Nr. 14/2019 vom 04.04.2019

Alles gratis auf der Strasse

Michelle Steinbeck blinzelt schwitzend ihre Tränen weg

Von Michelle Steinbeck

Die Völkerwanderung hat begonnen.

Ich fahre den Transporter im Schritttempo durch die mit Ikea-Säcken beladene, sich durch die Strasse schiebende Masse. Unsere Zeit ist abgelaufen, die gerichtlich gewährte Gnadenfrist vorbei; 110 Mietparteien müssen nun endgültig ihre heruntergekommenen, strom- und heiztechnisch gemeingefährlichen und doch geliebten Zuhause verlassen.

Während wir schwitzen und schleppen und Tränen wegblinzeln, freuen sich andere: die Pensionskasse, die endlich diese unbrauchbaren Immobilien samt verlaust darin hausendem Pack loswerden und auf dem gewonnenen Boden Geld machen kann. Aber auch das passierende Volk, das sich für den aussortierten Hausrat der Zügelnden interessiert. Vor jedem Haus stapeln sich Teller und Tassen und DVD-Sammlungen. Es ist unübersehbar: Die Nachbarschaft wird aufgelöst, das lebendigste, lärmunempfindlichste Quartier der Stadt ist Geschichte. Bis bald, winken wir und wissen: Wir sehen uns nicht wieder. Es verstreut uns in alle Richtungen: Künstlerinnen ziehen illegal in ihre Ateliers, Musiker übergangsweise zu ihren Instrumentalschülern, Studierende zu ihren Eltern, Alte ins Heim, Familien aufs Land.

Ich gehöre zu den Glücklichen, die noch ein Schnäppchenzimmer in einem anderen Quartier ergattern konnten – Mangelware. Schliesslich häufen sich die Massenkündigungen in Basel gerade in mietgünstigen Blöcken. Aber zügel mal eine Achtzig-Quadratmeter-Vierzimmerwohnung in ein Dreizehn-Quadratmeter-Zimmer. Die fetten Jahre sind vorbei, Platz für Besitz ist vergangener Luxus. Wochenlang wird sortiert; erst zögerlich, dann immer energischer: Alles auf die Strasse!

Und dort passiert ein Spektakel. Die Leute lieben Gratissachen. Ihre Hände werden von dem Kram magnetisch angezogen; wie Zombies schleichen sie mit unwillkürlich ausgestreckten Armen aus allen Richtungen heran. Sie fallen vom Fahrrad, weil sie den Kopf nach dem alten Racletteofen drehen; sie setzen sich das Pastasieb wie einen Hut auf und sagen: «Dieser Chromstahl ist fantastisch.» Sie können ihr Glück über die Kugelschreibersammlung kaum fassen. Ich gerate in einen regelrechten Rausschmeisswahn, wir schliessen Wetten ab: Wie lange dauert es, bis die verranzte Matratze wegkommt? Einmal den Rücken gedreht, schon ist sie um die Ecke verschwunden. Und plötzlich wird es ganz leicht, zum Schrott auch Geliebtes zu legen – andere werden es mindestens genauso lieben. Und ich sehe in diesem erzwungenen Umzug plötzlich etwas Versöhnliches. Und werde leichter und leichter.

Später liege ich im neuen Zimmer. Schau ich an die Decke, sieht es aus wie mein altes. Statt heimeligem Dieselöl brennt hier in den Heizöfen Gas. Aus Lungenkrankheitsangst wird Explosionsangst, aber ist wohl ökologischer so und schliesslich eh schon fast Sommer. Ich stiere ans Loch in der Decke, wo eine Lampe hängen sollte, und nach und nach dämmerts unheilvoll: Ich vermisse meinen Schrott. Wie eine Parade zieht er vor meinem inneren Auge vorbei, und ich weiss nicht, wie ich ohne ihn leben soll. So weine ich um eine alte Kambly-Schachtel oder die Wohnung und Zeit meines Lebens, während all die unausgepackten Kisten, deren Inhalt unmöglich ganz in dieses Zimmer passt, mich langsam, aber unerbittlich erdrücken.

Michelle Steinbeck ist Autorin und ist ausgezogen. Sie ist für Renovation und gegen Spekulation mit Wohnraum.

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