Nr. 11/2019 vom 14.03.2019

Zeugenschaft in chaotischer Zeit

Schon viel früher hat begonnen, was mit Donald Trump einen Tiefstpunkt erreicht. Das zeigt «Abwendbarer Abstieg der Vereinigten Staaten», wie der Schriftsteller Robert Cohen sein New Yorker Tagebuch betitelt.

Von Andreas Simmen

Laut Robert Cohen der Vollstrecker des Ultrakapitalismus: Pleitier Trump. Foto: Sean Gallup, Getty

Am Anfang war das blanke Entsetzen. Die Präsidentenwahl im November 2016 hatte ihm zunächst die Sprache verschlagen, der Wahltag blieb «ein schwarzes Loch». Robert Cohens Tagebuchaufzeichnungen zum «Abstieg der Vereinigten Staaten» beginnen erst, als Donald Trump am 20.  Januar 2017 sein Amt antritt. Sie enden am 19.  Januar 2019 mit den Worten: «Heute ist Trump zwei Jahre im Amt.»

Über den aktuellen US-Präsidenten und sein Umfeld schreiben – kann man das noch? Ist nicht alles bekannt: seine notorische Lügerei, die katastrophalen Entscheide in Sachen Migration, Umwelt, internationale Beziehungen, Ämterbesetzungen und -umbesetzungen in der Regierung, die Anti-Obama-Besessenheit, die Frauenfeindlichkeit, die proklamierte Überlegenheit des weissen Mannes?

Schon. Doch eröffnet dieses «New Yorker Tagebuch» ganz andere Dimensionen, weil es in die Jahre und Jahrzehnte zuvor zurückblickt, in denen der Boden für das bereitet wurde, was heute ist. Weil es unzählige weitere Details beisteuert, die weniger bekannt sind, aber das Geschehende plastischer erkennbar werden lassen. Weil es nicht nur um Trump und seine Kumpane kreist, sondern auch in die US-amerikanische Gesellschaft hinausblickt. Und weil die Erzählung durch die Form des Tagebuchs eine eigene Intensität erhält, Tag für Tag, unerbittlich, zeitweise in atemlosem Tempo, dann nur noch in Form einer Aufzählung die jeweils neusten Niederträchtigkeiten protokollierend.

Nur manchmal gibt es Verschnaufpausen: wenn Cohen vom Widerstand erzählt, von den grossen Kundgebungen gegen die rechte Waffenlobby NRA etwa und gegen die Regierung Trump (die der NRA viel verdankt) nach der Massentötung an einer Schule in Parkland, Florida. Die Auftritte der Schülerin Emma González, mutig, kämpferisch, klug, empathisch: Balsam für die Trump-gequälten Seelen – und für die LeserInnen dieses Tagebuchs.

Nicht den Boden verlieren

Robert Cohen ist am Zürichsee aufgewachsen, hat später Dokumentar- und Werbefilme gedreht, ging 1983 nach New York, studierte dort Germanistik und lehrte bis zu seiner Pensionierung deutsche Literatur an der New York University. Neben wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichte der heute 77-Jährige mehrere literarische Werke, darunter 2009 den grossartigen Epochenroman «Exil der frechen Frauen», der in den dreissiger und vierziger Jahren spielt und Geschichten der Linken in tiefbraunen Zeiten erzählt.

Begonnen hat Cohen sein «New Yorker Tagebuch», um «den Boden unter den Füssen nicht zu verlieren». Doch mit dem Schreiben wandelt sich die Motivation, wird zu einer «Verpflichtung zur Zeugenschaft (…) in chaotischer Zeit».

Ein Tagebuch ist naturgemäss persönlich. Doch nicht das Ich des Autors allein spricht aus diesem Werk. Cohen rezipiert regelmässig verschiedene Tagesmedien, um seine Chronologie der Ereignisse mit anderen Chronologien zu vergleichen. Er referiert Kommentare, analysiert sie oder lässt sie auch mal einfach stehen, stellt Fragen, bezweifelt eigene wie fremde Einschätzungen, kommt später auf sie zurück. So leiht der Autor sein Tagebuch auch den Stimmen anderer, und erst die Vielstimmigkeit ermöglicht die angestrebte Zeitzeugenschaft.

Eine der wichtigsten Einsichten: Das Starren auf Trump lenkt vom Wesentlichen ab – der Tatsache, dass Trump den von den RepublikanerInnen angestrebten Ultrakapitalismus vollstreckt. Trump, so Cohen, ist «nur die neueste, besonders hässliche Fassade vor dem alten Bau».

Trump als Symptom

Die Behauptung, ein Trump sei nicht imstande, «die älteste, mächtigste und stabilste Demokratie der Welt» zu zerstören, kontert Cohen mit den Worten: «Nicht Trump hebt die Demokratie aus den Angeln, sondern die Republikaner haben das seit der Präsidentschaft Ronald Reagans getan. Indem sie die demokratischen Institutionen zunehmend delegitimierten und durch Geldflüsse korrumpierten, haben sie die Wahl des von jedem Demokratieverständnis freien Bauunternehmers ermöglicht. Trump ist Symptom, nicht Ursache. Mir stellt sich die Frage, ob die Transformation der US-Demokratie in eine Oligarchie überhaupt noch umkehrbar ist.»

Auch die DemokratInnen kriegen ihr Fett ab, vor allem in der Aussenpolitik, die «seit jeher arrogant, aggressiv, ignorant, ideenlos und reaktionär» gewesen sei, selbst unter Präsidenten wie Barack Obama. «Aber kein Zweifel kann daran bestehen, dass die Republikaner und die sie finanzierende Plutokratie haftbar sind für die Katastrophen, die seit der Präsidentschaft des Pleitiers ihren Lauf nehmen.»

Pleitier, Bauunternehmer, Immobilienspekulant? Cohen widerstrebt es – wohl aus Restrespekt für das Amt –, Trump als «Präsidenten» zu bezeichnen. Doch überzeugender als diese etwas hilflosen Etikettierungen verweisen sarkastische Anmerkungen auf die seltsame Persönlichkeit des Mannes im Weissen Haus. Als Trump erst Migrantenkinder von ihren Eltern trennen lässt und später aufgrund von Protesten mit den Worten «schreiende Babys lassen uns politisch nicht gut aussehen» zurückrudert, kommentiert Cohen: «Man kann es auch anders sagen, er aber sagt es so.»

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