Nr. 05/2019 vom 31.01.2019

Ein Zeuge der Revolution

Von Ulrike Baureithel

«Lang lebe der Schah!», krächzt «der standhafte Papagei» unermüdlich. Das kann 1979 in Teheran sogar einen Vogel den Kopf kosten, weshalb der einstige Spirituosenhändler Agha Firuz seine schwierige Umerziehung auf sich nimmt. Diese amüsante Anekdote kann man im Erinnerungsbuch von Amir Hassan Cheheltan nachlesen, in dem er die Iranische Revolution von 1978/79, die er als Student in Teheran unmittelbar miterlebte, vergegenwärtigt.

Der 1956 geborene Schriftsteller wohnte damals in einem sozial gemischten Viertel nahe der Universität, und der durch das Alkoholverbot brotlos gewordene Schankwirt war sein Nachbar. Der junge Mann wird Zeuge der grossen Massenaufmärsche der religiösen Bewegung, der Flucht des Schahs und der Rückkehr Chomeinis. Fasziniert beobachtet er, wie Jungen und Mädchen plötzlich auf Panzern durch die Stadt fahren.

Cheheltan erinnert in seinem – sprachlich leider etwas unterkomplexen – Bericht aber auch daran, dass die islamische Revolution ursprünglich sozial motiviert und eine Armenbewegung war, begleitet von Unabhängigkeitsbestrebungen an der Peripherie. Fabrik- und Hausbesetzungen waren an der Tagesordnung, linke, nationalistische und religiös motivierte Gruppen kämpften gegeneinander und um Handlungshoheit. Interessant ist, wie die Chomeini-Anhänger das Soziale besetzten, indem sie praktische Versorgungsstrukturen aufbauten, eine Strategie, die auch in anderen islamisch gewendeten Ländern zu beobachten ist.

Mit der zunehmenden Islamisierung der Gesellschaft und der wachsenden Gewalt auf den Strassen, geprägt von öffentlichen Auspeitschungen und Hinrichtungen, verloren die Volksfedajin und -mudschaheddin an Boden. Die Stimmen der Arbeits- und Obdachlosen wurden erstickt, und es ertönte nur noch der Ruf «Tod Amerika». Zu Beginn der Revolution, schreibt Cheheltan, habe sich niemand vorstellen können, dass die ursprünglich «vorübergehend» gedachte religiöse Herrschaft mehrere Jahrzehnte währen würde.

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