Nr. 06/2019 vom 07.02.2019

«Die persische Sprache ist wie ein Ozean ohne Boden»

Wie übersetzt man Lieder, Gedichte und das, was zwischen den Zeilen steht? Zwei Übersetzerinnen aus Teheran erzählen, warum dies eine poetische, aber auch eine politische Frage ist. Und warum gerade für ÜbersetzerInnen die Vernetzung so wichtig ist.

Von Silvia Süess (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Sahar Tavakoli im Übersetzerhaus Looren: «Für mich ist das Übersetzen eine Mission. Ich möchte möglichst viel interessanten Stoff übersetzen.» – Donya Moghaddamrad: «Unsere Zeit dürstet nach Dialogen zwischen den Kulturen und nach Übersetzungen, die diese Dialoge ermöglichen.»

Er habe zwei Fragen, sagt der junge Mann in der Küche: «Wo ist der nächste Laden, und wie komme ich nach Zürich?» Der iranische Journalist und Übersetzer Kamran Baradaran ist spätnachts aus Teheran im Übersetzerhaus Looren angekommen.

Das Haus liegt inmitten einer verschneiten Landschaft in Wernetshausen im Zürcher Oberland, zehn Gehminuten von der nächsten Bushaltestelle entfernt. Seit seiner Gründung 2005 kommen ÜbersetzerInnen aus der ganzen Welt hierher, um für ein paar Tage oder auch bis zu drei Monate an einem Übersetzungsprojekt zu arbeiten. Ende Januar ist das Haus für seine Arbeit mit dem Literaturpreis des Bundesamts für Kultur ausgezeichnet worden (vgl. «Vermittlungsarbeit» im Anschluss an diesen Text).

In sieben einfach eingerichteten Einzel- sowie zwei Doppelzimmern mit Blick auf die Glarner Alpen arbeiten und schlafen die Gäste. Eines der Gästezimmer musste zu einem Bücherraum umfunktioniert werden, die Büchersammlung wächst und wächst. Im geräumigen Eingangsbereich steht eine grosse Wand mit den Werken, die im Haus übersetzt wurden: Bücher von Peter Stamm auf Slowenisch, «Heidi» auf Tschechisch. Im Untergeschoss, wo sich die Arbeitsplätze der fünf fest angestellten MitarbeiterInnen befinden, stehen Regale voller Wörterbücher in vielen Sprachen – wichtige Arbeitsinstrumente für die ÜbersetzerInnen. In der grossen Küche haben alle einen persönlichen Schaft mit von zu Hause mitgebrachten oder hier gekauften Esswaren. Einmal die Woche kocht ein Mitarbeiter des Hauses ein gemeinsames Abendessen, die restlichen Tage verpflegen sich die BesucherInnen individuell.

Doch das Herz des Hauses ist die riesige Stube: Gemütliche Ecken mit Tischen und Stühlen laden zum Verweilen und Diskutieren ein; eine Wand voll Schweizer Literatur dient der Inspiration und die Aussicht der Musse. Eine grosse Fensterfront öffnet den Blick auf den riesigen, verschneiten Garten und die Glarner Alpen. Der griechische Übersetzer Iannis Kalifatidis habe kürzlich während eines Aufenthalts im Übersetzerhaus Looren gesagt, wenn er in die Nebellandschaft schaue, verstehe er plötzlich Friedrich Glauser viel besser, erzählt die Presseverantwortliche Janine Messerli, die durchs Haus führt. Kalifatidis war gerade dabei, Glausers Roman «Der Chinese» zu übersetzen, und plötzlich begriff er, dass der Nebel hier völlig anders aussah, als er sich das in Athen vorgestellt hatte.

Genau dies betonen auch die iranischen Autorinnen und Übersetzerinnen Sahar Tavakoli und Donya Moghaddamrad, die diese Tage im Loorenhaus wohnen und arbeiten. «Das Übersetzerhaus macht viel mehr als einfach ‹etwas mit Sprache›», sagt Tavakoli beim Gespräch in der lichtdurchfluteten Stube, «vorallem geht es hier um wichtige kulturelle Vermittlungsarbeit.» Da sie Englisch spricht und Moghaddamrad Deutsch, findet das Gespräch zweisprachig statt. Manchmal auch dreisprachig, wenn sich die zwei, die beide aus Teheran kommen, sich aber erst hier im Übersetzerhaus kennengelernt haben, kurz auf Persisch austauschen.

WOZ: Sahar Tavakoli und Donya Moghaddamrad, Sie leben beide als Autorinnen und Übersetzerinnen in Teheran. Wie haben Sie von diesem Übersetzerhaus im Zürcher Oberland erfahren?
Sahar Tavakoli: Vor neun Jahren habe ich an einem Stand an der Internationalen Buchmesse in Teheran einen wunderschönen Werbekatalog des Loorenhauses entdeckt. Ich sah dieses Haus mit dem tollen Garten und der Sicht auf diese fantastische Landschaft. Ich fand es schlicht spektakulär. Da begann ich, davon zu träumen, mit meinen Büchern hierherzukommen und meinen Tee hier zu trinken. Zwei Jahre später klappte es dann tatsächlich. Seither komme ich ungefähr alle zwei Jahre hierher.

Und war es wie im Katalog, als Sie hierherkamen?
Tavakoli: Ja, genau so. Es ist fantastisch hier. Als ich das erste Mal kam, war ich sehr deprimiert in Bezug auf meine Arbeit: Im Iran wirst du als junge Übersetzerin kaum wahrgenommen, deine Arbeit wird nicht wertgeschätzt. Als ich hier auf andere Übersetzerinnen und Übersetzer traf und sah, wie motiviert sie waren, gewann ich den Mut zurück, den ich zuvor verloren hatte.

Donya Moghaddamrad: Ich kenne dieses Gefühl sehr gut. Als Übersetzerin aus dem Deutschen ins Persische fühle ich mich sehr allein. Genau deshalb ist es so wichtig, Kolleginnen zu treffen und gemeinsame Fragen und Probleme mit ihnen zu diskutieren. Diese Gespräche und Diskussionen bringen uns in unserer Arbeit alle weiter, ausserdem können wir uns vernetzen. Ich habe an einem Übersetzertreffen am Literarischen Kolloquium in Berlin jemanden vom Übersetzerhaus Looren kennengelernt, deshalb bin ich hier.

Was sind denn die gemeinsamen Fragen und Probleme, die diskutiert werden?
Moghaddamrad: Am besten bringe ich ein konkretes Beispiel: In einer Gesprächsrunde gestern Abend erzählte die italienische Übersetzerin Amalia Urbano von ihrer Arbeit mit «Di schöni Fanny» von Pedro Lenz. Sie sagte, es gebe ein paar Lieder im Buch, die sie übersetzen müsse. Diese seien jedoch erstens in Dialekt geschrieben, zweitens in alter Sprache – und die dritte Schwierigkeit: Wenn sie diese Lieder einfach Wort für Wort übersetzen würde, käme dabei ein Lied heraus, das dem italienischen Kulturgut nicht gerecht würde. Die Frage, die sich hier stellt, ist: Wie übersetzt man ein Lied so, dass es in den kulturellen Kontext eines Landes passt?

Ich hatte genau dieselbe Erfahrung bei der Übersetzungsarbeit von «Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke» von Joachim Meyerhoff. Da üben Schauspieler im Unterricht Lieder, die im Buch dann vorkommen. Ich musste diese Lieder auf Persisch so aufbauen, dass sie viel näher bei den Liedern sind, die bei uns im Schauspielunterricht gesungen werden. Die Lieder müssen im besten Fall also so übersetzt werden, dass sie in den iranischen kulturellen Kontext passen.

Und wie schafft man das am besten?
Moghaddamrad: Am besten ist es, wenn das Lied ganz nah an einem tatsächlich existierenden persischen Lied dran ist. Deshalb ist hier Kreativität gefragt.

Tavakoli: Kreativität ist ein gutes Stichwort. Was die Syntax und die Komposition der Sätze angeht, hat wohl jeder Übersetzer seine eigene Erfahrung und findet Lösungen in den Textbüchern. Aber wenn es um Semantik und die Bedeutung der Wörter geht, dann wird es schwieriger. Denn Sprache ist ja immer mit Bedeutung aufgeladen, und jede Sprache trägt Kultur, Geschichte und Wurzeln mit sich. Hier wird es für eine Übersetzerin sehr kritisch. Vor allem wenn du Arbeiten wie jene von Pedro Lenz übersetzt, der ja aus einem sehr speziellen Ort der Schweiz kommt und in einem besonderen Dialekt schreibt. Deswegen ist es für eine Übersetzerin sehr wichtig, kreativ zu sein und diese Strukturen in der neuen Sprache aufzubauen. Stets mit dem Ansinnen, auch das, was zwischen den Zeilen steckt, zu transportieren und nicht nur das, was an der Oberfläche zu lesen ist. Das ist es, was eine gute Übersetzerin ausmacht: dass sie jede Anstrengung unternimmt, um das Beste zu versuchen – am Ende sind es ja immer Versuche.

Besteht da nicht auch die Gefahr, etwas falsch zu interpretieren oder allzu kreativ sein zu wollen?
Tavakoli: Da gibt es unterschiedliche Vorstellungen, speziell was die Lyrik betrifft. Es gibt ja Leute, die sagen, Lyrik könne gar nicht übersetzt werden, das sei Verrat an der Literatur. Aber wenn ich die Übersetzungen nicht mache, wie erfahren dann die potenziellen Leserinnen überhaupt von diesen Gedichten? Die Lyrik war es, die mich überhaupt zur Übersetzerin machte.

Wie kam das?
Tavakoli: Ich las als Kind wahnsinnig gern, ich liebte zum Beispiel Jules Verne. Als ich älter wurde, entdeckte ich die Lyrik. Die grosse iranische Lyrikerin Forugh Farrochzad wurde praktisch Teil meines Lebens. Und ich wollte herausfinden, ob es ausserhalb des Iran ähnlich faszinierende Lyrikerinnen wie sie gibt.

Und wurden Sie fündig?
Tavakoli: Ja! Deshalb bin ich ja hier. Ich fand zum Beispiel Sylvia Plath. Und ich begann, selber Gedichte zu schreiben, und gab mein erstes Buch heraus. Doch ich wollte mehr: Ich wollte all die wunderbaren Gedichte, die ich fand, den persischen Leserinnen und Lesern zugänglich machen. Da ich den Bachelor in Englischer Literatur gemacht hatte und bereits Englisch unterrichtete, war das Übersetzen ein völlig logischer Schritt.

Donya Moghaddamrad, und warum sind Sie Übersetzerin geworden?
Moghaddamrad: Ich habe Theaterwissenschaft studiert und als Schauspielerin und Regisseurin gearbeitet. Dass ich Übersetzerin wurde, ist für mich eine konsequente Ausweitung meines Arbeitsfelds: Im Theater führe ich einen Dialog mit dem Publikum. Als Übersetzerin kann ich den Dialog ausbauen, ich kann dazu beitragen, dass sich Menschen in unterschiedlichen Ländern verstehen und dass ein Austausch stattfindet. Wegen meines Theaterhintergrunds übersetzte ich ausschliesslich Autoren und Autorinnen, die selber auch einen Bezug zum Theater haben.

Sie haben Lukas Bärfuss’ Roman «Koala» ins Persische übersetzt, doch die Übersetzung liegt zurzeit bei der Zensurbehörde. Warum?
Moghaddamrad: Ich weiss es nicht, das Buch behandelt ja keine problematischen Themen. Aber man weiss eigentlich nie, was zensuriert wird. Da arbeiten Angestellte beim Kulturministerium, die privat meistens kaum lesen und dadurch einen eher begrenzten literarischen Horizont haben. Die lesen alle Bücher, bevor sie herausgegeben werden können, und sie entscheiden, was überarbeitet werden muss, welche Textpassagen rausgestrichen werden müssen oder welches Buch gar nicht erst erscheinen darf.

Tavakoli: Es sind erotische Themen, die nicht in den Büchern erscheinen dürfen, sowie politische Aspekte, die geändert werden müssen – beides Themenbereiche, die wohl überall, wo es Zensur gibt, zuerst gestrichen werden.

Die persische Sprache hat eine enorme literarische Tradition. Ist dies für Sie als Autorinnen auch eine Bürde?
Tavakoli: Nein, auf keinen Fall. Wir machen ja eine neue Arbeit. Jedes Buch bringt eine neue Geschichte hervor. Deshalb ist es keine Last, im Gegenteil, es ist mehr wie Flügel: Diese Tradition ermöglicht uns zu fliegen.

Moghaddamrad: (Lacht und zeigt auf Tavakoli.) Sie ist wirklich eine Poetin.

Kommt es vor, dass Sie beim Übersetzen an Ihre Grenzen stossen, weil Sie zum Beispiel Wörter nicht finden?
Tavakoli: Die persische Sprache ist wie ein Ozean ohne Boden, da findet man jedes Wort. Das ist wunderbar.

Moghaddamrad: Persisch ist die Hauptstadt der Metaphern, die Sprache von Hafis, dem grossen Dichter, die Sprache, die Goethe verstehen konnte und liebte.

Tavakoli: Allerdings ist die Struktur der Wörter zum Beispiel im Deutschen, das ich zurzeit lerne, ganz anders als in der persischen Sprache. Die deutschen Wörter sind oft extrem lang, und man kann alles Mögliche hinten dranhängen. Zum Beispiel dieses Haus hier: das «Übersetzerhaus». Das gibt es im Persischen nicht. Aber wir haben ein paar sehr schöne Wörter, die man anstelle dieses langen Worts einsetzen kann. Wenn ich beim Übersetzen an meine Grenzen stosse, so geschieht das nie, weil mich die Sprache limitiert. Vielmehr stoppt mich mein fehlendes Wissen als Übersetzerin.

Moghaddamrad: Gerade deshalb sind Aufenthalte wie diese hier im Übersetzerhaus so wichtig, wir lernen so viel voneinander und erhalten Einblick in andere Lebenswelten. Ich frage mich manchmal, wo die iranische Literatur heute international stehen würde, wenn wir solche Möglichkeiten auch in unserem Land hätten. Wenn wir in unserem Land die Möglichkeit gehabt hätten, uns mit Autorinnen und Übersetzern aus der ganzen Welt zu vernetzen. Wenn all unsere wunderbaren Autoren, sowohl die älteren wie auch die jungen – denn da ist eine ganz starke Generation am Heranwachsen –, immer auch in andere Sprachen übersetzt worden wären.

Tavakoli: Für mich ist das Übersetzen eine Mission. Ich möchte möglichst viel Stoff, den ich interessant finde, übersetzen. Und erst, wenn auch innerhalb meines Landes die Möglichkeit besteht, die iranischen Autoren ins Englische zu übersetzen, wird meine Mission beendet sein.

Moghaddamrad: Und warum möchten wir, dass unsere Autorinnen und Autoren übersetzt werden? Weil man durch das Lesen von Literatur merkt, dass ein Mensch ein Mensch ist, egal wo er lebt. Dass sich Menschen überall auf der Welt dieselben Fragen stellen, sich mit denselben Problemen herumschlagen und dieselben Lösungen finden. Dass das Menschsein universell ist. Unsere Zeit dürstet nach Dialogen zwischen den Kulturen und nach Übersetzungen, die diese Dialoge ermöglichen. Die Literatur vermittelt ein anderes Bild unseres Landes als die Medien. Und das ist notwendig.

Übersetzerhaus Looren

Vermittlungsarbeit

Seit bald vierzehn Jahren kommen Menschen aus der ganzen Welt nach Wernetshausen im Zürcher Oberland: 2005 wurde aus dem ehemaligen Verlagshaus Züst das Übersetzerhaus Looren, das vom gleichnamigen Verein betrieben und mehrheitlich aus privaten Mitteln finanziert wird. Ausserdem unterstützt die Fachstelle Kultur des Kantons Zürich das Übersetzerhaus mit einem Betriebsbeitrag. Die ÜbersetzerInnen zahlen für zwei Wochen Aufenthalt fünfzig Franken; kommen darf nur, wer an einem Werk arbeitet, das bereits einen Verlag hat.

Zum Haus gehört auch eine öffentlich zugängliche Präsenzbibliothek mit Arbeitsplätzen und an die 8500 Büchern, darunter Schweizer Literatur in allen vier Landessprachen, Fachliteratur zum Thema Übersetzen, Hörbücher sowie Filme und auch ein- und mehrsprachige Wörterbücher in rund neunzig Spachen.

Das Übersetzerhaus Looren vergibt Stipendien und organisiert Weiterbildungen, Workshops sowie öffentliche Veranstaltungen. Für seine Pionierarbeit würdigte der Bund Anfang dieses Jahres das Übersetzerhaus: Gemeinsam mit dem Centre de traduction littéraire in Lausanne erhielt es den Spezialpreis Vermittlung des Schweizer Literaturpreises, der mit 40 000 Franken dotiert ist. Die Preisverleihung findet am Donnerstag, 14.  Februar, um 18  Uhr in der Nationalbibliothek in Bern statt.

Silvia Süess

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