Nr. 06/2019 vom 07.02.2019

Wir Scheineheleute

Von Karin Hoffsten

Menschen aus dem Mittelmeer zu retten, war nie einfach. Dass immer mehr Staaten den Tod flüchtender Menschen billigend in Kauf nehmen, macht es nicht leichter. Doch manche schaffen es trotzdem nach Europa.

Vor einigen Tagen rumpelte es gewaltig im Karton, als die Dresdner Hilfsorganisation Mission Lifeline twitterte: «Ihr seid noch nicht verheiratet? Vielleicht verliebt Ihr Euch zufällig in einen Menschen, der*die hier noch kein Bleiberecht hat. Könnte passieren, oder? Bleibt offen!»

Das deutsche Innenministerium witterte einen Aufruf zu verbotenen Scheinehen mit Flüchtenden. Doch bei einer Strassenumfrage des Senders NTV meinten alle Befragten, sie sähen in dem Tweet nur einen – vielleicht etwas ungeschickt formulierten – Aufruf zur Nächstenliebe.

Die «taz» kommentierte: «Jede Ehe ist eine Scheinehe», vielleicht sei «wahre Liebe ja nichts anderes als die strategische Aufteilung der eigenen Privilegien». Manche heirateten, um Steuern zu sparen, um finanziell abgesichert zu sein oder um jemanden zu haben, «der sie pflegt und vögelt und in den Arm nimmt», ohne jedes Mal zahlen zu müssen.

Meine eigene Scheinehe ging ich noch zu Zeiten des alten Eherechts ein. Ich war weder an Leib noch Leben gefährdet, wurde aber gebührenfrei Schweizerin, durfte bleiben und arbeiten. Ihm hätte diese Ehe eine Arbeitserlaubnis in der EU verschafft.

Solange nur Heiraten bestimmte Rechte verleiht, stehe ich zum Prinzip Scheinehe.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch