Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

Mit goldenen Scheren zur Revolution

Der US-Regisseur Jordan Peele («Get Out») wirft in seinem neuen Horrorfilm «Us» die Symbolmaschine an – und verstrickt uns in ein Netz aus Zeichen und Zitaten. Doch ist das wirklich mehr als eine Aneinanderreihung von cleveren Anspielungen?

Von Daniela Janser

Die dämonischen Anderen, das sind immer wir selbst: Die doppelte Adelaide (Lupita Nyong’o) beim Showdown im Schulzimmer. Still: Universal

Vielleicht können erst zukünftige Generationen diesen Film erfolgreich entschlüsseln? Womöglich brauchen wir schlicht noch etwas Zeit, bis die weissen Kaninchen, die goldenen Riesenscheren, die Menschenketten, toten Propheten und wütenden DoppelgängerInnen sich sinnvoll zu einem «Kommentar über die USA» im Jahr 2019 zusammenfügen. Als solchen jedenfalls versteht Regisseur Jordan Peele («Get Out») seinen neuen Horrorfilm «Us», dessen Titel sowohl «wir» als auch «United States» bedeuten kann.

Zum Vergleich: Auch Alfred Hitchcocks Film «Die Vögel» stiess bei seiner Premiere 1963 auf Unverständnis. Die «New York Times» etwa wollte in dem Film partout weder allegorische noch soziale Aussagen erkennen. Heute sehen wir Hitchcocks Horrorklassiker – eines der vielen Vorbilder von Jordan Peele – als kluge Parabel auf Zeitgeist und Befindlichkeit im Kalten Krieg. Die aggressiven und sich zusammenrottenden Vögel verkörpern anschaulich eine unkontrollierbare tödliche Bedrohung, wie später etwa auch Steven Spielbergs weisser Hai, den Peele ebenfalls zitiert.

Kopien aus Fleisch und Blut

Vielleicht ist «Us» aber auch einfach eine leere Aneinanderreihung von unzähligen Verweisen und Symbolen, die alle ins Abseits führen? Die schöne englische Bezeichnung dafür ist «red herring», gemeint sind falsche Fährten, Nebelkerzen, Ablenkungsmanöver. Aber Ablenkung wovon? Die Fährten, die Peele in den ersten Szenen auslegt, weisen in den Untergrund – auf Schrifttafeln erklärt man uns, die USA seien unterhöhlt mit zahlreichen stillgelegten Tunnels, deren Herkunft oft unklar sei – und zurück ins Jahr 1986: Am Fernseher läuft gerade ein Werbespot über die Hilfsaktion «Hands Across America». Quer durch die Vereinigten Staaten bildeten sich damals Menschenketten, und alle Händchenhaltenden spendeten je zehn Dollar – für Obdachlose und andere Arme. Auch der amtierende Präsident Ronald Reagan machte mit, während er gleichzeitig die Sozialhilfebudgets radikal zusammenstrich.

Nach dieser vielversprechenden Exposition zeigt Peele – maximal symbolträchtig – ein kleines Mädchen, das im «Thriller»-T-Shirt und mit einem rot glänzenden Paradiesapfel in der Hand auf einem Jahrmarkt in ein verspiegeltes Gespensterhaus hineinspaziert. Dort begegnet es sich selbst – aber nicht einfach im Spiegel, sondern als einer höchst unheimlichen Kopie aus Fleisch und Blut.

Gut dreissig Jahre später kehrt das Mädchen von damals als Mutter und Ehefrau Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o) an den Ort des Schreckens zurück – nur um dort nach Einbruch der Dunkelheit erneut von DoppelgängerInnen heimgesucht zu werden. Diesmal stehen allerdings leibhaftige Kopien ihrer ganzen Familie in der Hauseinfahrt: Vater, Mutter, Tochter und Sohn, alle mit identischen weinroten Arbeitsoveralls, Sandalen und brutalen Augenringen. In den Händen halten einige goldene Scheren, mit denen sie wie programmierte Killerroboter auf die Originalfamilie losgehen. Es folgt ein langer, sehr genregerechter Showdown zwischen allen ebenerdigen Menschen des Landes und ihren nächtigen Doubles; wobei Peele seine schwarze Bilderbuchfamilie auch noch an einer neureichen weissen Trashfamilie spiegelt und so alte rassistische Horrorfilmregeln witzig in den Senkel stellt.

Doch wer sind nun die dämonischen Anderen? Darauf antwortet Peele in «Us» mit einer ausbuchstabierten Binsenweisheit des Horrorgenres: letztlich immer wir selbst. Oder etwas elaborierter: Diese Anderen sind unsere eigenen Schattenseiten, Verkörperungen von Schuld und Verdrängtem. Am Ende muss Adelaides Doppelgängerin das alles in einem Schulzimmer vor einer Wandtafel auch nochmals ausführlich erklären: ein schwerfälliger Exkurs, der filmisch einer Kapitulation gleichkommt. Die bitterböse Sondierung eines weissen «aufgeklärten» Rassismus in Peeles gefeiertem Erstling «Get Out» war da um einiges eleganter erzählt.

Gegen die Spiegelwand geknallt

Was bleibt, ist ein rundherum verspiegeltes Horrorkabinett aus alten und neuen Zitaten. Doch wer anfängt, die evozierten Bilder und Zeichen zu dekodieren und auf einen kohärenten Sinn abzuklopfen, knallt schnell gegen die nächste Spiegelwand oder landet in der Banalität. Auch haben andere Horrorfilme Peeles Themen schon viel eindringlicher durchgespielt. Man erinnert sich an die isolierte Familie im Banne ihrer Dämonen in Stanley Kubricks «Shining», an die abgehängten Konsumzombies bei George A. Romero oder an die Home Invasion mit nihilistischer Mordlust in Michael Hanekes «Funny Games».

Endlose Zeichenkette

In «Us» herrscht dagegen eine entkernte und ausufernde Vieldeutigkeit. Der Film präsentiert uns ein unterirdisches Tunnelgeflecht, bevölkert von zugerichteten tierischen und menschlichen Versuchskaninchen. Eine Art Entsprechung ist die Menschenkette von 1986, die am Ende von «Us» wieder aufgenommen wird. Und analog dazu funktioniert der Film selbst als endlose Zeichenkette, die aber nirgendwohin führt, sondern immer nur neue Zeichenglieder addiert: ein T-Shirt, einen Song, ein Bibel- oder Filmzitat.

Am Ende bleiben einige logische Löcher, aber auch ein paar wuchtige visuelle und symbolische Pointen. Eine Menschenkette sieht abstrahiert aus wie ein Scherenschnitt – oder wie aneinandergereihte geöffnete Scheren. Bei Peele steht sie zuerst für politische Heuchelei und Kitsch – und wird letztlich zur Keimzelle einer Revolution. Aber auch diese Revolution bleibt ein leeres Zeichen.

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