Nr. 06/2019 vom 07.02.2019

Der unzerstörbare Peruaner

Von Brigitte Matern

Nur zwei verdienten den Tod, «du als Unterdrücker und ich als Befreier», soll er gesagt haben, als ihm der Abgesandte Spaniens unter Folter die Namen weiterer Aufständischer abpressen wollte. Er verriet niemanden, wurde gevierteilt, Arme und Beine an je unterschiedlichen Stätten vergraben, der Rumpf verbrannt, der Kopf ausgestellt. Zur Abschreckung. Oder hatten die Kolonialherren doch Angst, er könne wiederauferstehen? Denn der Aufwiegler war – zumindest seinen eigenen Angaben nach – kein Geringerer als der Nachfolger des letzten Inkakönigs, den die spanischen Eroberer 1572 ermordet hatten.

Dem um 1740 im Vizekönigreich Peru zur Welt gekommenen Mestizen ging es zu Lebzeiten recht gut. Er gehörte der gebildeten Oberschicht an, war als Händler und Transportunternehmer gut vernetzt und Oberhaupt von Tinta, einer Quechuagemeinde. Trotzdem – oder gerade deshalb – zettelte der ehemalige Jesuitenschüler eine mächtige Revolte an. Seit sich die Ausbeute aus den Silberminen halbiert hatte, gab es dafür Gründe genug.

Auf der Suche nach neuen Geldquellen schröpfte Spanien seine lateinamerikanischen Kolonien gnadenlos. Neben einer Kopfsteuer und der Zwangsarbeit in den Bergwerken – immer wieder ein halbes bis ein ganzes Jahr war für viele Indigene Pflicht – führte die Kolonialmacht weitere Zumutungen ein: Peruanische Ware wurde mit einer Verkaufssteuer belegt und die Bevölkerung zum Kauf von überteuerten spanischen Importen gegen Bargeld gezwungen. Die dadurch angehäuften Schulden (es herrschte weitgehend Tauschhandel vor) mussten auf Plantagen oder in Fabriken abgearbeitet werden. Die Empörung entlud sich bereits in kleineren lokalen Aufständen, als der Gemeindevorsteher von Tinta noch im Guten versuchte, die Behörden zur Abschaffung von Zwangsdiensten und Steuern zu bewegen. Dann jedoch knüpfte er an die Tradition des untergegangenen Inkareichs an, ernannte sich zu dessen Herrscher und brach eine Rebellion vom Zaun, die auf weite Teile Perus übergriff; auch weisse SiedlerInnen und schwarze SklavInnen schlossen sich an.

Am Ende aber siegten die spanischen Kanonen. 1781 wurde er hingerichtet, seine gesamte Familie ermordet, das Vermögen konfisziert, die Ländereien zerstört. Und niemand durfte sich mehr als Inka bezeichnen oder kleiden. Die Strahlkraft seines Namens reichte jedoch bis weit ins 20.  Jahrhundert hinein.

Wer war der in Lateinamerika noch heute verehrte Aufrührer, dessen zerfetzte Glieder der Sage nach eines Tages wieder zusammenwachsen?

Wir fragten nach dem peruanischen Aufständischen Túpac Amaru II., mit bürgerlichem Namen José Gabriel Condorcanqui (circa 1740–1781). Der Qechua-Name Túpac Amaru bedeutet «Erhabene Schlange». Nach ihm benannten sich im 20. Jahrhundert uruguayische und peruanische Widerstandsbewegungen, auch der Rapper 2Pac, bürgerlich Tupac Amaru Shakur, war nach ihm benannt. Ob er wirklich ein Nachfahre des letzten Inkakönigs war, ist ungewiss. Nach seiner Hinrichtung waren sämtliche ihn betreffende Dokumente verbrannt worden.

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