Nr. 08/2019 vom 21.02.2019

Das Spiel des Äusserstgewöhnlichen

Der Körper verschwindet, die Stimme bleibt. Bruno Ganz war ein Schauspieler, der mit der heiligen Kunst brechen wollte.

Von Tobi Müller

Künstler des Konkreten: Bruno Ganz, hier 2011 in Zürich. Foto: Ursula Häne

Es gibt zwei Dinge, die am lautesten das Datum von Filmen in Erinnerung rufen: Wenn Menschen ohne Telefone durch die Welt gehen, staunen wir leicht beschämt, wie gut das aussieht; wenn Frauen sich nach Liebe sehnen, meistens auf einem Bett ausgestreckt, und Männer dazu gewichtige Mienen machen, sieht das nicht mehr so gut aus. Auch wenn der Film «Himmel über Berlin» heisst (1987), von Wim Wenders ist und wenn darin Bruno Ganz einen Engel spielt, der Mensch werden will. Doch selbst in diesem deutlich datierten Männerkunstfilm sieht man Ganz als einen Schauspieler, der den Rahmen sprengt und die Zeit überdauert. Weil Ganz nicht raunt, sondern, wenn er denn mal darf, extrem konkret spielt.

Es war viel von Kunst die Rede seit der Nachricht am vergangenen Samstag, dass Bruno Ganz nach einer Krebskrankheit in Au bei Wädenswil am Zürichsee gestorben ist. Ganz, der Träger des Iffland-Rings und vielfach ausgezeichnete Grossschauspieler, Ganz, der Kleists Homburg, Goethes Faust, Hitler im Endstadium und zuletzt auch noch den Alpöhi spielte. Ganz war schon heilig, als er noch lebte, was den Blick auf das, was er konnte, mitunter trübte durch eine etwas zu abstrakte Bewunderung. Aber Ganz war ein Künstler des Konkreten, der wie jeder, der die Zeit überdauert, mit der heiligen Kunst brechen wollte und seine Gabe der Suche nach dem Realismus lieh. Jede Generation muss von neuem aushandeln, wie sie Realismus versteht.

Wie eine Offenbarung

Im «Himmel über Berlin», einem Kind des Ästhetizismus, bringt Bruno Ganz den Realismus dennoch ins Bild. Wenn Damiel, der von Ganz gespielte Engel, im letzten Viertel des Films vom Himmel fällt und neben der Mauer in Kreuzberg landet. Nach dem vergeistigten Dasein als beobachtender Engel wird er nun erfahrender Mensch, schmeckt das Blut am Hinterkopf, von der Rüstung, die auf ihn fiel, spricht einen Passanten an und fragt, wie kalt es sei, welche Farben die Malereien auf der Grenzmauer hätten. Er lernt mit der Offenheit und Begeisterung eines Kindes, aber mit der Zielstrebigkeit eines Erwachsenen – wie der Engel hielt es wohl auch der Schauspieler. Im Anschluss trinkt er an der Imbissbude seinen ersten Becher Kaffee, und es sieht wirklich wie eine Offenbarung aus. Schlechte Schauspieler würden sich die Brühe auf der Zunge zergehen lassen (genauso wie sie Worte abschmecken). Ganz trinkt schnell und trennt die Geste von dem Staunen.

Nach all dem Herumstehen kommt Ganz ins sprichwörtliche Spiel. Der Film gewinnt augenblicklich an Tiefenschärfe. Man hört dieser etwas seltsamen Stimme zu. Da kommt nicht alles direkt heraus, manches klingt ein wenig verdruckst, im Hals, es klingt, als gäbe es in diesem Sprechapparat einen Widerstand. Er führt dazu, dass dieser Spieler Sprache stets als Arbeit begreift, als Überwindung vielleicht. Und es führt zu einer trügerischen Nähe zum Publikum: Die Stimme ist nicht zu Ende geschliffen, sie hat ein paar menschliche Makel. Doch die Gewöhnlichkeit ist nur scheinbar, die Genauigkeit in der Sprachbehandlung überwindet den Normalfall spielend. Es ist ein Spiel mit dem Gewöhnlichen und dem Aussergewöhnlichen. Ganz, der Äusserstgewöhnliche.

Ein leichter Singsang

Bruno Ganz, Sohn eines Schweizer Fabrikarbeiters und einer Italienerin aus Zürich-Seebach, war auf höchstem Niveau Handwerker geblieben und gab selten der Versuchung des Künstler-Darstellers nach. Ausser es galt, tatsächlich einen Künstler darzustellen, zum Beispiel in der legendären Inszenierung von Goethes Künstlerdrama «Torquato Tasso» im Frühjahr 1969 in Bremen, Regie Peter Stein. Damit hat er sich im Alter von 28 Jahren ins Herz des deutschen Theaterbetriebs gespielt. Die Schweiz brauchte länger: Peter Stein, Ganz und Co., die direkt nach dem Bremer «Tasso» ans Zürcher Schauspielhaus unter Direktor Peter Löffler kamen, mussten nach rund vier Monaten wieder gehen.

Für deutsche Ohren hatte Ganz einen leichten helvetischen Singsang, der aber eine andere Funktion bekommt und deshalb niemanden stört (entgegen der Schweizer Grundangst, stört das die Deutschen nie so richtig). Denn Ganz spricht Text, als wären die Tonlagen in feinsten Nuancen notiert. In der Filmaufzeichnung des Bremer «Tasso» sind diese singenden Töne besonders klar zu hören, obwohl Ganz da mehr Mühe als später darauf verwendet, die helvetische Färbung zu verstecken.

Natürlich, das ist eine Geburtsstunde eines neuen Regietheaters. Und klar, die Figur des Tasso handelt bereits von der Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, am Hof. Ganz nimmt das so konkret ernst, wie man das damals noch nie gesehen hatte. Sein Tasso probiert Posen aus, und er spricht, als übe er eine Tonlage ein. Als wäre der Text Partitur. Er schlüpft in ihn hinein, findet aber, im Gegensatz zu den Raunenden seiner Zunft, auch wieder heraus. Der Text ist eine Rüstung, die man an-, aber auch wieder ausziehen muss. Am Ende trägt er die Rüstung unter dem Arm; im «Himmel über Berlin» – bestimmt ein Zitat – fällt sie ihm auf den Kopf. Der Text muss immer äusserlich werden. Nah am Körper. Letzterer verschwindet, die Stimme bleibt.

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