Nr. 07/2019 vom 14.02.2019

Warum wird Corbyn so heftig attackiert?

Die Aktivistin und Journalistin Ash Sarkar erklärt, warum linke Theorien erst im politischen Handgemenge ihre volle Bedeutung entfalten – und worin die Poesie des Fussballs liegt.

Von Peter Stäuber (Interview) und Horst Friedrichs (Foto), London

Ash Sarkar: «Das zeigt den Erfolg von Labour – die Partei hat den ökonomischen Konsens, der hier vierzig Jahre lang galt, völlig zertrümmert.»

WOZ: Frau Sarkar, man sieht Sie oft an Veranstaltungen von Labour und Momentum, einer Organisation, die Jeremy Corbyn nahesteht. Sind Sie eigentlich Parteimitglied?
Ash Sarkar: Nein, ich bin weder Mitglied bei Labour noch bei Momentum. Ich bin nur eine Mitläuferin. (Lacht.)

Im Sommer 2017, nach dem unerwartet guten Wahlergebnis für Labour, war Corbyn auf seinem bisherigen Höhepunkt. Heute ist die Partei in einer schwierigeren Lage, Corbyn wird von allen Seiten attackiert. Warum?
Je näher Labour der Macht kommt, desto schwieriger wird es. Das ist in der Politik so. Der grosse Erfolg Labours 2017 bestand darin, die Debatte so zu beeinflussen, dass es bei der Wahl um mehr als den Brexit ging – nämlich um Ungleichheit, Armut, sinkende Lebensstandards und so weiter. Aber auch seither hat die Partei viel erreicht. Wir sollten nicht vergessen, wie stark Corbyn den wirtschaftspolitischen Konsens verändert hat.

Inwiefern?
Umfragen zeigen, dass die überwältigende Mehrheit der Britinnen und Briten höhere Steuern, die Verstaatlichung grösserer Industrien sowie die Umverteilung von Reichtum befürwortet. Als Schattenfinanzminister John McDonnell letztes Jahr einen Plan vorlegte, wie die Lohnempfänger schrittweise die Eigentümerschaft über ihr Unternehmen erreichen können – was einer riesigen Umverteilung gleichkäme –, hörte man kaum einen Pieps in den Medien. Erinnern Sie sich, als Ed Miliband, der frühere Labour-Chef, eine Steuer auf teure Grundstücke in Aussicht stellte?

Ja, da war die Empörung gross …
Sie schrien: Wie bitte?! Das ist ja wie bei Karl Marx! Das zeigt den Erfolg der Partei: Sie hat den ökonomischen Konsens, der hier vierzig Jahre lang galt, völlig zertrümmert. Nun versucht sie, diese Pläne umzusetzen. Und wenn die Leute daran nichts Positives sehen, dann schauen sie nicht genau genug hin.

Trotzdem: In Umfragen ist die Partei nicht so stark, wie man angesichts der Schwierigkeiten der Tories erwarten könnte.
Labours knifflige Aufgabe besteht darin, eine Koalition aus verschiedenen Wählern zusammenzuschweissen. Diese Wähler teilen in Bezug auf die Wirtschaft dieselben Ziele, sonst aber gehen ihre Vorstellungen auseinander: Die einen sind migrationsfreundlich, internationalistisch, multikulturell, die anderen hingegen protektionistisch, gegenüber der Einwanderung skeptisch, zuweilen sogar xenophob, und sozialkonservativ. Dieser Gegensatz kristallisiert sich in der Frage des Brexit.

Wie will Labour den Gegensatz überwinden?
Die Partei setzt darauf, dass sie diese Differenzen überdecken kann, wenn sie ein überzeugendes Projekt der Umverteilung vorlegt, das die Lücke zwischen dem Norden und dem reichen Süden in puncto Investitionen und Infrastruktur schliessen kann. Das ist sehr schwer zu erreichen.

Warum sind gerade die Zentrumspolitiker seiner eigenen Partei, die Anhänger Tony Blairs, so kritisch gegenüber Corbyn?
Ich kenne das von der Schulabschlussfeier: Niemand steht gern allein in der Ecke. Die Zentristen dachten, dass sie sich dauerhaft die Macht sichern können, indem sie ihre Politik den Interessen des Kapitals unterordnen. Dafür sind sie grosse ethische Kompromisse eingegangen. Und dann kommt Corbyn daher, ein Vegetarier Ende sechzig, und sagt: Es muss nicht so sein. Wären Sie da nicht auch wütend?

Wie sind Sie selbst politisiert worden?
Wegen meiner Mama. Sie war in den Siebzigern und Achtzigern in antirassistischen Kampagnen aktiv, etwa im Newham Monitoring Project, der ältesten Antirassismuskampagne Londons. Sie war Teil jener vielen Graswurzelbewegungen, die damals florierten.

Und Sie haben das als Kind mitbekommen?
Wir haben die ganze Zeit darüber gesprochen. Und dann, als ich elf war, begann der Irakkrieg, das war mein erster Protest. Danach war ich sehr aktiv in der Antikriegsbewegung. Aber erst als ich auf die Uni ging und mich an der Bewegung gegen die Erhöhung der Studiengebühren beteiligte, habe ich mich intensiver mit Ökonomiekritik beschäftigt. Ich hatte zuvor Marx und Frantz Fanon gelesen, aber erst wenn man sich selbst inmitten eines politischen Konflikts wiederfindet, versteht man, worum es in diesen Büchern geht.

Sie haben aber auch ein unpolitisches Hobby – Sie sind Fan der Tottenham Hotspurs.
Es klingt wie ein Klischee, aber es stimmt: Fussball ist ein schönes Spiel, es fliesst und ist poetisch, und man lernt viel über eine Kultur und Gesellschaft, wenn man sich anschaut, wie dort Fussball gespielt wird. Mich faszinieren Fussballtheorien, etwa die, dass der niederländische Totaalvoetbal im Anarchismus wurzelt oder dass der Catenaccio laut dem Philosophen Antonio Negri Ausdruck der rauen Mentalität italienischer Bauern ist. Ich bin mit dem Fussball aufgewachsen, mit Stars wie Ronaldo und Ronaldinho. Wenn die auf den Platz gekommen sind, liessen sie das Spiel wie Lyrik aussehen. Die Frage ist doch: Wie kann man Fussball nicht lieben?

Ash Sarkar (26) hat am eigenen Leib erfahren, wie die Brexit-Kampagne 2016 rassistische Ressentiments schürte. Sie selbst wurde damals auf der Strasse angefeindet.

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