Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

Heimat? Nur im Plural!

Überall reden sie jetzt wieder von der «Heimat». Auch einige Linke versuchen, den Begriff neu zu besetzen. Was sie übersehen: Einen «linken Patriotismus» kann es nicht geben.

Von Anna Jikhareva

Heimat ist, wo der Hirsch hängt: Projektionsfläche für ein Gefühl, das sich nicht beschreiben lässt. Foto: Danita Delimont, Getty

Dass in der Politik neue Konzepte aufkommen, ist selten. Eher werden alte Prinzipien neu verhandelt, eignen sich neue Milieus alte Vorstellungen an. Und weil das politische Gedächtnis oft ziemlich kurz ist, erleben manche Begriffe ein Revival, von denen man eigentlich dachte (oder zumindest gehofft hatte), sie würden in der Versenkung bleiben. Am besten lässt sich das gerade am Heimatbegriff beobachten. Kaum ein anderes Wort hat zuletzt eine steilere Karriere hingelegt.

Für viele Menschen mag das Wort positiv besetzt sein, es weckt vielleicht Erinnerungen an die Kindheit, spezielle Orte oder Gerüche. Der Begriff selbst bleibt dabei vage, dient als Projektionsfläche für ein Gefühl, das sich nicht richtig beschreiben lässt. Die Rede von der Heimat spiegelt ein reaktionäres Bedürfnis wider: die Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, die es so nie gegeben hat. Was früher «Nation» hiess oder «Leitkultur», ist heute «Heimat». Make Heimat great again.

Politisch ist die Rede von der «Heimat» vor allem Ausdruck des Rechtsrucks. Nicht nur, weil der Heimatbegriff als zentrales Element der NS-Ideologie historisch vorbelastet ist. Ähnliches gilt auch für seine heutige Verwendung. Bei den Pegida-Demos rufen sie «Heimatschutz statt Islamisierung». Thüringer Heimatschutz nannte sich eine militante Neonazibande, der auch die späteren TerroristInnen des NSU angehörten.

So schön homogen

Auch viele rechtskonservative Parteien haben die Heimat für sich gepachtet. Die SVP etwa setzt schon lange auf die Heimat, im neusten Programm ist ihr sogar ein ganzes Kapitel gewidmet. Das Wahlkampfmotto der FDP lautet «Unsere Schweiz – unsere Heimat», und in Deutschland taufte ein Innenminister, der die erfolgreiche Ausschaffung afghanischer Geflüchteter gerne mal als persönliches Geburtstagsgeschenk feiert, sein Amt in «Ministerium des Innern, für Bau und Heimat» um.

Die Autor*innen Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah haben Letzteres zum Anlass für ihren Essayband «Eure Heimat ist unser Albtraum» genommen. Darin geht es um die Befindlichkeit jener, die sich vom Heimat-Revival bedroht fühlen, und um einen Staat, der die (meist migrantischen) Opfer rechter Gewalt nicht gleichermassen schützt. Und es geht um die Lebensrealitäten jenseits einer homogenen weissen Gesellschaft: prekäre Arbeitsverhältnisse, Rassismus und Diskriminierung im Alltag. Was im Heimatbegriff mitschwingt, machen die beiden Herausgeber*innen gleich zu Beginn klar: «Heimat hat in Deutschland nie einen realen Ort, sondern schon immer die Sehnsucht nach einem bestimmten Ideal beschrieben: einer homogenen, christlichen weissen Gesellschaft, in der Männer das Sagen haben, Frauen sich vor allem ums Kinderkriegen kümmern und andere Lebensrealitäten schlicht nicht vorkommen.»

Der Grüne in der Trachtenjacke

Umso erstaunlicher, dass auch die Linke wieder versucht, die Heimat für sich zu reklamieren, sie «positiv zu besetzen». Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen von den Grünen setzte in seinem Wahlkampf fast schon penetrant darauf: Plakate zeigten ihn mit Hund und Trachtenjacke auf der Alp. «Wer seine Heimat liebt, spaltet sie nicht» stand drunter. Die Schweizer Grünen-Chefin Regula Rytz kündigte an, der SVP «den Heimatbegriff streitig machen» zu wollen. Schliesslich verkörpere ihre Partei den «wahren Heimatschutz». Und der Basler SP-Mann Beat Jans schreibt sogar an einem Buch mit dem Titel «Heimat für Linke». Die Linke dürfe nicht ignorieren, dass die Globalisierung das Bedürfnis nach Zugehörigkeit geweckt habe, findet er.

Das Problem dieser linken HeimatfreundInnen: Einen «linken Patriotismus» kann es nicht geben. Das Gefühl der Entfremdung, das so oft beklagt wird, hat vor allem ökonomische Ursachen; es gründet nicht auf dem Umstand, dass in der Politik zu wenig von Heimat die Rede ist. Und die Rechte ist nicht deshalb stark, weil sie das Thema wirkungsvoller aufgreift. Wer «Heimat» als politische Kategorie verwendet, hat Ausgrenzung im Sinn. Oder ist zumindest naiv. Denn solange Heimat an Herkunft gebunden ist, bleibt sie national gedacht, schliesst also unweigerlich jene aus, die nicht ohnehin schon dazugehören. In der Schweiz sind das mehr als dreissig Prozent der Bevölkerung. Solange der Heimatbegriff in einer imaginären Vergangenheit wurzelt, dient er dazu, sich gegen «das Fremde» zu verteidigen – wenn es sein muss, auch mit Gewalt.

In die Zukunft gedacht

Bezeichnend war deshalb kürzlich auch der Titel einer deutschen Polittalkshow: «Heimat Deutschland – nur für Deutsche oder offen für alle?» Für die erwähnten afghanischen Geflüchteten etwa ist Heimat nicht dort, wo sie gerade leben oder wo sie selbst ihre Zukunft sehen. Sie haben sich der Weisung des Innenministeriums zu unterwerfen: Heimat ist dort, wohin sie ausgeschafft werden. Heimat ist immer dort, wohin man irgendwann zurückgeht. Deshalb spricht auch die vermeintlich harmlose Frage nach der Herkunft den Gefragten jede Wahl ab.

Wie eine Beschäftigung mit dem Thema aber auch aussehen kann, zeigt Sasa Stanisic mit seinem neuen Buch «Herkunft». Der Hamburger hat über den Umgang mit der Heimat eine wunderbare Autobiografie geschrieben: über seine Flucht aus Bosnien und die Ankunft in einer Heidelberger Hochhaussiedlung, über seine Grossmutter in Visegrad und einen Zahnarzt namens Dr. Heimat, über eine «abgerockte Aral-Tankstelle» schliesslich, in der er den Inbegriff einer Utopie sieht. Was Stanisic in «Herkunft» so treffend beschreibt, ist das Zugehörigkeitsgefühl jener, die Heimat nicht in der Vergangenheit verorten – etwa deshalb, weil es das Heimatland gar nicht mehr gibt. Von jenen auch, die Heimat stets im Plural lesen.

Den vierzehn AutorInnen im Essayband «Eure Heimat ist unser Albtraum» geht es derweil nicht zuletzt um Selbstermächtigung. Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann hat eine eigene Definition von Zugehörigkeit: «Schaffen wir unsere eigenen Strukturen, und wenn wir in Gefahr sind, werden wir uns aufeinander verlassen können», schreibt sie. Und für die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal bedeutet Heimat vor allem, Teil der Erinnerungskultur zu sein. Entscheidend sei nicht, wo man herkomme, sondern wo man hinwolle.

Als progressiver politischer Begriff taugt die Heimat nicht. Retten lässt sich das Konzept erst, wenn sich die gemeinsame Zugehörigkeit als Zukunftsszenario begreifen lässt. Wenn Menschen mit Mehrfachzugehörigkeiten auch mehrere Heimaten haben können. Solidarität statt Heimat: Wie das geht, hat der marxistische Philosoph Ernst Bloch in seinem «Prinzip Hoffnung» definiert, geschrieben während des Zweiten Weltkriegs. Heimat ist bei ihm eine Utopie, die nicht nach Herkunft fragt. Heimat, so Bloch, ist «etwas, worin noch niemand war».

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