Nr. 08/2019 vom 21.02.2019

Ein seltsamer Vogel unter Toten

Rodrigo Duterte, Präsident der Philippinen, hat im Juli 2016 einen Massenmord befohlen. Dieser begann als Spektakel und dauert bis heute an. Wie reagieren KünstlerInnen auf die Zeichensprache der Mörder?

Von Annette Hug

Mythisches Wesen mit eingewickeltem Menschenkörper: Mit «Agtayabon» reagiert Leeroy New auf die mit Klebeband umwickelten Leichen, die die Mordkommandos liegen liessen. Foto: Sinag De Leon

In Manila wurde vergangene Woche Maria Ressa verhaftet, Chefredaktorin des Onlinemagazins «Rappler». Nach Bezahlung einer Kaution ist sie wieder freigekommen – bis zur nächsten Anklage wegen angeblicher Steuervergehen oder Verleumdung. Den Zorn des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte hat sie auf sich gezogen, weil ihr Magazin kritisch über seinen «Krieg gegen Drogen» berichtet. Im Protestgewitter, das der Verhaftung folgte, schrieb der Künstler Toym Imao: «Wenn die kritischen Medien zerstört werden, bleibt die Kunst als letzte Bastion des Widerstands.»

Ein Blick zurück auf den Anfang des «Kriegs gegen Drogen» im Juli 2016: Da wurden Leichen von den Mordkommandos noch einzeln hergerichtet. Gemeinsames Merkmal war das Klebeband. Wie eine Pappschachtel für den Transport waren die Toten umwickelt. Manchmal zeichneten die Mörder etwas auf das Klebeband, etwa ein Smiley. Um den Hals trugen die Getöteten ein Schild, auf dem das Verbrechen stand, das sie begangen haben sollten, oder einfach nur: «Nicht nachahmen», «Wag tularan».

An der Manilart, einer populären Kunstmesse, sorgte im September 2016 eine Installation von Ricky Francisco für Aufsehen. Zusammen mit Toym Imao hatte er eine Puppe hergestellt, die in Klebeband eingewickelt war. Um den Hals trug sie das inzwischen bekannte Schild. Die VMeme Gallery hatte den beiden Künstlern erlaubt, diese Installation zwischen den Werken, die zum Verkauf an den Wänden hingen, auf den Boden zu legen.

«Nicht nachahmen», so die Botschaft der Mörder: «Wag tularan», eine Installation von Ricky Francisco. Foto: VMeme Art Gallery

Im November 2018 treffe ich Ricky Francisco, um ihn zu fragen, was da während der Messe vor sich gegangen sei. Er sei eigentlich gar kein Künstler, sagt er gleich zu Beginn. «Ich bin Kurator, aber die Ereignisse jener Monate haben mir keine Wahl gelassen. Ich musste selber etwas ausdrücken.»

In einem Café, das durch eine Hochstrasse vom Tageslicht abgeschirmt wird, erzählt er von seiner ersten direkten Begegnung mit Dutertes Kampagne gegen Drogenhandel: «Sie haben eine Show daraus gemacht.» Die Leichen wurden nicht nur speziell drapiert, sie wurden auch an Orte hingelegt, wo sie von möglichst vielen Leuten gesehen wurden. An die Ausfahrten der Stadtautobahn EDSA zum Beispiel oder vor die Stationen der Stadtbahn LRT. Es sei nicht zum Aushalten gewesen. Die Leichen lagen da als Botschaft an die Bevölkerung. «Und was war der Kern dieser Botschaft?» – «Dass man sich ohnmächtig fühlt.»

Sind die Leichen nur Show?

Gleich am zweiten Tag seiner Amtszeit hatte Duterte im Juli 2016 sorgfältig ausgearbeitete Direktiven erlassen. Die nationale Polizei PNP wurde auf den «Krieg gegen Drogen» verpflichtet. Im ganzen Land sollten Hausdurchsuchungen stattfinden, DrogenhändlerInnen und Süchtige «neutralisiert» werden. Öffentlich begann eine Art Livestream von Witzen, Obszönitäten und brutalen Ankündigungen des Präsidenten, die am folgenden Tag von amtlichen Sprechern relativiert oder interpretiert wurden. Dutertes Aussage, er werde drei Millionen Menschen umbringen lassen, ging um die Welt. Aber seine Direktive an die Gemeindebehörden und Polizeitruppen war so formuliert, als hätten sich JuristInnen bereits überlegt, wie ein zukünftiges Gericht einen Beamten beurteilen würde, der unter «neutralisieren» «erschiessen» verstanden hatte. Auf erste kritische Stimmen aus dem Ausland reagierte Duterte gereizt. Dabei wusste er sich getragen von einer wachsenden internationalen Front gegen Menschenrechtsabkommen und westliche Einmischung. «Fuck you, UN», gab er am 1.  Juli 2016 bekannt. «Ihr könnt nicht mal das Gemetzel im Nahen Osten beenden … Haltet einfach alle die Klappe.»

Ricky Francisco zeigt mir ein Foto, das er an der Manilart 2016 aufgenommen hat. Eine Frau liegt neben seiner Installation und macht ein Selfie mit ihr. «Wie kommt sie dazu?», will ich wissen. «Sind die Leichen nur noch Show, ohne Bedeutung?» – «Nein. Viele Leute fühlen sich sicherer dank der Kampagne. Machtlos waren sie schon immer. Aber jetzt ist da einer, der bereit ist, für ihre Sicherheit zu töten.»

Die Reaktionen an der Kunstmesse waren unterschiedlich. Es gab Leute, die sich aufregten, andere fanden die Aktion gut. Zur Überraschung des Künstlers erwarb jemand die Installation. Die Käuferin reagierte auf die Löcher in den Füssen der Figur, die an den Gekreuzigten erinnerten. Francisco war aufgefallen, dass unter den ersten 2000 Opfern der Erschiessungen 300 Bauarbeiter gewesen waren. Schreiner wie Jesus von Nazareth.

Im November 2018 spricht Francisco über den französischen Philosophen und Künstler Guy Debord und das unheimliche Gefühl, dass ein Text von 1967 die Gegenwart beschreibe, eine globale «Gesellschaft des Spektakels». Nicht nur auf den Philippinen gingen heute die Auffassungen davon, was «Realität» sei, weit auseinander.

Im April 2017 hat der Kurator, der im Moment für das Lopez Museum in Metro Manila arbeitet, unter dem Titel «Hudyap!» (Warnung!) eine Gruppenausstellung mit Protestkunst gegen Duterte organisiert. Sie fand an der Far Eastern University in Manila statt, erreichte StudentInnen und ein interessiertes Publikum. Francisco war nicht zufrieden. Die klassischen Strategien des Aufklärens und Aufrüttelns schienen nicht zu verfangen. Er kam zum Schluss, dass es sinnlos sei, mit AnhängerInnen von Dutertes Politik über Gesetze und Logik zu sprechen. Die meisten von ihnen haben schon immer in einer Welt gelebt, in der es nur um Macht geht. Das lässt sich in jedem Armenviertel und in vielen Dörfern beobachten: Wer Macht hat, kann sich auch vor Gericht irgendwie Recht verschaffen. Wer sie nicht hat, ist der Willkür der kleinen MachthaberInnen ausgeliefert.

Duterte-AnhängerInnen sprechen oft davon, dass sie jetzt «aufgewacht» seien. Endlich werde das Volk nicht mehr nur belehrt und könne sich in seiner eigenen Sprache äussern. Duterte steht auch für eine Revolte der Regionen gegen das Zentrum Manila. Ein besonderes Feindbild sind Intellektuelle und PolitikerInnen, die Englisch sprechen. Maria Ressa zum Beispiel wird als «Mutter aller Fake News» oder Agentin der CIA verunglimpft, weil sie vor «Rappler» für CNN gearbeitet hat. Duterte dagegen gilt als einer, der die Wahrheit sagt, etwas tut und nicht nur schwatzt. Der Präsident hat es geschafft, im öffentlichen Diskurs die Drogen als Grundübel zu etablieren, das auszumerzen sei, um die Philippinen endlich auf einen Wachstumspfad à la Singapur oder China zu bringen.

Tatsächlich sind Menschenrechte und ein verlässlicher Staat für die arme Mehrheit der Bevölkerung unwirklich – ein Appell an die Prozessrechte eines Drogenhändlers kann da wie Hohn und Spott erscheinen. Starke Männer und solche, die es sein möchten, sagen im Alltag, wo es langgeht. Aber in den vergangenen zehn Jahren sind in Metro Manila und anderen Grossstädten die Mittelstandsenklaven gewachsen und damit Bereiche, wo allgemeine Regeln durchaus gelten, wo eine Krankenkasse tatsächlich Leistungen auszahlt. Duterte konnte sein Versprechen, die Altersrenten deutlich zu erhöhen, nur einlösen, weil das Rentensystem einigermassen funktioniert. Da er aber keinen Plan hat, wie er diese Erhöhung – oder die Abschaffung der Studiengebühren und den freien Zugang zu Spitälern – finanzieren will, ist zu befürchten, dass er mit seiner grossen Show das bisschen Sozialstaat, das da ist, auch noch kaputt macht. Während die einen aufwachen, meinen die anderen, in einem Albtraum zu versinken.

Schon bald nach der Manilart im September 2016 verschwanden die eingewickelten Leichen aus dem Stadtbild. Das Morden ging aber weiter, und zwar in grossem Stil. Bis im Februar 2017 wurden rund 9000 Menschen erschossen, etwa zur Hälfte von der Polizei und zur Hälfte von nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen. Die Mörder liessen die Leichen liegen, wo sie waren. So sah man sie auf Pressefotos, die international Aufmerksamkeit erregten. Oft war auch das Absperrband der Untersuchungsbehörden zu sehen. Die Ereignisse wurden erfasst, offiziell dokumentiert, aber es folgten keine Ermittlungen. Durch die Verhaftung der Senatorin Leila de Lima und die Ersetzung der obersten Richterin Maria Lourdes Sereno gelang es der Regierung, eine offizielle Untersuchung der Morde und ihrer Systematik zu verhindern oder zumindest aufzuschieben. Die internationale Kritik nahm zu. Ernsthaft in die Bredouille brachte Duterte der Fall eines koreanischen Geschäftsmanns, der von der Polizei entführt und umgebracht worden war. Im Februar 2017 wurden die polizeilichen Hausdurchsuchungen ausgesetzt und eine Reform der nationalen Polizei in Aussicht gestellt.

Einem Strassenkünstler abgekauft

Aus dem Stadtbild waren die mit Klebeband eingewickelten Leichen verschwunden, aber in der Vorstellungswelt hatten sie sich festgesetzt. Im selben Februar 2017 war auf dem Campus der University of the Philippines in Manila eine Installation aus Bambusstäben zu sehen, die mich an die Morde denken liess. Einer verpuppten Raupe gleich schwebte ein eingewickelter Körper rund zwei Meter über Boden. Umgeben war er von Stäben, die wie Flügelspeichen von ihm abstanden, in allen Richtungen zugleich, als sei hier ein tumbes Wesen wild am Flattern. Eine Infotafel enthielt die Geschichte des mythischen Vogels Agtayabon auf Tagalog. Auf Deutsch übersetzt stand da: «Agtayabon ist ein Vogel mit einem Menschenkörper. Vor langer Zeit lebten nur drei Wesen auf der Welt, und er stand immer zwischen den andern beiden: zwei Götter, die sich stritten. Dann benutzte er seine grossen Flügel, um die zwei raufenden Götter zu beruhigen.»

Die Skulptur war von Leeroy New. Auch ihn treffe ich im November 2018, weil ich mir nicht sicher bin, ob sein Werk wirklich als politisches Statement gedacht war oder ob mir im Vorjahr die Bilder der Leichen derart nachgegangen waren, dass ich überall Abbilder davon sah. Er habe tatsächlich auf die Morde reagiert, sagt Leeroy New in seinem Atelier – dem offenen Hof eines ruhigen Viertels hinter der Universität. Hier sammelt sich Material aus der Stadt, um irgendwann eine Verwendung zu finden. Mir sticht eine riesige Pflanze aus grellgrünem Plastik ins Auge – wenn Licht hineinfällt, flimmert sie fluoreszierend. Feinste Blättchen und Blüten sind ausgeschnitten wie in einem Scherenschnitt. Ich halte das für einen Verweis auf die «malikhaing gawain», die «kreativen Werke», die StrassenhändlerInnen am nahen Verkehrskreisel verkaufen. «Nein», korrigiert Leeroy New, «das ist nicht von mir, das habe ich einem der Strassenkünstler genau so abgekauft.»

Das Missverständnis ist kein Zufall. Leeroy New scheint geradezu verliebt in die «urban poor practices», Alltagspraktiken der SlumbewohnerInnen, die täglich und vor aller Augen in Kunst umschlagen. Da wird aus dem Mangel an geeignetem Material eine grosse Bricolage, ein Überschuss an Tricks, wie man Unmögliches schafft. Wer in dieser Stadt Kunst macht und sich von Assemblagen, Objets trouvés oder Arte povera inspirieren lässt, hat einen schweren Stand. Stets lauert die Gefahr, hinter dem Alltag zurückzubleiben. Leeroy New passiert das nicht. Er ist für seine «tragbaren Skulpturen» – opulente Kleider und Masken – bekannt, aber auch für Interventionen im öffentlichen Raum, die er zusammen mit AnwohnerInnen unternimmt. Im Norden der Insel Luzon hat er 2012 an einem Strand ein Raumschiff aus Müll und Strandgut gebaut.

Das Abheben ist wichtig: New spricht über die Spannung zwischen der Schwerkraft, dem Gewicht des Materials und einer Bewegung in die Höhe. «Es hat einen starken Effekt auf die Leute, wenn sie den Boden unter den Füssen verlieren.» Mich hatte die Skulptur des flatternden Wesens Agtayabon im Februar 2017 zu Tränen gerührt. Es war, als sähe ich plötzlich einen Ausbruch aus der politischen Brutalität. Da war einen Augenblick lang etwas aufgehoben: Als könnte man nochmals nachdenken, bevor wieder einer stirbt.

Nach einem Unterbruch von einigen Wochen nahm die Polizei 2017 ihren «Krieg gegen Drogen» wieder auf. Es mehrten sich aber die Nachrichten, dass die Leichen von den Tatszenen weggebracht und in Spitäler eingeliefert wurden. Offenbar versuchte die nationale Polizei, ihre Version der Geschichte zu untermauern: Es handle sich immer um Schüsse in Notwehr. Am 16.  August 2017 erschossen Polizisten den Mittelschüler Kian de los Santos. Videoaufnahmen widerlegten die Anschuldigung, er sei bewaffnet gewesen. Ein Proteststurm erhob sich. Seither hat sich die Situation in unheimlicher Weise normalisiert. Abgesehen von gelegentlichen Ausfällen des Präsidenten brüstet sich die Regierung nicht mehr mit Todeszahlen. Im Gegenteil. Sie versucht, sie herunterzuspielen, und spricht auf internationalem Parkett positiv von Menschenrechten. Gleichzeitig werden vermehrt linke AktivistInnen und Priester erschossen. Unabhängige Medien wie «Rappler» werden durch Übernahmen oder vorgeschobene Anklagen in Bedrängnis gebracht.

Berichterstattung über die Morde stört besonders deshalb, weil in den besseren Wohngebieten und Touristendestinationen das Leben weitergeht, als sei nichts geschehen. Diese Ruhe wird aber auch durch Demonstrationen der Opposition gestört. Zudem tun Teile des Justizapparats ihre Arbeit. Im November 2018 stehen erstmals Polizisten vor Gericht und müssen ihre Notwehrgeschichte verteidigen. Das gelingt ihnen nicht, und sie werden verurteilt. Die Morde gehen trotzdem weiter. Die Schätzungen der Todeszahlen durch Menschenrechtsorganisationen reichen von 12 000 bis 20 000 Opfern. Der internationale Strafgerichtshof ermittelt.

Krieg gegen alle

Auch im November 2018 begegnet mir eine Figur, die mit Klebeband eingewickelt ist. Sie gehört zum Bühnenbild des Stücks «Sa digma ng halimaw» (Im Krieg des Monsters) der Theatergruppe Sikad. In einem Armenviertel von Metro Manila wird ein leerer Platz zur Bühne. Hier sind in den letzten zwei Jahren über dreissig Leute erschossen worden, immer in den Stunden nach Mitternacht. Jetzt ist es früher Abend, aber schon dunkel. Dutzende von Kindern versammeln sich, dankbar für die Abwechslung. Vorsichtig stehen Erwachsene dahinter und hören den Monologen einer Schauspielerin zu.

Das Stück ist aus dokumentarischem Material erarbeitet worden, wir hören Sätze von Hinterbliebenen, vor allem von Frauen. Die Schauspielerin Cristina Ponce bewegt sich mal in blauem, mal in gelbem Scheinwerferlicht. Die Grenze der Bühne ist mit Absperrband wie ein Tatort markiert. In Klebeband eingewickelt liegt ein seltsames Krakentier auf der Bühne, die Schauspielerin muss ihm ab und zu ausweichen. Das ist wohl das «Monster», «halimaw», ein wildes Tier. Nichts Schlimmeres, als in dieser Stadt jemanden ein «Tier» zu schimpfen, «hayop!», das heisst: Du bist grausam und unbeherrscht und eine Gefahr für alle. Auf dieser Bühne hat sich die Figur der hergerichteten Leiche in eine unbestimmte Schreckgestalt gewandelt: Das Monster ist wohl Duterte, aber irgendwie auch die Toten und das ganze nicht enden wollende Geschehen.

Die Gruppe Sikad steht einer linken Organisation von städtischen Armen nahe, die sich seit 2017 im offenen Konflikt mit der Regierung befindet. Kadamay heisst sie und nennt den «Krieg gegen Drogen» einen «Krieg gegen die Armen», denn fast alle Erschossenen haben in informellen Siedlungen gewohnt, das heisst in selbstgebauten Häusern mit prekärem oder illegalem Status. Spricht man mit Vertreterinnen der Organisation, drängt sich der Eindruck auf, dass die Polizeigewalt in diesen Vierteln eine weitere Eskalation des Kampfs um die teurer werdenden Böden der Stadt darstellt. «Dieser Krieg ist gegen euch alle gerichtet», scheint die Botschaft des Theaterstücks zu sein; es mündet in harte politische Aufrufe. Das Publikum stimmt aber nur sehr verhalten in die Parolen ein, die ihm vorgesprochen werden.

Eine andere Realität

Am 13.  Mai werden im ganzen Land Wahlen stattfinden. Zur Halbzeit der Amtszeit von Rodrigo Duterte erfolgen Neuwahlen für die Hälfte der Sitze im Senat, alle Sitze im Kongress und in den Provinz- und Gemeindeparlamenten. Besonders die Senatswahlen sind ein Test, ob die Popularität des Präsidenten und seiner Allianz, zu der auch der Marcos-Clan gehört, tatsächlich so hoch ist, wie Umfragen bisher vermuten lassen. Die politische Opposition aus liberalen, linken und christlich-sozialen Kräften ist allerdings sehr zerstritten.

In der Kunst bewegt sich viel, sowohl Ricky Francisco als auch Leeroy New nennen mir Namen, denen ich nachgehen soll: zum Beispiel Kiri Dalena und das lose künstlerische Netzwerk Resbak; Toym Imao, der die japanischen Superhelden Voltes V oder Mazinger Z zu neuem Leben erweckt – verbunden mit Versatzstücken der Zeit unter Diktator Ferdinand Marcos, der ebenjene Comicfiguren verbieten liess; Father Jason Dy, international beachteter Künstler und zugleich Priester, der dem Abbruch eines Armenviertels mit einer improvisierten Kirche begegnet. Diese wird ein eigentliches Fest von «urban poor practices», die hier in eine Spiritualität umschlagen, in der auch das Leben der Armen heilig ist.

Freundinnen weisen mich auf die Ausstellung von vier Grandes Dames der philippinischen Gegenwartskunst hin: Julie Lluch, Imelda Cajipe Endaya, Brenda Fajardo und Anna Fer stellen unter dem Titel «Sa panahon ng damuho» (In der Zeit der Verwilderung) gemeinsam aus. Die Künstlerinnen scheinen darauf zu bauen, dass irgendwann alle dieselbe Realität sehen müssen: ein grausames Schlachten, eine Verrohung der Sitten, die nicht zuletzt den christlichen Werten des Landes total zuwiderläuft. Aber mir bleibt der Zweifel, ob Duterte nicht doch eine andere Realität sichtbar gemacht hat. Es ist nicht mehr abzustreiten, dass ein Präsident, der ständig gegen die Kirche wettert, sehr populär sein kann. Mit der Frömmigkeit, die zum nationalen Selbstbild gehört, kann es nicht so weit her sein. Dem katholischen Glauben scheint es ähnlich zu gehen wie den Menschenrechten, sie gelten als irrelevant, weil irgendwie entrückt.

Eine Mitarbeiterin der nationalen Commission on Human Rights sagte mir im Februar 2017: «Wir können die Mehrheit der Bevölkerung nur vom Wert der Menschenrechte überzeugen, wenn die Leute staatliche Institutionen im Alltag als verlässlich und hilfreich erleben; wenn sich aufgrund von Erfahrungen die Gewissheit entwickelt, ihr Staat sorge für gute Schulen und Spitäler und für Gerichte, die auch wirklich Recht sprechen.»

Solange weite Gebiete und städtische Viertel des Landes weit von einer solchen Situation entfernt sind, fällt Dutertes Hohn auf fruchtbaren Boden. Westliche Entwicklungshilfe, ein wirtschaftsliberales Programm nach Rezepten des Internationalen Währungsfonds und regelmässige Wahlen haben die meisten Leute nicht aus der Armut geführt, das ist nicht wegzureden. Ein Appell an die Menschenrechte wird durch die Anrufung westlich dominierter Institutionen nicht stärker, denn diese haben spätestens seit den Interventionen im Irak, in Libyen und Syrien für Millionen von Menschen ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Gerade in der Kunst wird aber deutlich, dass Dutertes simpler Gegensatz von westlichen Menschenrechten und einheimischer Tatkraft ein Popanz ist. Seien es «urban poor practices», alte Mythen oder neuste Erfindungen: Im Alltag finden sich laufend Vorstellungen, die der Logik der Warlords und der Bandenkriege widersprechen. In der Kunst werden sie auch öffentlich sichtbar.

Viele KünstlerInnen sind Teil des Widerstands, wie Toym Imao schreibt. Sie können zwar eine Berichterstattung, wie «Rappler» sie bietet, nicht ersetzen, und klassische Agitpropkunst scheint nicht zu verfangen. Ganz sicher bietet Kunst aber den Raum, um die schrecklichen News wirklich wahrzunehmen und darüber nachzudenken. Das ist umso notwendiger, als die politische Allianz, die Duterte zu Fall bringen könnte, noch nicht zu erkennen ist.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch