Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

High in der Aromabar

Von Florian Keller

Was für ein verführerischer erster Satz: «Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.» So lapidar dieser Befund, er führt gleich mitten hinein in den delikaten Kosmos, den Eckhart Nickel in seinem ersten Roman «Hysteria» entwirft. Es ist eine Welt der überreizten Wahrnehmung, angesiedelt in einer nahen Zukunft, wo biologische Erzeugnisse in Frakturschrift angepriesen werden und das vermeintlich Naturbelassene sich womöglich als Laborprodukt herausstellt – natürlich nur, wenn man so hyperempfindlich ist wie Bergheim, einstiger Student der Kulinarik.

Auf den Spuren der trügerischen Himbeeren landet dieser Bergheim alsbald in einem kulinarischen Institut, wo merkwürdige Dinge vor sich gehen. Hier trifft er nicht nur auf seine alte Liebe aus Studienzeiten, er taucht auch in die eigene Vergangenheit ab mittels einer geheimnisvoll blinkenden Box, die aus einem Film von David Lynch stammen könnte. In diesen Rückblenden verflacht «Hysteria» zeitweise zu einer studentischen Dreiecksgeschichte. Seinen unheimlichen satirischen Zauber entfaltet Nickels Roman vielmehr dort, wo er manche Lifestyle-Obsession unserer Zeit so weit fortspinnt, dass man beim Lesen in einer parfümierten Halbwelt zwischen Dekadenz und Dystopie wandelt.

So sehen wir uns in eine umweltbewusste Wellnessgesellschaft versetzt, wo die regierende Naturpartei jeden Genuss von allen schädlichen Effekten gereinigt haben will. Alkohol ist längst verboten, dafür gibt es jetzt biosynthetische Aromabars, wo verfeinerte Sinnesfreuden zelebriert werden, dank natürlicher und angeblich gesunder Rauschmittel aus «homöopathischen Superlaboren». Und was hat es mit den «Rousseau-Husaren» auf sich, einer radikalen Ökobewegung, die einst aus einem studentischen Jux hervorgegangen war, dann aber Ernst machte mit ihrer Vision des «spurenlosen Lebens»? Schwer zu sagen, ob «Hysteria» dabei das reaktionäre Fantasma vom ökologischen Exzess eher bedient oder vorführt. Ein ominös schillernder Roman, der im Kopf lange weitergärt.

Lesung: Zürich, Kaufleuten, Sonntag, 3. Februar 2019, 20 Uhr.

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