Nr. 12/2019 vom 21.03.2019

Das neue «normal»

Immer mehr Bilderbücher beschäftigen sich ganz selbstverständlich mit den vielgestaltigen Lebensrealitäten der Gegenwart.

Von Veronika Siegl

Starke Mädchenfigur: «Akissi» erzählt vom turbulenten Alltag in Abidjan. Comic: Mathieu Sapin

Rassistische Elemente in Kinder- und Jugendbüchern wie «Globis Weltreise» oder «Pippi in Taka-Tuka-Land» standen zuletzt oft im Fokus medialer Debatten. Über progressivere Bücher wird hingegen wenig gesprochen. Dabei sind in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum zahlreiche vielversprechende Bilderbücher erschienen, denen etwas Entscheidendes gemein ist: Sie haben starke ProtagonistInnen of Color, die Normen auf verschiedenen Ebenen infrage stellen. Und das mit grösster Selbstverständlichkeit.

Krampfhafte Diversität?

In mehreren zweisprachigen Ausgaben und mit vielen Bildern erzählt der Band «Esst ihr Gras oder Raupen?» von Cai Schmitz-Weicht und Ka Schmitz über eine Gruppe von Kindern, die beim Spielen zwei Elfen entdecken. Die Elfen sind dabei, eine Studie über «Menschen und ihre Familien» zu verfassen, und begrüssen die Gelegenheit, ihre divergierenden Hypothesen anhand einer Ad-hoc-Feldforschung zu testen.

Nach und nach schildern die Kinder ihre Familienzusammensetzung, während die bebrillten Elfen mit einer Feder eifrig Notizen machen: Da ist zum Beispiel Mara, deren Vater alleinerziehend ist und deren Schwester mit einer Frau ein Kind hat; Yasemin, die von einer «Bauchmama» ausgetragen wurde, aber von Papa Kemal und Mama Annika aufgezogen wird; Lena, die lieber Lenny heisst und eine lesbische Mutter und einen schwulen Vater hat; oder Tariq, der mit seiner Mutter – einer kopftuchtragenden Frau – in einer WG lebt.

Klingt nach krampfhafter Diversität? Keineswegs. Das Buch schafft es, traditionelle Familienbilder aufzubrechen, indem die Kinder ganz unbefangen von ihren «unkonventionellen» Familien erzählen. In dieser Normalität liegt die Stärke: So steht jede Familienform für sich, ohne die Notwendigkeit, sich von einer gesellschaftlichen Norm abzugrenzen. Für die protokollführenden Elfen ein wenig befriedigendes Ergebnis, denn sie hatten auf eindeutige Antworten gehofft.

Eine ähnliche Selbstverständlichkeit findet sich im Kinder- und Jugendbuch «Wie die Frauen zu ihren Rechten kamen» von Mohamed Wa Baile und Manuela Solinger. Während einer Busfahrt, die am Berner Bundesplatz vorbeiführt, entwickelt sich zwischen Vater Mamadou und seinen Töchtern Nia und Noa ein lebhafter Dialog, der langsam in einen historischen Abriss der Schweizer Frauenrechtsbewegung übergeht. Natürlich erwähnt Mamadou auch die nationale Abstimmung zum Frauenstimmrecht im Februar 1971, nach der im Herbst erstmals zehn Nationalrätinnen ins eidgenössische Parlament gewählt wurden. Unter ihnen Tilo Frey, die einen schweizerischen und einen kamerunischen Elternteil hatte.

Auch Nia und Noa haben das: eine Mutter aus der Schweiz und einen Vater aus einem (nicht näher definierten) afrikanischen Land – ein wesentliches Detail, das aber nur beiläufig erwähnt wird. Während das durchaus eine Stärke ist, möchte man als Leserin dennoch mehr über Mamadou, Nia und Noa erfahren. Doch die drei Figuren bleiben kaum greifbar. Der Fokus des Texts sowie der seitenfüllenden, gemalten Bilder – die leider nicht immer in Dialog miteinander stehen – liegt auf der Vermittlung von Schweizer Geschichte.

Diese Vermittlung gelingt mal besser, mal schlechter: An manchen Stellen liest sich der Bildband als gute Einführung in das Parlamentswesen und den Kampf um das Frauenstimmrecht. An anderen wirkt das Buch eher trocken und belehrend und wirft die Frage auf, ob sich Kinder und Jugendliche von dieser textlastigen Darstellungsform angesprochen fühlen. Dennoch ist «Wie die Frauen zu ihren Rechten kamen» ein anregendes Buch, um jungen LeserInnen dieses Thema näherzubringen. Nicht zuletzt indem es zeigt, dass Gleichberechtigung weiterhin eher Ziel als Realität ist, wie der Autor mit Verweis auf unbezahlte Haushaltsarbeit sowie auf das fehlende Stimmrecht für Personen ohne Schweizer Pass deutlich macht.

Turbulenter Alltag

Während die oben genannten Bücher von einer politischen Fragestellung getragen werden, steht im Comic «Akissi. Auf die Katzen, fertig, los!» keine Botschaft im Vordergrund, sondern die gleichnamige vorlaute Protagonistin, die in der ivorischen Stadt Abidjan lebt. In vierzehn Episoden erzählen Marguerite Abouet und Mathieu Sapin vom turbulenten Alltag des kleinen Mädchens mit den vielen Zöpfen, das seine Eltern regelmässig in den Wahnsinn treibt: Akissi zieht sich Bandwürmer aus der Nase und jagt damit ihren Bruder; sie betrinkt sich unabsichtlich mit Messwein; oder sie fängt sich absichtlich Läuse ein, um ihre Mutter zu einer Kurzhaarfrisur überreden zu können.

«Akissi» ist ein erfrischender und humorvoller Bildband für Kinder, der mit seiner starken Mädchenfigur überzeugt. Bleibt zu hoffen, dass bald weitere Ausgaben des französischsprachigen Comics ins Deutsche übersetzt werden und dass die Diversität unserer Lebensrealitäten auch zu einem neuen «normal» in Kinder- und Jugendbüchern führt.

Die Auswahl der im Artikel besprochenen Bücher basiert auf einer Zusammenstellung von «Vor.Bild.Büchern» des Netzwerks Schwarzer Frauen Bla*Sh: www.facebook.com/NetzwerkBlackShe.

Am 24. März 2019 veranstaltet Bla*Sh eine Lesung aus diesen Büchern im Frauenraum Bern.

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