Nr. 14/2019 vom 04.04.2019

In bester Tradition

Von Daniel Stern

«Es tut mir im Herzen weh. Meine Generation hat keine Zukunft»: Happige Sätze, die die SchülerInnen der Klimastreikbewegung in einem offenen Brief an ihre Eltern formulierten. Für kommenden Samstag rufen sie landesweit erneut zu Demonstrationen auf. Sie wollen sich nicht mehr aufhalten lassen, nicht nur reden, sondern handeln. Und sie fordern die Erwachsenen auf, sich ihnen anzuschliessen. Der Druck auf die Politik, griffige Massnahmen gegen die Erderhitzung zu beschliessen, soll sich weiter verstärken.

«Kinderkreuzzug» wird dieses Engagement inzwischen nicht nur in der «Weltwoche», sondern auch im bürgerlichen Leitmedium NZZ genannt. Die «schwärmenden» SchülerInnen stützten sich in ihrer «quasireligiösen Begeisterung» auf WissenschaftlerInnen, die in «düsteren Farben» vor der nahenden Katastrophe warnten. «Radikalismus» würde keine Probleme lösen, so Chefredaktor Eric Guyer.

Übertreiben die SchülerInnen und die Wissenschaft? Haben sie sich in der Irrealität verfangen? Die Fakten sind klar: Der Weltklimarat der Uno – ein durch und durch ausgewogenes Gremium – warnt vor schwerwiegenden Auswirkungen bereits bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad Celsius. Es sei zwingend, dass bis 2030 ein Rückgang des CO2-Ausstosses um 45  Prozent (auf den Stand von 2010) erfolge.

Tatsächlich ist der globale CO2-Ausstoss 2018 aber um 1,7  Prozent angestiegen. Laut der Internationalen Energieagentur ist das sogar doppelt so hoch wie im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Es passiert also genau das Gegenteil von dem, was passieren müsste. Und das soll kein Grund sein, sich um seine Zukunft zu sorgen? Wer hat hier einen Realitätsverlust?

Kommt hinzu, dass dieser Anstieg auf lange Sicht zementiert wird. 1,9 Billionen US-Dollar haben 33 der grössten Banken der Welt seit dem Pariser Klimaabkommen vor drei Jahren der fossilen Industrie zur Verfügung gestellt, wie grosse internationale Umweltorganisationen kürzlich ausgerechnet haben. Das Geld wurde etwa für den Bau neuer Raffinerien, Pipelines und fossiler Kraftwerke verwendet. Mit diesen Investitionen wird eine globale Maschinerie am Laufen gehalten, die die Erderhitzung auf lange Sicht weiter vorantreibt. Vielleicht wird dereinst ein internationaler Strafgerichtshof aufarbeiten, was da gerade passiert.

Die Schweiz trägt eine grosse Verantwortung. Das Argument, unser Land sei beim Klimaausstoss ja unbedeutend, ist falsch. Die Schweizer Banken, allen voran die Credit Suisse, gehören zu den führenden Finanzhäusern, die die Öl-, Gas- und Kohlekonzerne beraten und sie mit neuen Krediten versorgen. Der Schweizer Grosskonzern Glencore betreibt über zwei Dutzend Kohleminen. Und auch die Schweizer Versicherungen spielen eine bedeutende Rolle, wenn es darum geht, die fossile Industrie am Laufen zu halten. Müssten die genannten Unternehmen auf Druck von der Strasse und von AnlegerInnen oder dank politischer Entscheide diese Geschäfte einstellen, hätte das globale Auswirkungen.

Die Schweiz kann aber auch sonst viel tun. Die Politik kann fossile Energieträger massiv verteuern und schrittweise verbieten. Die Einnahmen aus den Treibhausgasabgaben kann sie jenen Ländern zur Verfügung stellen, die jetzt schon unter der Erderhitzung leiden und Schutzmassnahmen verstärken müssen. Das wäre Klimagerechtigkeit. Laut einem von Alliance Sud veröffentlichten juristischen Gutachten ist das im Rahmen der Bundesverfassung möglich.

Nötig für eine solche Politik ist eine Portion Pragmatismus (oft als schweizerisch gelobt) und die Überwindung der Ideologie, wonach es der freie Markt schon von selbst richten wird. Nötig ist auch Radikalität, also die Bereitschaft zur tiefgreifenden und unabdingbaren Veränderung der Verhältnisse. Auch das steht im Übrigen in guter Schweizer Tradition: Schliesslich waren es die Radikalen, die 1848 den schweizerischen Bundesstaat gründeten und das Land vom Joch rückwärtsgerichteter Ideologien und zementierter Machtverhältnisse befreiten. Damals übrigens unterstützt von der NZZ.

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