Nr. 06/2019 vom 07.02.2019

Widmerwoche im Tiefschnee

Ruedi Widmer über Zwingli, die Post und Zerstreuung

Von Ruedi Widmer

Wir sind ins chinesische Jahr des Schweines eingetreten. Als Erstes die Gewissensfrage: Wer ist das bessere, Trump oder Maduro?

Dem doch sehr artigen «Zwingli» im Kino ziehe ich Zwängeli und Bängeli vor (Kasperlitheater, Musikkassette Jörg Schneider, 1976).

Der Kniefall von Henryk M. Broder vor der AfD-Bundestagsfraktion verdeutlicht, wie manche Achtundsechziger nicht nur durch die Kinderstube, sondern auch durch die Institutionen gerast sind und dann vor lauter Überbezahlung, Unterbeschäftigung und Langeweile begannen, komische Internetseiten zu gucken.

Für Bernd («Björn») Höcke (AfD Thüringen) finden die Ereignisse in der Bibel in «zu fernen» Landschaften statt. Der stark nach Rechtsextremismus riechende Krawattenträger vermisse Wälder, Tannen und Eichen im Heiligen Buch, wie er jüngst verlautbaren liess. Das kann nur heissen, der Mann schreibt an einer eigenen Bibel.

Die Kältewelle in den USA zeigt, wie sich die Kälte aus den erwärmten Polregionen zurückzieht, in den Süden klimawandelt und irgendwann in Lateinamerika einfällt. Deshalb will Mexiko nun an der Grenze zu den vereisten USA eine Mauer bauen, um die Kältewelle zu stoppen. Die Mauer wird natürlich Mexiko zahlen!

Nun wird nicht nur der Klimawandel nicht geglaubt, sondern auch der Feinstaub, wie der Kult um die Gruppe von autobegeisterten deutschen LungenärztInnen zeigt, die im Wälderland auf grosses Echo stossen. Ich leugne übrigens die Existenz von deutschen LungenärztInnen ganz allgemein.

Der Unterschied zwischen der WOZ und «20 Minuten» zeigt sich im Mehrwert der Information. Bei Ersterer erfahre ich alles über Baschir, bei Letzterer nur alles über Baschi.

Die Schweizer Post erlebt zurzeit ihr Vietnam: Der Ausflug von über hundert Postfinance-Kaderleuten ins südostasiatische Land soll fast die Hälfte des gesamten CO2-Ausstosses der Schweizer Post im Jahr 2018 ausgemacht haben. Das ist eher hinterhältiges als nachhaltiges Geschäften. Am besten werden jetzt fünfzig Poststellen geschlossen, um den Schaden wiedergutzumachen.

Der INF-Vertrag, der die Zahl atomarer Mittelstreckenraketen zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion beziehungsweise Russland begrenzte, war so was von achtzigerjahremiefig. Vokuhilas und neongelbe Jacken, Aerobic und «Miami Vice». Gut, wenn der weg ist, der passt überhaupt nicht in die Welt von heute.

Macht aus den Marschflugkörpern Marsflugkörper!

Die Aargauer SVP-Grossrätin Dr. Nicole Müller-Boder hat sich vorwiegend auf Facebook einen Namen gemacht und gehört dort zu den Grossen der «Masters of the Parallel Universe». Sie empfiehlt Kindern, «Ice Age» anzuschauen, dort sehe man, dass es schon immer Klimawandel gegeben habe. Ich empfehle ihr, die Bibel zu lesen, denn dort sieht man, dass es schon immer Menschen gegeben hat.

Am nächsten Sonntag bitte ein dickes und pausbackiges Ja für die Zerstreuungsinitiative einlegen! Zerstreuung richtet jeden Tag einen volkswirtschaftlichen Schaden von beinahe einer Milliarde Franken alleine in der Schweiz an (Schätzung). Viel zu viele Menschen zerstreuen sich mithilfe von Smartphones, Youtube, Büchern, Zeitungen, Theatern, Computern, Kinos, ganzen Fussballstadien, Museen, Konzertsälen, zoologischen Gärten und werden so vom Arbeiten abgehalten. Diese eine Milliarde könnte einen Milliardär ein ganzes Jahr zum Milliardär machen. Aber daran denken die Zerstreuungswütigen natürlich nicht. Was ist nur aus unserer Gesellschaft geworden? Eine Gesellschaft von EgoistInnen.

Wenn man nur mit einem Selbstlaut spricht, wie Kinder das gerne tun (etwa mit a), dann ast das aagantlach waa schwarz-waass sprachan.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch