Nr. 06/2019 vom 07.02.2019

Lokaler Klimanotstand

Nur eine kleine Demo, aber eine Stadt mit grossen Ideen: Die jurassische Kantonshauptstadt soll Klimastadt werden.

Von Benjamin von Wyl (Text) und Evan Ruetsch (Foto)

«Unsere Verschwendung ist wie eine Drogensucht»: Stadtparlamentarier Camille Rebetez an der Klimademo vom 2. Februar in Delémont – in der ganzen Schweiz gingen rund 50 000 auf die Strasse.

«Les petits pas, les petits pas – ça suffit pas!»: Die kleinen Schritte reichen nicht. Diese Parole hört man oft auf der Route vom Bahnhof Delémont in die Altstadt. An der jurassischen Klimademo, einer von vierzehn am letzten Samstag in der Schweiz, nehmen etwa 500 Menschen teil. «Es ist wichtig, in kleinen Städten zu demonstrieren – nur schon, damit die Teilnehmer nicht quer durch die Schweiz fahren», sagt die Mittelschülerin Sarah Riesen zur WOZ.

«Klimanotstand» steht auf dem Transparent an der Demospitze. Camille Rebetez, ein von der Dynamik des Klimastreiks geprägter Stadtparlamentarier, hat in der Woche davor einen Vorstoss eingereicht, der radikale Forderungen stellt, eine Art Klimanotstandsgesetz im Lokalen: Delémont soll «Klimastadt» werden. Die 13 000-EinwohnerInnen-Stadt soll sich als Gemeinde der Transition-Town-Bewegung anschliessen. Diese Bewegung, die ihre Wurzeln in Grossbritannien hat, propagiert einen radikalen ökologischen Ansatz auf der Ebene der Gemeinden: Es geht darum, von fossilen Energien unabhängig zu werden, einen Teil der benötigten Nahrung vor Ort anzubauen und die regionale Wirtschaft zu stärken.

Der Vorstoss in Delémont fordert, den CO2-Ausstoss kommunaler Tätigkeiten auf das Nötigste zu reduzieren, und will eine lokale Klimacharta partizipativ erarbeiten. Die graue Energie soll, besonders beim Einkauf von Baumaterial, minimiert werden, kein Geschäftsauto und kein Computerserver unhinterfragt bleiben. Kurz: Die Stadt soll auf alle vermeidbaren Klimakiller verzichten.

Easyjet, Zalando, Auto

«Eine echte Klimastadt gibt es noch nicht. Sie würde alle Empfehlungen des Weltklimarats umsetzen», sagt Rebetez, der den Vorstoss für die Linksallianz im Stadtparlament eingereicht hat. Im britischen Bristol, das ihm am ehesten als Vorbild dient, war er noch nie – auch weil er aufs Fliegen verzichtet. «Die Gesellschaft ist abhängig», sagt Rebetez und zählt auf: Easyjet, Zalando, Auto. Das Klischee stimme, sagt der Theaterautor und -pädagoge, der sein Auto «gerade loswird»: Im Jura setze man sich auch für fünf Minuten Fussweg hinters Steuer. «Unsere Verschwendung ist wie eine Drogensucht.» Es brauche einen Entzug – anders ändere sich das Suchtverhalten nicht.

Sind die Klimastreikenden Jugendbewegte, ist Rebetez so etwas wie ein Elternbewegter: Er fühlt sich seinen drei Töchtern verpflichtet, motiviert seine SchülerInnen zum Klimastreik – und nutzt sein politisches Mandat, um die Anliegen des Streiks in die offizielle Stadtpolitik zu tragen. Als hätte er den SchülerInnenstreik vorausgeahnt, hat er bereits vor vier Jahren ein Theaterstück geschrieben, das bestens zur Aktualität passt: Darin bestreiken Kinder ihre Eltern und fordern eine Zukunft.

«Die Motion ist radikal, aber es kann klappen», glaubt Rebetez. In Delémont gibt es eine linke Mehrheit. Die gemeinsame Fraktion von Linksallianz und Grünen kommt aber bloss auf 8 von 41 Sitzen. Damit Delémont Klimastadt wird, braucht es die SozialdemokratInnen. «Die Jugendlichen werden beobachten, wie abgestimmt wird. Wenn das Parlament Nein stimmt, werden sie fragen: Ist euch unsere Zukunft egal?» Dann würden sie weiterstreiken.

Andere Städte sind interessiert

Rebetez ist sich sicher, dass der Klimastreik linke PolitikerInnen unter Druck setzt: «Eigentlich muss sich jede Stadt mit linker Mehrheit zur Klimastadt bekennen – und fast alle Städte sind links.» Die Schweizer Städte alleine stoppen die Klimakatastrophe nicht, aber es wären wichtige Signale dafür, dass es in einem reichen Land Veränderungswillen gibt. Bereits haben sich bei Rebetez LokalpolitikerInnen aus La Chaux-de-Fonds, Neuenburg und Lausanne gemeldet. Weitere Klimastadt-Vorstösse werden wohl folgen.

«Traurigerweise sind die Regierung und viele Politiker blinder denn je!», ruft Sarah Riesen in ihrer Rede auf der Treppe des Hôtel de Ville. Mehr Jubel als für sie gab es nur für die Behauptung, die Klimajugend organisiere die grössten Demos seit der Kantonsgründung. Rebetez steht in der Menge und hört zu, seine jüngste Tochter auf den Schultern. Was tut er, wenn der Vorstoss nicht durchkommt? «Ich trete zurück.» Wirklich? «Ja – und ich gehe auf die Strasse!» Auch Rebetez hat genug von den kleinen Schritten.

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