieren: Tausend «Klimaseniorinnen» haben kürzlich beschlossen, ihre Klage gegen den Bundesrat wegen seiner ungenügenden Massnahmen für den Klimaschutz ans Bundesgericht weiterzuziehen. Als Einzelperson kann man auch PolitikerInnen und Unternehmen in Mails zu wirksamen Massnahmen auffordern. Und letztlich den eigenen Lebensstil an die ökologische Herausforderung anpassen. Das Verdrängen muss ein Ende haben.

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