Nr. 08/2019 vom 21.02.2019

Auf und ab in der «gläsernen Stadt»

Die deutsche Lyrikerin Else Lasker-Schüler verbrachte viele Jahre in Zürich. Ein neues Buch berichtet von dieser Zeit zwischen Geldsorgen, Kulturleben und der Bürokratie der Fremdenpolizei.

Von Alice Galizia

Else Lasker-Schülers Zürcher Zeit beginnt mit einer Fehlinformation. Bei ihrer Anmeldung macht sich die 1869 geborene deutsch-jüdische Dichterin und Malerin kurzerhand zwölf Jahre jünger. Ungerührt schreibt sie darüber: «Ich bin jung und sehr alt, tausend und zwei Jahre alt dem Märchen über den Kopf gewachsen. Also einen Tag und eine Nacht älter wie: ‹Tausend und eine Nacht›. Ein richtiges Alter hat eine Dichterin nicht überhaupt kein Künstler oder künstlerischer Mensch.»

In ihrem neuen Buch «‹Viele sind sehr sehr gut zu mir›. Else Lasker-Schüler in Zürich 1917–1939» arbeitet die Germanistin Ute Kröger detailreich die Zürcher Jahre der Schriftstellerin auf. Fast ein wenig zu detailreich vielleicht, etwa wenn die Korrespondenz zwischen Lasker-Schüler und ihren FreundInnen minutiös aufgelistet wird. So verkommt das eigentlich spannende, teils noch nie ausgewertete Material stellenweise zu einer uninspirierten Aufzählung von Fakten. Beeindruckend sind die vielen Kontakte trotzdem, die sich Lasker-Schüler in Zürich aufbaute. In einer Zeit, als viele deutsche Flüchtlinge in der Schweiz auf Hilfe angewiesen sind, kann sie auf ein ungewöhnlich grosses Netz zurückgreifen.

Mal zeigt sie sich unendlich dankbar: «Ewig Dank! Vergesse nie nie nienie nie nie nie was Sie Herr Dir. Hugo May und Sie Herr Dr. Kurt Ittmann für mich Ekel taten. Nie!», schreibt sie an May und Ittmann, zwei Kaufhausdirektoren aus Zürich, die sich finanziell für sie einsetzen. Sie regt sich aber auch auf, wenn auf ihr Bitten nicht eingetreten wird: «Ich habe keine Lust mehr, mich in Ecken zu drücken, fürchte niemand etwa, revanchiere mich stets und bitte meine Demut nicht mit Speichelleckerei zu verwechseln.» Und: «Ich hasse und verachte die Menschheit ohne Ausnahme.» Um klare Ansagen war sie nie verlegen.

Flucht vor den Nazis

Ursprünglich kommt Lasker-Schüler 1917 wegen ihres Sohns Paul Lasker nach Zürich, um ihn vor dem Kriegsdienst in Deutschland zu bewahren. Hier freundet sie sich mit dem Maler Max Gubler an, mit dem Feuilletonchef der NZZ Eduard Korrodi oder dem Kunsthändler Han Coray. Mittelpunkt ihres Lebens ist in dieser Zeit aber ihr Sohn: Paul erkrankt an Tuberkulose, ihr Alltag dreht sich um die Geldbeschaffung für seine Kur. Im Juli 1927 schreibt sie: «Ich liebe ja die gläserne Stadt: Zürich, viele sind sehr sehr gut zu mir, aber die stehen auf lieben Plätzen und gehen durch lustige Gassen und ich schwebe zwischen Verzweiflung ohne Boden und Flammen.» Paul geht es schlechter. Sie kehrt zurück nach Berlin, nimmt Paul zu sich. Im Dezember 1927 stirbt er.

1933 flieht sie vor den Nazis – wieder nach Zürich. Die Fremdenpolizei weigert sich, wie bei den meisten deutsch-jüdischen Flüchtlingen, ihr einen permanenten Aufenthaltsstatus zu geben: Als bloss Geduldete muss sie immer wieder vorsprechen und neue Gesuche einreichen. Sie darf nicht arbeiten, worüber sie sich aber kurzentschlossen hinwegsetzt. Sie hält Lesungen, Korrodi lässt sie einige Texte in der NZZ veröffentlichen. Als sie zurechtgewiesen wird, schreibt sie, verständnislos, ihre Texte seien doch «ungefährlich!! Von Bäumen Blumen etc.» Überhaupt macht Kröger bei ihr ein schlechtes Gespür für bürokratische Vorgänge aus – etwa wenn sie immer wieder Bussen bezahlen muss, weil sie sich nach Reisen zu spät anmeldet.

Lesbares politisches Interesse

Schade, dass man über Lasker-Schülers Werk relativ wenig erfährt, etwa über ihre Rolle als bedeutende Vertreterin des Expressionismus. Doch auch in ihren Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, die zum Glück breit zitiert werden, zeigt sich ihre eigenwillige Schreibweise. Mit konkreten politischen Ereignissen beschäftigt sie sich darin kaum. Kröger deutet das als Desinteresse, obwohl sie selbst zu Beginn des Buches darauf hinweist, dass Sohn Paul, der jahrelang der wichtigste Fixpunkt in Lasker-Schülers Leben war, ebenfalls wenig Platz in ihren Aufzeichnungen findet. Dass Lasker-Schüler durchaus ein politisches Interesse hatte, lässt sich jedoch gut an ihrem Werk ablesen: Das Stück «Arthur Aronymus», das 1936 im Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde, beschäftigt sich mit der Judenverfolgung. 1937 erscheint ausserdem «Das Hebräerland» über ihre Aufenthalte in Palästina. Diese träumerischen, poetischen Aufzeichnungen werden zwar von einigen als naiv und verklärend kritisiert, von anderen aber auch als utopische Forderung bejubelt, was in dieser Zeit also sehr wohl politisch zu lesen ist.

Ihr selbst hat es in Palästina nie gefallen – zu heiss sei es, zu sehr vermisse sie dort die deutsche Sprache. Als sie 1939 endgültig aus der Schweiz ausgewiesen wird, kehrt sie trotzdem nach Palästina zurück. Briefe dürfen ab Beginn des Krieges dort nur noch auf Englisch oder Französisch geschrieben werden, was sie überhaupt nicht goutiert. «I am verry allone in my ungemütlich heart», schreibt sie deshalb an ihren Freund Emil Raas. Und, bildhaft wie so oft: «Ich möchte aus dem Becher einen der Schweizer Berge, frisches Schneewasser trinken.»

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