Nr. 07/2019 vom 14.02.2019

Der Anfang vom Ende?

Eine abtretende Chefredaktorin und vierzehn Entlassungen – bei der renommierten Frauenzeitschrift «Annabelle» wird massiv gespart. Mit welchen Folgen?

Von Nina Fargahi

«Auf weitere 80 Jahre Annabelle!», gratulierte der Tamedia-Verleger Pietro Supino der Zeitschrift «Annabelle» zu ihrem 80. Geburtstag. Das war im Oktober 2018. Drei Monate später folgt der Kahlschlag. 14 der insgesamt 39 MitarbeiterInnen werden entlassen, verkündet Tamedia Ende Januar. Künftig soll für die Zeitschrift und das Onlineportal eine gemeinsame Redaktion zuständig sein. Allerdings arbeitet die Redaktion schon seit Jahren konvergent.

Der Schock ist gross, obwohl die Ungewissheit die Redaktion seit Jahren plagte. «Die Nachricht, den Job zu verlieren, ist für jede Einzelne und jeden Einzelnen eine schlimme», sagt Chefredaktorin Silvia Binggeli. Sie selbst nimmt den Hut und verlässt «Annabelle» nach zwanzig Jahren.

Eine starke Marke

In einem offenen Brief solidarisieren sich JournalistInnen vom «Tages-Anzeiger» und aus weiteren Tamedia-Redaktionen. Am 31.  Januar schreiben sie an den Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung: «Wir sind überzeugt, dass auch Sie Interesse an auffälligen journalistischen Inhalten haben. Daher appellieren wir an Sie, Ihren Entscheid noch einmal zu überdenken.» Mehr als 45 RedaktorInnen unterzeichnen den Brief.

Doch Tamedia bleibt hart und beruft sich auf die rückläufigen Zahlen aus dem Werbemarkt. Im Segment der Frauen- und Peoplezeitschriften seien die Werbeeinnahmen in den vergangenen fünf Jahren um fünfzig Prozent zurückgegangen, rund zwanzig Prozent davon im Jahr 2018. In der «Annabelle»-Redaktion herrscht die Meinung vor, die Tamedia-Leitung habe sich nicht wirklich darum bemüht, inspirierte Lösungen zu suchen und die «Annabelle» am Leben zu erhalten. Dabei ist die «Annabelle» eine erfolgreiche Zeitschrift: Die Redaktion ist engagiert, zahlreiche Autorinnen haben Preise gewonnen, das Magazin hat sich als starke Marke mit hohem Wiedererkennungswert etabliert.

Die «Annabelle» steht für hochwertigen Journalismus aus dem Haus Tamedia und ist eine Institution mit einer langen Geschichte. Gegründet im Jahr 1938 als erste moderne Frauenzeitschrift im deutschsprachigen Raum, hat die «Annabelle» zuweilen für viel Wirbel gesorgt. Man denke an den Sommer 2006, als die «Annabelle» die Petition «Keine Schusswaffen zu Hause» lancierte, die zu einer Volksinitiative führte. Oder als sich das Magazin 2012 für eine Frauenquote starkmachte. Die damalige Chefredaktorin Lisa Feldmann wurde deswegen vor den Verwaltungsrat zitiert.

Die «Annabelle» hat sich stets mit dem Frausein in der Schweiz auseinandergesetzt, hat vermeintliche Selbstverständlichkeiten mutig hinterfragt und sich für die Sache der Frauen eingesetzt. Sie konnte auch während der letzten Jahre eine treue LeserInnenschaft halten. Weshalb hat sich Tamedia trotzdem dazu entschieden, das Ende der «Annabelle» einzuläuten, obwohl die Mittel für einen anderen Weg vorhanden wären? Liegt der Grund vielleicht darin, dass in der Tamedia-Unternehmensleitung keine einzige Frau sitzt? Auf Anfrage heisst es: «Dieser Vorwurf ist schlicht unhaltbar. Wir haben uns den Entscheid in keinster Weise leicht gemacht.»

Während der MitarbeiterInneninformation am 29.  Januar wollte eine Journalistin wissen, ob die Tamedia-Führung auch Selbstkritik üben möge. Christoph Tonini von der Unternehmensleitung habe geantwortet, die JournalistInnen sollten endlich von ihrem hohen Ross runterkommen. Auch sie seien gefordert, sich Gedanken über die Finanzierung von Journalismus zu machen.

Nur noch Fassade

Die Frage ist: Wie wird das Produkt aussehen, wenn nur noch wenige RedaktorInnen dafür zuständig sind, Texte lediglich einzukaufen und zu produzieren, selbst aber nicht mehr gross zum Schreiben kommen? Eine Ahnung erhält man, wenn man auf «Le Matin» in der Romandie blickt: Auch da hat Tamedia die Redaktion in einer massiven Sparrunde verkleinert und in ein Onlineportal überführt, das nur noch Content bereitstellt, statt Geschichten zu recherchieren. Und nun tut man so, als gäbe es «Le Matin» noch, obwohl das einst schillernde Blatt im Grunde genommen nur noch eine Fassade ist.

Droht der «Annabelle» das gleiche Schicksal? Eine Mitarbeiterin sagt: «Man hat die Zeitschrift erwürgt und schaut, was man mit der Leiche noch alles anstellen kann.»

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