Nr. 07/2019 vom 14.02.2019

Kleinreden statt Aufräumen

Wegen Mobbing- und Belästigungsfällen stand die ETH Zürich letztes Jahr in den Schlagzeilen. Das Ergebnis eines Disziplinarverfahrens zeigt nun, wie wenig die Hochschule daraus gelernt hat.

Von Anouk Eschelmüller

Es war gleich eine zweifache Demütigung. Erst die Meldung, dass der seit September freigestellte Architekturprofessor von den Vorwürfen sexueller Belästigung entlastet sei. Etliche Studierende, Mitarbeiterinnen und Angestellte der ETH hatten belastende Berichte über den Professor bei der Fachstelle Equal eingereicht, neun Betroffene mussten sich Befragungen eines externen Untersuchungsführers stellen. Nun müssen sie auch noch einen Teil der Anwaltskosten selbst berappen. Mit einer Crowdfunding-Aktion sammeln sie Geld dafür.

Viele aus ihrem Umfeld seien fassungslos über das Ergebnis der Disziplinaruntersuchung, sagt eine Mitarbeiterin der ETH. Dieses sei schlicht nicht nachvollziehbar. «Was geschehen ist, ist klar als sexuelle Belästigung zu werten.» Es wäre ein wichtiges Zeichen gewesen, hätten die Übergriffe unmittelbare Folgen für den Professor gehabt, sagt eine andere Mitarbeiterin. Der Untersuchungsbericht hält laut ETH-Leitung zwar fest, dass er seine persönlichen und beruflichen Beziehungen nicht adäquat getrennt habe. Die ETH verlässt er aber auf eigenen Wunsch.

Gute Vorsätze

Wie die externe Untersuchungsgruppe zu ihrem Ergebnis kommt, ist indes unklar. Der Bericht ist nicht einsehbar. Die Anwältin der Betroffenen kündigt laut «Tages-Anzeiger» nun an, Schritte gegen die ETH zu unternehmen. Neben einer Entschädigung für die Betroffenen werde sie Einsichtnahme in Bericht und Akten einklagen.

Und die ETH? Noch im Herbst äusserte sich die Hochschule gegenüber der WOZ: «Mit den im vergangenen Jahr publik gewordenen Mobbingvorwürfen an der ETH und der öffentlichen Diskussion rund um die #MeToo-Bewegung ist ein zusätzlicher Ruck durch die ETH Zürich gegangen.» Diesem Statement vorausgegangen waren erst Enthüllungen zu Mobbingfällen von ETH-ProfessorInnen, dann zu den happigen Belästigungsvorwürfen gegen besagten Architekturprofessor. Studierende und Angestellte berichteten von Machtmissbrauch und Willkür von Vorgesetzten. Die Hochschule, die sonst mit grossen Namen und guten Rankings glänzt, gab eine miserable Figur ab. Erst auf Druck der Medien bezog sie öffentlich Stellung und leitete Untersuchungen gegen die Beschuldigten ein.

An guten Vorsätzen mangelte es nicht. So versprach der neue ETH-Präsident Joël Mesot «Führungs- und Personalentwicklung für Professorinnen und Professoren». Dieses Projekt sei in Arbeit, heisst es bei der ETH auf Anfrage. Ausserdem sagte Mesot damals, es werde diskutiert, «ob eine externe, unabhängige Meldestelle für sexuelle Belästigung» errichtet werden soll. Das werde geprüft, heisst es heute. Weiter würden Meldestellen aufgestockt, auch sollen «Führungs- und Sozialkompetenzen» künftig bei der Berufung von ProfessorInnen besser berücksichtigt werden.

«Betretenes Schweigen»

Die interne Kommunikation sei wie gehabt spärlich, sagt ein Angestellter der ETH. Seit das Ergebnis der Untersuchung stehe, herrsche betretenes Schweigen. Das könne aber auch daran liegen, dass der Zeitpunkt der Medienmitteilung so gewählt worden sei, dass er in die Semesterpause falle.

Von den ETH-ArchitekturprofessorInnen äusserte sich bisher noch niemand zum Entscheid. Es habe kein Umdenken stattgefunden, sagt eine Hochschulmitarbeiterin. So würden die Vorfälle teilweise auch jetzt noch bagatellisiert und etwa mit dem temperamentvollen Charakter des besagten Professors erklärt. Wie klein der Wille zu tatsächlichem Handeln ist, zeigt auch die Betreuung der Betroffenen während des Verfahrens: Sie erhielten anfangs weder rechtliche noch psychologische Unterstützung. Die Crowdfunding-Aktion soll nun auch eine Informationskampagne «zur Verbesserung der ETH-internen Prozesse im Umgang mit Machtmissbrauch und Arbeitskonflikten solcher Art» finanzieren – eine Aufgabe, die die ETH eigentlich selbst übernehmen müsste.

Vieles deutet darauf hin, dass der Professor nur ein Beispiel für viele weitere, ja für ein ganzes System ist (siehe WOZ Nr. 42/2018). «Es muss doch eine Art von Evaluation stattfinden, die Konsequenzen hat», sagt ein Studierender. «Es ist bekannt, dass manche Professoren Studierende schikanieren, und niemand handelt.» Stattdessen wird die alte Strategie des Kleinredens weitergeführt. Es handle sich bloss um «wenige Einzelfälle», betont Mesot in einem die Medienmitteilung begleitenden Interview.

Das Signal, das der ETH-Präsident Studentinnen und Angestellten damit sendet, ist deutlich: Wenn ihr an unserer Institution belästigt oder gemobbt werdet, könnt ihr mit wenig Unterstützung rechnen. Ein Ruck ist ganz offensichtlich nicht durch die ETH gegangen.

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