Nr. 08/2019 vom 21.02.2019

Müssen sich Weisse schuldig fühlen?

Das Erbe des Imperialismus blockiert die britische Gesellschaft bis heute – und trotzdem führt es zu nichts, die Kinder für die Taten ihrer Väter zu bestrafen, findet die Londoner Journalistin Ash Sarkar.

Von Peter Stäuber (Interview) und Horst Friedrichs (Foto), London

Ash Sarkar: «Stellen Sie sich mal vor, wir würden das Empire in der Schule auf nüchterne und akkurate Weise analysieren – was das allein bewegen würde!»

WOZ: Frau Sarkar, besonders seit dem Brexit-Votum gilt Grossbritannien als sehr fremdenfeindlich. Ist Rassismus hier ein grösseres Problem als in anderen europäischen Ländern?
Ash Sarkar: Die Frage ist schwierig zu beantworten. Ich kenne mich gut aus mit dem institutionellen Rassismus – weiss also, dass ethnische Minderheiten überdurchschnittlich oft von Obdachlosigkeit betroffen sind, dass sie öfter ins Gefängnis gesteckt werden als ihre weissen Mitbürger oder dass sie in Jobinterviews unterschwellig diskriminiert werden. Ich weiss nicht, wie es in dieser Hinsicht in anderen Ländern aussieht.

Haben Sie den Anstieg der Xenophobie in der Zeit nach der Brexit-Abstimmung gespürt?
Ich habe auf der Strasse Anfeindungen erlebt, die ich so in London noch nie gesehen hatte. Ich glaube allerdings nicht, dass der Brexit die Leute rassistischer gemacht hat. Er hat vielmehr etwas freigesetzt, das schon vorher unter der Oberfläche schwelte.

Nun steht London auch im Ruf, ein «melting pot» zu sein. Haben Sie denn viel Rassismus erlebt, als Sie hier aufgewachsen sind?
Unsere Nachbarn waren ein Paar aus Jamaika, gegenüber wohnte eine italienische Familie, daneben eine türkisch-zypriotische. Weil meine Mutter alleinerziehend war und die Kinderfürsorge teuer ist, verbrachte ich viel Zeit bei meinen Nachbarn – ich ass Akee und Salzfisch bei den Jamaikanern und endlos viel Baklava bei der türkischen Familie. Es war ein armer Stadtteil, und so verband uns unsere gemeinsame ökonomische Lage – wir teilten unser Leben, obwohl wir kulturell unterschiedlich waren. Man muss sich nicht assimilieren, um ein Gefühl der Identität und Zugehörigkeit zu verspüren.

Das klingt nach multikultureller Idylle.
Man sollte das auch nicht romantisieren. Eines Tages zog eine weisse englische Familie ins Haus nebenan. Wegen eines Disputs um einen Parkplatz oder einer anderen Bagatelle entwickelte sich ein Streit, und die englische Familie wurde sehr aggressiv, besonders gegenüber meiner Mutter. Sie bewarfen mich auf dem Schulweg mit Flaschen, schoben brennende Zigaretten durch den Briefkastenschlitz oder urinierten an unsere Tür.

Woher kommt diese Aggressivität?
Vorher lebten in unserer Strasse diverse Kulturen zusammen – dazu gehörten auch weisse Engländer –, die eine klassenmässige Solidarität teilten. Deshalb war es selbstverständlich, dass wir gemeinsam nach unseren Kindern schauten, zu den Grillfesten der Nachbarn gingen und so weiter. Diese Familie hingegen wollte sich überlegen fühlen: dann etwa, wenn sie meiner Mutter zuschauen konnten, wie sie den Urin aufwischte. Sie genossen dieses Gefühl der Macht. Das war das erste Mal, dass ich Rassismus sah und ihn verstand. Meine Kindheit war also einerseits multikulturell, andererseits aber erlebte ich auch Rassismus.

Warum hat das Erbe des Empire noch immer einen solchen Einfluss?
Kennen Sie die Szene aus dem Mafiafilm «Scarface», in der Al Pacino gewarnt wird, ein Drogenhändler solle sich nicht an seinen eigenen Drogen berauschen? Genau das hat Grossbritannien gemacht.

Das müssen Sie erklären.
Um das Empire zu rechtfertigen, verbreitete Grossbritannien den Mythos, eine eigenständige, noble Nation darzustellen. Als es das Empire nicht mehr zusammenhalten konnte und schliesslich verlor, glaubte das Land jedoch weiterhin an den Mythos von der eigenen Überlegenheit. Die Nachkriegsgeschichte ist im Prinzip ein Versuch, sich gegen den ökonomischen und politischen Machtverlust zu wehren. Die EU-Mitgliedschaft ermöglichte es uns, den Niedergang aufzuhalten. Jetzt, wo wir die EU verlassen, wird das Land die Tatsache akzeptieren müssen, dass es keine Ahnung hat, wie man als unabhängige Nation fortbesteht.

Wie lässt sich dieser falschen Nostalgie für das Empire begegnen?
Wir müssten etwa in der Schule die Geschichte des britischen Weltreichs auf ehrliche Weise unterrichten. Wir reden oft von Kulturkriegen und davon, wie stark die Rechte ist und wie schwach die Linke; aber stellen Sie sich mal vor, wir würden das Empire in der Schule auf nüchterne und akkurate Weise analysieren – was das allein bewegen würde! Und zweitens muss das Land schlichtweg akzeptieren, dass es in der Weltpolitik eine weniger wichtige Rolle spielt. Auch wenn man das hierzulande nicht gern hört, ist es eine simple Tatsache.

Die Rechte wirft der Linken oft vor, es gehe ihr allein darum, im Westen Schuldgefühle zu schüren.
«Weisse Schuld» interessiert mich nicht. Ich will nicht die Kinder für die Sünden ihrer Väter bestrafen. Es geht vielmehr darum, dass die Mythen über unsere Vergangenheit es uns erschweren, eine gemeinsame und bessere Zukunft als politische und soziale Gemeinschaft zu erreichen. Ich will Folgendes: die Klassen- und Genderstrukturen, den Rassismus und die kolonialen Komplexe zerschlagen, die verhindern, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner dieser verregneten und unwirtlichen Insel als gleichgestellte Menschen leben können. Schuldgefühle helfen dabei überhaupt nicht.

Ash Sarkar (26) ist Muslima und frequentiert am Wochenende regelmässig die Pubs von Nordlondon.

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