Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Die Gilets jaunes und das Unglück der Zersiedelung

Die ökologische Frage lässt sich nicht ohne die soziale Frage lösen, weder in Frankreich noch in der Schweiz. Ein Ja zur Zersiedelungsinitiative ist ein guter Anfang.

Von Hans Widmer

Was hat die Zersiedelungsinitiative mit den Gilets jaunes zu tun? Einiges. Der Auslöser des Protests der Gilets jaunes war ja eine Benzinpreiserhöhung, die ökologisch begründet wurde. Die Idee, mit Preisen den Verbrauch zu steuern, ist ebenso alt wie problematisch. Selbstverständlich ist der Verkehr an sich und vor allem das Pendeln im Auto eine der grössten Umweltbelastungen. Also: Wir machen das Autofahren teurer, dann wird auch weniger gependelt.

Solange diese monetären Lenkungen tragbar sind, haben sie jedoch keine allzu grosse Wirkung. Wirksam werden sie erst, wenn sie richtig wehtun und Verhaltensänderungen erzwingen. Das wiederum tun sie nur bei weniger Verdienenden. Die Reichen können es sich weiterhin leisten, mit dem Ferrari durch die Innenstadt zu kurven – oder in den teuren Zentren zu wohnen und sich ganz ökologisch nur noch zu Fuss, per Tram und Bus zu bewegen. Dabei bleibt immer noch genug Geld für Ferienflüge, was dazu führt, dass die tugendhaften grünen Reichen trotzdem eine schlechtere Ökobilanz aufweisen als die unökologischen armen AgglobewohnerInnen. Diese werden zudem Opfer von siedlungspolitischen Fehlentwicklungen der letzten sechzig Jahre. Der Versuch, die ökologische Frage zu lösen, ohne zugleich die soziale Frage zu lösen, muss scheitern.

Ausgehöhlte Zentren

Frankreich ist über weite Teile noch extremer zersiedelt, noch «amerikanischer» als die Schweiz. Es wurden Versorgungs- und Konsumstrukturen geschaffen, zusammen mit der wachsenden Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeitgestaltung, die zu immer weiteren Wegen und so zu mehr Verkehrszwang geführt haben. Vor allem kleine und mittlere Städte wurden ausgehöhlt: Die kleinen Läden in Fussdistanz, all die Bäcker, Metzger, Handwerkerinnen, wurden von den riesigen Centres commerciaux von Carrefour, Auchan und Hyper-U weggefegt. Da dies global agierende Konzerne sind, kann man sagen, dass die Globalisierung Frankreich zersiedelt hat, analog zur globalen Zersiedelung, die zu Landflucht, verödeten Landstädten einerseits und zu wuchernden Megacitys andererseits geführt hat.

Der innere Grund für das Symptom Zersiedelung ist eine neue globale Arbeitsteilung, die alle Unternehmen mit unterdurchschnittlichen Profitraten in den Ruin treibt und damit jede Form einer ausgeglichenen lokalen Ökonomie verunmöglicht. Dabei entstand eine Push-and-Pull-Situation: Da es keine Arbeitsplätze in den Subzentren mehr gab, wurde die Bevölkerung in einige wenige Ballungsräume gesogen. Dort entstanden amorphe Agglomerationen mit grossen Wohnblöcken. Die nun unterversorgten Siedlungskerne verödeten. So gab es keinen Grund, die oft schlechte Bausubstanz zu renovieren, und es war billiger, einen Pavillon im Grünen zu bauen, der erst noch mehr Komfort bot. Da Land in Frankreich reichlich vorhanden und billig ist, ist die Zahl dieser Pavillonsiedlungen geradezu explodiert. Diese Streusiedlungen machen wiederum jede Form von öffentlichem Verkehr unökonomisch und zwingen die BewohnerInnen, das Auto zu benutzen. Es braucht dann nur noch eine Krankheit oder eine Entlassung, und die AgglobewohnerInnen kommen an den Rand des Ruins. Das Budget wird eng – das hat die Gilets jaunes ausgelöst. Dazu kam noch die unerträgliche Arroganz der neoliberalen Regierung Macron.

Die Gilets jaunes sind nicht die Ärmsten: Sie verteidigen immer noch eine «imperiale Lebensweise», eine Konsumgesellschaft, die insgesamt keine Zukunft hat. Sie verteidigen das Elend der, in globaler Perspektive gesehen, Privilegierten. Die Ärmsten sind eher jene meist afrikanischen MigrantInnen, die mit den heruntergekommenen Wohnungen in verödeten Siedlungskernen vorliebnehmen müssen. So ist es für viele Kleinstädte in Frankreich typisch, dass sie zwar tagsüber noch als nostalgische Shoppingcenter mit kleinen Bistros und Bars für Agglobewohner und Touristinnen funktionieren, aber dort nach Ladenschluss praktisch nur noch MigrantInnen unterwegs sind. Dass die ins Umland Geflohenen dann darüber klagen, dass ihre Städte von EinwanderInnen besetzt würden, ist ein Hohn. Marine Le Pen und Konsorten nützen diese Situation aber kräftig für ihre xenophobe Hetze aus.

Gemäss dem Psychologen Daniel Kahneman («Schnelles Denken, langsames Denken») ist die Tätigkeit, die in westlichen Gesellschaften die Menschen am unglücklichsten macht, das Pendeln mit dem Auto, gefolgt von Arbeit und Hausarbeit. Die Delokalisierung von Ökonomie und Wohnen verwandelt immer mehr Menschen in PendlerInnen. Der Protest der Gilets jaunes ist indirekt ein Protest gegen das Unglück. Wenn dann zum Unglück noch der Spott einer Regierung wie jener Macrons kommt, dann läuft das Fass über. Man sucht sich externe Schuldige – und da bieten sich diese «anderen» natürlich an. Und so kann das Spiel der grossen Profiteure weitergehen, ohne reale Lösung. (Noch) nicht in diese Falle getappt zu sein, ist eine der hoffnungsvollen Aspekte der Gilets jaunes.

Mehr als Verdichtung

Man mag den Gilets jaunes den Zustupf gönnen, den ihnen Emmanuel Macron gewähren will. Aber sie gleichen darin eher einer Person, die in einem reissenden Strom auf einer schwindenden Sandinsel steht und nach mehr Sand schreit, statt endlich ans Ufer zu schwimmen. Die Antwort auf die unglücklich machende und zermürbende Zersiedelung ist nicht nur eine innere Verdichtung, sondern auch eine allgemeine ökologische und soziale Erneuerung, die schliesslich wieder zu Siedlungsformen und Institutionen führt, die das Teilen und Kooperieren im Alltag unterstützen: Wahrnehmen, Begegnungen, Widerhall, Verstehen, gegenseitige Unterstützung, das ist die Substanz eines geglückten Lebens. Damit verknüpft sind die ökologischen Probleme, die universal sind und also auch eine universale Antwort verlangen.

Auch wenn wir es bezahlen könnten, dürften wir gar nicht mehr so wie heute leben. Das Gegenprogramm zur Globalisierung ist der Umbau unserer zerrissenen Gesellschaften in ökonomisch und sozial funktionierende Gemeinschaften. Keine Regierung kann diesen Umbau verordnen, doch es gibt überall Initiativen und Bewegungen, die daran sind, ihn zu bewerkstelligen. Wenn die Gilets jaunes zum Auslöser eines solchen Umbaus werden, dann sind ihre Proteste nicht vergeblich.

Die Zersiedelungsinitiative ist noch nicht das nötige Umbauprogramm für die Schweiz. Aber sie lenkt doch die Aufmerksamkeit auf ein sichtbares Symptom der aktuellen Fehlentwicklungen. Ein klares Stoppsignal kann als Einladung zu einem Neubeginn dienen. Ein Ja ist also gerechtfertigt.

Hans Widmer ist Autor in Zürich und hat lange unter dem Pseudonym P.  M. publiziert. Sein bekanntestes Buch ist «bolo’bolo». Widmer ist Vorstandsmitglied des Vereins Neustart Schweiz. Das erwähnte Umbauprogramm ist auf www.newalliance.earth skizziert.

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