Nr. 11/2019 vom 14.03.2019

Wenn die Romantik an der Stadt zerbricht

Sein Leben ist sein wichtigster Stoff: Tomas Espedal arbeitet sich auch in seinem neusten Buch, «Bergeners», an der eigenen Erfahrungswelt ab und setzt seiner Heimatstadt ein literarisches Denkmal.

Von Timo Posselt

«Viele schaffen es nicht, längere Zeit in Bergen zu wohnen»: Auf einer Insel nahe der Stadt, wo der «gefängnisartige Regen (…) einen krank und lebensmüde» macht. Foto: David B. Torch, Laif

Diese Stadt kauert zwischen sieben Gipfeln. Im Westen umspült sie ein Nordseefjord, im Osten erstreckt sich Gebirge. Bergen wirkt trotz der fast 280 000 EinwohnerInnen kleinstädtisch, abgelegen, verstossen an den Rand Europas.

Hier an der rauen Westküste Norwegens regnet es zwei Drittel des Jahres. Dem meteorologischen Schicksal entkommt niemand, wie der norwegische Schriftsteller Tomas Espedal in seinem neusten Buch, «Bergeners», schreibt: «Viele verlassen die Stadt, ziehen fort. Viele schaffen es nicht, längere Zeit in Bergen zu wohnen; der gefängnisartige Regen, das feuchte Eingesperrtsein zwischen den Bergen macht einen krank und lebensmüde.»

Die Gesten der Bohème

Die 24 Erzählungen in «Bergeners» kreisen um Espedals Heimatstadt. Im Titel ist das Buch angelehnt an «Dubliners» von James Joyce. Der irische Schriftsteller hat mit Spazierstock und dicker Halbbrille einen Kurzauftritt. Anders als Joyce porträtiert Espedal nicht die BewohnerInnen seiner Stadt. Denn wie alle Werke Espedals ist auch dieses zuallererst ein Selbstporträt. So folgen wir dem Erzähler auch aus der Stadt heraus nach Oslo, New York, Berlin, Madrid und Griechenland.

Dieses impulsive Reisen erinnert an Espedals Erfolgsroman «Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen» (2006, auf Deutsch 2013). Ein trinkender und herumtreibender Erzähler in der ersten Person war damals die Identifikationsfigur. In «Bergeners» inszeniert sich Espedal wiederum als hoffnungslosen Romantiker. In der selbstauferlegten Einsamkeit zelebriert er die traditionellen Gesten der Bohème: Er sitzt in Cafés, raucht, trinkt und blickt den Menschen nach.

Lust am Zertrümmern

Am besten gelingen diese Stadtbetrachtungen, wenn sie Kippmomente in sich tragen. Wie zum Beispiel in der Erzählung «Die Tagebücher»: Der Erzähler sitzt allein in einem Café in Madrid und überblickt einen Platz. Eine Schulklasse in Uniformen überquert ihn, ein Paar, das gleichzeitig gähnt; und ein Bettler singt mit «einer rostigen, weinerlichen Stimme» seine Lebensgeschichte. Die spanische Polizei tritt mit Handschuhen, Knüppeln und in hohen schwarzen Stiefeln auf. Aus der Ferne sind Rufe zu hören.

Plötzlich schlägt einer der Polizisten den Bettler ins Gesicht, und sie schleifen ihn zu ihrem Wagen. «Wir hören den Lärm näherkommen, rufende Stimmen, Trommelschläge, geworfene Steine, zerberstendes Glas. Und auf einmal marschiert die Volksmenge hinter roten Wimpeln und weissen Fahnen auf.» Ist das ein aufrührerischer Tagtraum des Erzählers? Oder der sehnliche Wunsch des linken Arbeitersohns Espedal? Als LeserIn bleibt man im Ungewissen.

Obwohl «Bergeners» keine Gattungsbezeichnung trägt, kann man das wie alle Werke Espedals als Versuch deuten, den immer gleichen Roman fortzuschreiben. Wie schon zuletzt in «Biografie, Tagebuch, Briefe» versucht Espedal, die Romanform ins Lyrische zu erweitern. So setzt er auch in «Bergeners» sein Erzählen wiederholt in die Versform. Auf einer Zeile steht dann manchmal nur ein einzelnes Wort. Hinrich Schmidt-Henkel hat das mit bestechendem Gefühl für Rhythmus und Lakonie ins Deutsche übertragen.

Erfrischend ist, dass Espedal erstmals Lust am Zertrümmern der romantischen (Selbst-)Verklärungen zeigt. So prallen diese wiederholt auf den harten Boden urbaner Realität. Zum Beispiel, wenn den Weg des flanierenden Erzählers im Bergener Nygardspark nicht nur herbstliches Blätterwerk säumt, sondern auch ein Junkie, der sich gerade einen Schuss setzt: «Der Vorübergehende bleibt stehen, jemand ruft ihm aus der Dunkelheit unter den Bäumen zu: Lass Ove liegen, das ist seine dritte Überdosis, er will eben einfach sterben.» Erstmals ist Espedals Erzähler facettenreicher: Er ist mal unzuverlässig, mal weinerlich, mal selbstironisch.

Reduziert, schlicht, direkt

Denn Espedal setzt seinen Ich-Erzähler wiederum als (männliche) Identifikationsgrösse. Die autobiografische Literatur fordert das ja regelrecht ein. Je nach Leseerfahrung macht das ihren Zauber oder ihre Beschränktheit aus. Der 57-Jährige trennt wie sein Autorenfreund Karl Ove Knausgard nicht zwischen Privatperson und Erzähler. Löst man im Schreiben die Grenze zum eigenen Leben auf, wird dieses selbst zu Literatur. Das ist die Behauptung dieses Schreibens. Es ist auch Teil seines Erfolgsprinzips.

Doch Schreiben bedeutet für Espedal vor allem unermüdliche Arbeit an der Sprache. Diese ist so reduziert wie die Dingwelt, die er mit meist wenigen Strichen zeichnet: schlicht und direkt. Alltäglichkeiten können darin literarisch und umso greifbarer werden. Wer stattdessen einen antreibenden Plot oder mehrstimmige Figurenkabinette sucht, kann getrost auf Espedals Bücher verzichten.

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