Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

Zeit für die Schuldfrage

Die Unwetterkatastrophe in Moçambique und dessen Nachbarländern hat einmal mehr gezeigt: Die Klimaerhitzung trifft jene am heftigsten, die am wenigsten dazu beitragen.

Von Raphael Albisser

Fast zwei Wochen nachdem Tropensturm Idai in Moçambique auf Land traf, zeigt sich allmählich das wahre Ausmass der Verwüstung. Gänzlich fassbar wird die Katastrophe aber kaum; nur langsam treffen die Meldungen aus den riesigen überschwemmten und unzugänglichen Landstrichen ein. Auf Satellitenaufnahmen ist westlich der vom Tropensturm fast komplett zerstörten Küstenstadt Beira eine Wasserfläche zu sehen, die an ein Binnenmeer erinnert. Über Tage und Wochen mussten Menschen ohne Nahrung auf Hausdächern und in Baumkronen ausharren, um sich vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen, die mancherorts gegen zehn Meter hoch standen.

Allein in Moçambique sind nach aktuellem Stand 468 Menschen ums Leben gekommen. 259 weitere sind es in Simbabwe und 56 in Malawi, den Nachbarländern. An die drei Millionen Menschen sind unmittelbar auf Katastrophenhilfe angewiesen. Die Zahlen werden wahrscheinlich noch wesentlich ansteigen, womit der Sturm zu den schlimmsten Unwetterkatastrophen gehört, die sich je auf der südlichen Erdhalbkugel ereigneten.

Schon vorher betroffen

Es ist fast schon ein zynischer Zufall, dass Idai ausgerechnet am 15.  März in Moçambique einfiel – dem Tag, an dem weltweit Hunderttausende auf die Strasse gingen, um politische Massnahmen gegen die Klimaerwärmung zu fordern. Zwar lässt sich zwischen Extremwettern und der menschengemachten Erhitzung des Planeten im Einzelfall kaum ein kausaler Zusammenhang belegen: Die Klimawissenschaft beschreibt nicht spezifische Vorkommnisse, sondern errechnet Mittelwerte und statistische Wahrscheinlichkeiten. Aber der Verlauf des Sturms entspricht ihren Modellen. «Aufgrund steigender globaler Temperaturen wird es insgesamt nicht mehr, aber immer mehr heftige tropische Wirbelstürme geben», sagt Klimawissenschaflerin Ulrike Lohmann, Professorin an der ETH Zürich.

Schon vor dem Sturm hätten die Menschen in den betroffenen Gebieten mit erschwerten klimatischen Bedingungen zu kämpfen gehabt, sagt Joachim Merz, Programmleiter der NGO Solidar Suisse, die in der Katastrophenregion Entwicklungsprojekte unterhält. Die Trockenzeit habe letztes Jahr überdurchschnittlich lange gedauert, und der Regen sei daraufhin heftiger ausgefallen als sonst. «Für weite Teile der Bevölkerung bedeuten diese Extremwetter einen Totalausfall der Ernte», sagt Merz. Erste Priorität habe deshalb die Versorgung der Menschen mit Wasser und Nahrungsmitteln. Mittelfristig sei aber weiter reichende humanitäre Hilfe nötig: «Zerstört wurden auch Strassen, Brücken, Spitäler und Schulen. Die öffentliche Infrastruktur muss wieder aufgebaut werden.» Eine Infrastruktur, die ohnehin sehr schwach ausgebaut ist in Moçambique, das zu den zehn ärmsten Ländern der Welt gehört.

Wo der Preis bezahlt wird

Wenn es der hiesigen Politik nun endlich dämmert, dass sich das Klima nicht länger ignorieren lässt, sollte sie der jungen Klimabewegung besser gleich richtig zuhören. Denn auf den Demos der AktivistInnen ist immer wieder auch die Forderung nach «Klimagerechtigkeit» zu vernehmen.

Der Begriff wird von der Öffentlichkeit noch immer reichlich schwammig aufgegriffen: Er bezieht sich nicht bloss auf eine «klimagerechte Politik», wie es gewisse Schweizer ParlamentarierInnen mittlerweile vermelden, sondern auf eine «gerechte Klimapolitik». Auf eine Politik also, die berücksichtigt, dass die Klimaerhitzung jene Menschen am krassesten trifft, die kaum Schuld daran tragen.So liegt der Pro-Kopf-Ausstoss von CO2 in Moçambique rund fünfzehnmal tiefer als in der Schweiz. Hinzu kommt, dass der Wohlstand, der auf Basis fossiler Brennstoffe über die letzten Jahrhunderte hinweg weltweit generiert wurde, enorm ungleich verteilt ist. Während der Norden also profitiert, zahlt der Globale Süden den Preis.

Bereits vor sieben Jahren hat der Bundesrat eine Strategie «zur Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz» aufgegleist – im Wissen, dass angesichts auftauenden Permafrosts, schwindender Gletscher, Trockenperioden und Überschwemmungen erhebliche Schutzmassnahmen nötig sein werden. Die Mittel sollen bereitstehen, um die «Anpassungsfähigkeit von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt» zu sichern und «Chancen» zu nutzen, «die sich aufgrund des Klimawandels ergeben». In der Klimapolitik geht es aber nicht nur um die Zukunft der Schweiz, sondern ebenso um die globale Gegenwart. Und im Gegensatz zur Schweiz werden sich die wenigsten Länder der Welt die nötigen Investitionen leisten können.

Moçambique etwa habe nach heftigen Unwettern in der Vergangenheit zwar grosse Fortschritte erzielt, was Katastrophenprävention und Bewältigungsstrategien betreffe, sagt Joachim Merz von Solidar Suisse. Die jüngste Katastrophe übersteige die Kapazitäten der nationalen Behörden aber bei weitem. Daran ändern auch die 300 000 US-Dollar nichts, die der Rohstoffkonzern Exxon Mobil, der vor der Küste Moçambiques Öl und Gas fördert, für Hilfsmassnahmen zur Verfügung stellte. Stattdessen ist die mickrige Spende symbolisch für das Unrecht, das die Klimaerhitzung mit sich bringt: Mit 244 Milliarden US-Dollar war der Umsatz von Exxon Mobil zuletzt rund siebzigmal grösser als Moçambiques gesamte Staatsausgaben.

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